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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

. . . Um Mißverständnissen vorzubeu- 
gen, sei zunächst eine Definition des 
Begriffes Stilmöbel gegeben: es handelt 
sich dabei um heute hergestellte Möbel, 
für deren Formgebung - unter Be- 
rücksichtigung zeitgemäßer Zweckhaf- 
tigkeit w Dekorationsprinzipien und 
Ornamente vergangener Stilepochen 
verwendet werden. Das Ergebnis ist 
somit nicht als Kopie, sondern als 
Nachempündung zu bezeichnen. Die 
Auswahl der Ornamente erfolgt zumeist 
nach Gesichtspunkten wie: passend. 
wirkungsvoll, geschmackvoll, hübsch i 
und hält sich nur sehr allgemein, oft 
sehr vage an historische Vorbilder. 
Daran schließt sich folgerichtig die 
Frage, ob diese Einstellung neu ist 
oder ob man bereits in der Vergangen- 
heit bei der Anfertigung von qualität- 
vollem Gebrauchsgut (und nur davon 
kann hier die Rede sein) nach ähn- 
lichen Grundsätzen vorgegangen ist. 
Die Antwort lautet: ja i im Zeitalter 
des Historismus, in der Gründer- oder 
Ringstraßenzeit . . . 
Und wie verhält es sich mit der zeit- 
genössischen Produktion? Sie lehnt jede 
Übernahme historischer Stilelemente 
oder deren Ncichempfindung strikte 
ab und will formal autonom sein. 
Stilmöbel folgen also einem Gestal- 
tungsprinzip, das heute vor mehr als 
130 Jahren - mit Beginn des zweiten 
Rokoko - aufgestellt wurde und bereits 
seit ungefähr 70 Jahren nicht mehr 
gültig ist. 
Sind die sogenannten Stilmöbel des- 
halb, weil sie einer früheren Kunst- 
auffassung folgen, als legitime Fort- 
führung des daraus hervorgegangenen 
Stils zu betrachten und verdienen sie 
daher die gleiche Bewertung wie die 
Werke jener Stilepoche, die sie ver- 
gegenwärtigen? 
Diese Frage muß entschieden mit Nein 
beantwortet werden. 
Warum? - Seit der Renaissance können 
wir nur dann von einem Stil sprechen. 
wenn eine bestimmte Art der Gestaltung 
sich auf die schöpferischen Leistungen 
historisch faßbarer künstlerischer Per- 
sönlichkeiten, Kunstrichtungen oder 
-schulen zurückführen lassen. 
Man denke, um nur einige Namen 
aus verschiedenen Zeiten zu nennen. 
an denstilbildenden EinflußA. C. Boulles, 
der großen Pariser Ebenisten des 
18. Jahrhunderts, Perciers und Fontaines 
zu Napoleons Zeiten in Frankreich: 
Chippendales, Hepplewhites. Shera- 
tons und Adams in England; Schlüters, 
Plitzners, Cuvillies und Schinkels in 
Deutschland. 
In der Epoche des Historismus war es 
nicht anders. Diese Kunstrichtung wurde 
entscheidend durch das publizistische 
und baukünstlerische Schaffen Gott- 
fried Sempers begründet; ihm folgten 
Theophil Hansen sowie alle Architekten 
der Ringstraße und nicht zuletzt die 
wahrhaft stilbildende Wirkung des 
Österreichischen Museums für Kunst 
und Industrie sowie der Kunstgewerbe- 
schule, deren Lehrer der gewerblichen 
ProduktionWiens und derÖsterreichisch- 
50 
ungarischen Monarchie richtungwei- 
sende Impulse gaben. 
Das gilt genauso für die Möbelge- 
staltung im 20. Jahrhundert: sie wird 
geprägt durch die oft kühnen und 
höchst individuellen Neuschöpfungen 
von Van de Velde, Josef Hoffmann, 
Josef Olbrich, Josef Frank, Marcel 
Breuer, durch die Grundsätze der 
Werkbundbewegurig, des Bauhauses. 
durch Gio Ponti in Italien und durch 
die vorbildlichen Arbeiten skandina- 
vischer Möbelentwerfer. 
Hat einer dieser Künstler. eine dieser 
künstlerischen Institutionen Stilmöbel 
entworfen? Meines Wissens nicht. Es 
hätte nicht in ihr Konzept gepaßt, das 
dahin gerichtet war: Unter Berück- 
sichtigung der Funktion des Möbels 
und der modernen Produktionsmetho- 
den sowie Materialien, neuartige. 
schlichte, klare Formen zu entwickeln. 
In welche Kategorie sind also die 
Stilmöbel einzuordnen? 
In die Gattung der bloß nach kommer- 
ziellen Rücksichten gestalteten Erzeug- 
nisse. Nicht künstlerische Erwägungen 
sind maßgebend. sondern die Bezug- 
nahme auf günstige Absatzmöglich- 
keiten. 
Wenn also Verkaufschancen bestehen, 
müssen sie einem Bedürfnis entspre- 
chen. 
Und damit kommen wir zu dem im 
Thema der Diskussion enthaltenen 
Problem des „gemütlich Wohnens", 
wozu die Erwerbung von Stilmöbeln 
beitragen soll. 
