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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 96)

der deutschen Variante _des Barock be- 
stätigt, deren Kennzeichen Robert de Cotte 
erkannt hat. Die Anhäufung der Rustika- 
Elemente an der Ostseite spricht für die 
expressionistisch-dramatische Stimmung des 
deutschen Geistes, die nahezu als Leitmotiv 
der deutschen Kunst angesehen werden 
kann. Die Architektur hat jedoch etwas 
Strenges und Militärisches an sich, und der 
Autor des Berichtes vom Jahre 1784 hat 
sich nicht geirrt, wenn er sie als „dorischcn 
Stil" bezeichnete, aber in der toskanisch- 
deutschen Variante. Auf alle Fälle stellt 
dieses Tor das hervorragendste erhaltene 
Denkmal des Barockstils in Belgrad vor. 
Die übrigen Stadttore, z. B. das Zindan-Tor 
(Abb. 19) an der Südostseite, Weisen ähn- 
liche Elemente und sogar einen diskreten 
dekorativen Aufwand auf: von Kugeln 
gekrönte Pyramiden, ein schön ausge- 
arbeitetes Kranzgesims mit Schlußstein, die 
Kapitelle der Säulen in Form kleiner Volu- 
ten, schließlich Verschalungen in Rustika. 
mit geränderten Quadern. Am Schlußstein 
sind die Initialen „L P" eingeschnitten, die 
von Vilovsky als „Leopoldus Primus" 
gedeutet wurden 41. 
Das zur Zeit der Türkenherrschaft bei den 
Serben so übelbeleumdete Stambol-Tor 
(Abb. 20) hieß im 18. Jahrhundert wegen 
der in der Nähe liegenden Württemberg- 
oder Alexanderkaserne „Württemberger 
Tor". Anastas jovanovic hat uns seine 
Außenansicht überliefert, während Djura 
jaksiö die Innenansicht mit dem halbkreis- 
förmigen Gewölbe darstellt43. Es unter- 
schied sich seiner Fassade nach nicht we- 
sentlich von den übrigen erhaltenen Stadt- 
toren, nur war es massiver gebaut und stellte 
eine wahre kleine Festung mit Öffnungen 
für die Kanonenrohre dar. 
Weit weniger bekannt ist das Aussehen der 
Klöster und Herbergen der verschiedenen 
Mönchsorden, die ihren Sitz in Belgrad 
hatten. Nach der Beilanrlaufnabme mm 7728 
erbauten nur wenige dieser Orden neue 
Gebäude, während sich die meisten vor- 
handener Moscheen bedienten. S0 über- 
nahmen die Ilfinarilen eine Moschee als 
Kirche für sich, doch ihre Wohngebäude 
waren neu und bestanden aus 14 Räumen. 
Die jeiuilen und Kapuginer hingegen er- 
bauten neue Kirchen. Ihre Standorte sind 
auf Sparrs Plan Nr. 14 als große, komplexe 
Flächen eingetragen, die ein ganzes Recht- 
eck zwischen vier Gassen umfassen. Leider 
liefert die Berlandaufnabrne nur spärliche An- 
gaben über die katholischen Kirchen, noch 
weniger kann über ihren Stil gesagt werden. 
N. F. de Sparr lieferte eine Ansicht von 
Belgrad von der Südseite, aus der ersichtlich 
ist, daß die Kapuzinerkirche eine Kuppel 
mit hohem Tambour besaß, der auf Skizze 
Nr. 11 noch besser erkennbar ist. Eine 
interessante Einzelheit bildet der Grundriß 
der Kapuzinerkirche, deren Naos nach 
Sparrs Skizzen von elliptischer Form war. 
Aufdiese Weise scheint also auch in Belgrad 
ein Element auf, das dem Rokoko in 
Deutschland eigen war. Die Kapuziner- 
kirche war jedoch, ihrer Lage nach, dem 
Angriff der türkischen Artillerie gelegent- 
18 
lich der Besetzung unmittelbar ausgesetzt 
und wurde vollkommen vernichtet 44. 