Ja kann denn Gemütlichkeit im Waren- 
katalog ausgewählt und dann wohl- 
verpackt in die leeren vier Wände 
einer bezugsfenigen Wohnung mit den 
neuen Möbeln mitgeliefert werden? 
Ist Gemütlichkeit nicht vielmehr eine 
höchst individuelle Leistung? Ja. sie 
resultiert aus der Summe aller sehr 
differenzierten und vielschichtigen An- 
logen einer Persönlichkeit, die sich eine 
Wohnung einrichtet, gestaltet. 
Der sprachliche Ausdruck ist hier sehr 
aufschlußreich: der Wohnung soll Ge- 
stalt gegeben werden, sie soll eine 
durch die Sinne erfaßbare Ganzheit 
darstellen, wie sie der Mensch selber 
ist. 
Die Atmosphäre einer Wohnung sollte 
nichts anderes sein als eine Aus- 
strahlung des Wesens, der Interessen, 
der Veranlagung dessen, der in ihr 
lebt, eine Projektion aller dieser Eigen- 
schaften in den Lebensraum der intimen 
Umwelt. 
Das ist nicht mit Konfektion zu er- 
reichen. Weder unter Verwendung 
von Stilmöbeln noch von modernem 
Mobiliar. 
Die Voraussetzung dafür, daß die 
Empfindung der Behaglichkeit. des 
Sich-zu-Hause-Fühlens aufkommen 
kann, bildet ausschließlich das Vor- 
handensein jener Dinge, die für den 
Bewohner mit geistigen und seelischen 
Werten angereichert sind und daher 
diese Seiten seines Wesens ansprechen: 
eine Beeinflussung, die sich auch auf 
den Besucher überträgt. 
Zum Schluß daher noch eine sehr 
entscheidende Frage: Ist Gemütlichkeit 
überhaupt als ein Formprinzip, als ein 
künstlerischer Wert anzusprechen? 
Ich möchte diese Frage verneinen. 
Immer standen formale und ästhetische 
Überlegungen im Vordergrund, frei- 
lich waren sie auch stets aufs engste 
mit der Berücksichtigung der Material- 
gerechtheit und der Zweckhaftigkeit 
verbunden. 
Diese beiden Komponenten. das For- 
male und die Funktion, zu harmo- 
nischem Ausgleich zu bringen, ist ja 
die Aufgabe, die der entwerfende 
Künstler und der Hersteller zu erfüllen 
haben, damit ein gutes Erzeugnis der 
angewandten Kunst entsteht; ein Ter- 
minus übrigens, der tatsächlich sehr 
treffend das Wesen eines künstlerisch 
gestalteten Gebrauchsgegenstandes be- 
zeichnet. 
Und wenn ich mich nun an dieser 
Stelle kurz der anderen Seite. nämlich 
der nach modernen Grundsätzen ge- 
stalteten Möbelproduktion, zuwende, 
dann scheint mir hier der Moment 
gekommen. um für die Käufer von 
Stilmöbeln gelegentlich doch einiges 
Verständnis aufbringen zu können. 
Manchmal hat es nämlich den Anschein. 
als würden die Entwerfer der modernen 
Möbel allzusehr dem Prinzip einer 
uneingeschränkten Autonomie huldigen. 
In der Verfolgung einer Maxime, eines 
Programms, dem sie sich verschrieben 
haben und das sie nun - getrieben 
von der Faszination des Experimen- 
tierens - bis zur äußersten Konsequenz 
zu verwirklichen trachten, geraten sie 
nur zu leicht in den luftleeren Raum 
eines überspitzten Formalismus oder 
Konstruktivismus. Durch diese Ein- 
seitigkeit wird jedoch der Blick auf 
das Ganze verstellt, d. h. die Beziehung 
zum Menschen wird vernachlässigt, 
wenn nicht gar außer acht gelassen. 
Und doch sollten alle diese Dinge in 
erster Linie für ihn, zu seinen guten 
Diensten und zu seiner Freude - nicht 
nur zu Nützlichkeit und Verbrauch - 
geschaffen sein. 
Ich denke da vor allem an die ge- 
legentlich doch als hybrid zu bezeich- 
nenden Gebilde aus Metall und aus 
gepreßten Materialien. die vielleicht für 
Wartehallen in Flughäfen. in Groß- 
banken u.ä. geeignet sein mögen. 
deren konstruktivische Kälte aber kaum 
für ein Leben lang in einer Wohnung 
ertragen werden kann. 
Solche Produktionen haben die Flucht 
zu den Stilmöbeln heraufbeschworen 
und verschuldet. Sie fallen besonders 
auf, und die negative Reaktion. die sie 
auslösen, wird auf alles Moderne über- 
tragen. Denn der Mensch neigt nun 
einmal zu Verallgemeinerungen. 
Stilmöbel sind gewiß nicht der geeignete 
Weg zu gut gestaltetem Wohnen - das 
Gemütliche wollen wir beiseite lassen. 
das soll und muß der Mensch selbst 
leisten W aber sie sind auch eineständigc 
und wahrscheinlich berechtigte Heraus- 
forderung an die zeitgenössischen Ent- 
werfer und Künstler.
	        

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