Auch andere Ordcn begannen, anstatt der 
bisher benutzten Moscheen, Kirchen zu 
bauen: die Frangirkaner 1728, die juuilen 
173245. Nach Sporon hatten die Franzis- 
kaner ihre Kirche und ihr Kloster an der 
Stelle des heutigen Universitätsparks (wo 
sich die ehemalige Stadtverwaltung be- 
funden hatte)46. Spart jedoch weist sehr 
bestimmt an dieser Stelle den Komplex der 
Minaritenkirche nach; nördlich von ihr be- 
fand sich der „Thom", d. h. die Sabot- 
kirche oder die katholische Kathedrale. 
Laut Spart stand das Kloster der Franzis- 
kaner in Dorcola in nächster Nähe des 
jesuitenklosters. Die Kathedrale war ihrem 
Grundriß nach eine Basilika mit halbkreis- 
förmiger Apside. Davor befand sich ein 
freier Platz. Vielleicht handelt es sich hier 
um den Bau, den Sparr in seiner Skizze 
Nr. 12 und auf der zeichnerischen Dar- 
stellung der Besetzung Belgrads dargestellt 
hat, „dessine sur la Hauteur de Semelin" 
(Abb. 21). Die Kathedrale dominierte über 
ihre Umgebung, besaß ein sehr hohes Dach, 
einen hohen Glockenturm barocken Stils 
und hohe Fenster; letztere gemahnen an 
die spätere Neugotik im abendländischen 
Kirchenbau. Sie war zu Beginn eine Pfarr- 
kirche, wurde aber später von dem ersten 
katholischen Bischof in den Rang einer 
Kathedrale erhoben. Sie entstand durch 
Umbau einer der repräsentativsten Mo- 
scheen in eine Kirche. Vilovsky sah den 
Umbauplan dieser Moschee, ebenso den 
Entwurf für den Altar, und es wunderte 
ihn, daß er erhalten geblieben war, weil 
andere, wichtigere Pläne verlorengegangen 
sind. Auf Grund Sparrs Plan wies Lj. Nikiö 
auf die einzige Moschee in Belgrad hin, 
die gleichfalls als Kathedrale benutzt wor- 
den ist - die frühere Barjakli-Moschee 
(Fahnenmoschee), an der noch Spuren vor- 
genommener Umbauten bemerkbar sind". 
Die Herbergen der Franziskaner und Jesui- 
ten mit Grundrissen in Form unregel- 
mäßiger Vierecke besaßen eine Etage, 
Erdgeschoß und Keller48. Auf Sparrs 
Zeichnung von Belgrad sind an der Süd- 
seite eine große Zahl europäischer Ge- 
bäude, sogar zweistöckige, zu sehen, ferner 
Kuppeln von Kirchen, so daß hieraus ge- 
schlossen werden darf, daß Belgrad, ehe 
es in die Hände der Türken fiel, sein Aus- 
sehen in hohem Maße geändert haben 
mußte. Die katholischen Mönche hatten 
ihre Kirchen nach dem Jahr 1728 gebaut, 
und deren Architektur konnte sich auf das 
westliche Aussehen von Belgrad sehr aus- 
gewirkt haben. In Sparrs Plan Nr. 15 sind 
außer den Kasernen auch etliche Kirchen- 
bauten eingezeichnet, wahrscheinlich des- 
halb, weil sie die markantesten Gebäude 
von Belgrad waren und das meiste zur 
westlichen Physiognomie beitrugen. 
Die orthodoxe serbische Kirche kann aus 
Sparrs Skizzen als ein Bauwerk mit Drei- 
konchengrundriß und Kuppel auf Tambour 
identifiziert werden, während sie auf Plan 
Nr. 15 vielleicht nur verallgemeinert als 
Basilika mit halbkreisförmigcr Apside dar- 
gestellt wurde. Das Grundstück, das sie 
auf Plan Nr. 14 einnimmt, ist von recht- 
eckiger, dcr ausgebaute Teil aber von 
unregelmäßiger Form und erinnert einiger- 
maßen an den bei uns üblichen Kirchen- 
grundriß. Sie war jedoch an einer augen- 
fälligen Stelle errichtet worden und ist auf 
diesen Zeichnungen, die teils von der 
Banater, teils von der Zemuner Seite ange- 
fertigt worden sind, wie ein Symbol der 
Zukunft von Belgrad sichtbar. 
Außerhalb der äußeren Befestigungslinie 
befanden sich da: Alililärkrankenhaur (Ab- 
bildung 22), etwa in der Gegend der heutigen 
Terazije. Es war ein schöner Bau von 
quadratischem Grundriß, mit risalitartigen 
Vorsprüngen an den Ecken und mit einem 
großen Hof, in dem sich drei kleinere 
Bauten befanden. Da das Krankenhaus in 
der Bexlanzlaxzfnabme um 7728 nicht erwähnt 
wird, ist anzunehmen, daß es erst nach dem 
Jahre 1728 gebaut wurde. Es besaß Erd- 
geschoß und Etage mit einer größeren An- 
zahl von Zimmern und befand sich un- 
mittelbar auf dem Hang zu der Neigung 
gegen die heutige Balkanska-Straße hin. Es 
ist in Sparrs Skizze Nr.1"! festgehalten. 
Laut Vilovsky blieb sie bis zu den Zeiten 
Laudons erhalten 49. 
Über die Innenarchitektur dieser Bauten 
ist so gut wie nichts bekannt. Auf Grund 
gewisser Analogien ist es jedoch möglich, 
sich davon eine bestimmte Vorstellung zu 
machen. 
Obwohl über die Fassade der Bischofresidenz 
nicht viel bekannt ist, bestehen eine Reihe 
von Angaben über deren inneres Aussehen. 
Mit dem Bau dieses Schlosses war 1725 
begonnen worden, doch war er auch im 
Jahr 1737 noch nicht fertiggestellt. Man 
Weiß jedoch, daß das Gebäude ein Erde 
geschoß und ein Stockwerk mit rund vierzig 
Räumen besaß. Das Erdgeschoß des Schlos- 
ses war für den Aufenthalt bei Tage be- 
stimmt, der Oberstock für festliche Ge- 
legenheiten und für die Ruhe. Die beiden 
Geschosse waren durch die Hauskapelle 
beziehungsweise deren Chor miteinander 
verbunden, der sich, nach dem Muster der 
katholischen Bauweise, im Stockwerk be- 
fand. Aus dem Vorhof des Erdgeschosses 
führte eine Treppe aus Eichenholz in den 
Oberstock. Was die Innenausstattung der 
Zimmer betrifft, so waren sie zum Teil in 
westlichem Stil dekoriert, andere wieder in 
östlichem. Die Haupträumlichkeiten be- 
saßen Decken „in Stukkatur", also in 
gipserner Stuckplastik ausgearbeitet, die 
Nebenräumlichkeiten besaßen „gewölbte" 
Decken, und zwar Kreuz- oder Tonnen- 
gewölbc mit spitzgotischen oder lanzen- 
förrnigen Graten. Einzelne Zimmer wiesen 
am unteren Teil der Wand Verkleidungen 
auf; die Türen waren aus Eichen- oder 
Fichtenholz und mit zumeist doppelten 
und durch Farbüberzug geschützten 
schmiedceisernen Beschlägen versehen50. 
Die Decken der vornehmeren Zimmer 
wiesen Stuckverzierungen in der gleichen 
Weise auf, wie dies in Österreich und auch 
in der Wojwodina zu jener Zeit üblich 
war. In Sremski Karlovci und in Irig ist
	        

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