MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 96)

Der „Eiserne Vorhang" der Wiener Oper 
stellte ein kunstvolles Gittertor des Schlosses 
Belvedere dar. Anton Brioschi, der 1885 als 
Nachfolger seines Vaters Carlo an die Wiener 
Oper berufen wurde, hat ihn gemalt. 
Von besonderer Bedeutung in der Ge- 
schichte der Wiencr Vorhangmalerei ist der 
Piloty-Schüler Hans Makart (1840-1884). 
Mit einem gewissen Recht könnte man die 
meisten Bilder Makarts als gemaltes Theater 
ansprechen, der Freude am „mimenmäßigen 
Erzählen" entsprungen. Ihm gaben, schreibt 
Emil Pirchanll, „die großen Dramatiker 
immer wieder willkommene Anregungen 
zu Bildern wie ,Romeo und Juliaß ,Ophelia', 
,FalstaH', ,Faust' und der Sommernachts- 
traum', dessen rheatralisches Thema er auf 
den Vorhang des Wiener Stadttheaters nach 
seinem Entwurf malen laßt." 
Für Makart, der es meisterlich verstand, 
Figurenmassen schwungvoll und in lebhaft 
bewegten Gruppen darzustellen, und der 
außerdem eine Vorliebe für große Formate 
hegte, mußte die Bemalung eines Theater- 
vorhangs eine besondere Verlockung und 
Gelegenheit darstellen. Makarts Vorhang 
ging beim Brand des Neuen Wiener Stadt- 
theaters am 16. Mai 1884 zugrunde. Da 
dieses Haus 1872 errichtet worden war, 
kann der gezeigte Entwurf Makarts auf 
1872 datiert werdenll. 
Bruno Grimschitzß urteilt über Makarts 
Vorhanggemälde: „Makart beherrschte mit 
überlegener Kraft die riesigen Maße seiner 
Bilder. Wurden sie als Theatervorhänge 
entworfen oder gemalt, so lag schon in 
ihrer Verwendung der dekorative Schmuck- 
wert begriffen. Wie weitgehend die Ent- 
wertung aller Darstellungsformen - der 
iiguralcn und der architektonischen - für 
eine dekorative Gesamtbexvegung getrieben 
ist, offenbart der Entwurf für einen Theater- 
vorhang mit Szenen aus Shakespeares 
Sommernachtstraum, den Makart für das 
Wiener Stadttheater geschaffen hat. Der 
ornarnentale Rahmen verschmilzt mit der 
Figurenszene des Mittelfeldes zu einer 
völligen Einheit. So unabhängig ist Makart 
von den Erscheinungsformen des Lebens, 
daß die lineare Bewegung über Bild und 
Rahmen hinweggeht und die gegensätz- 
lichen Elemente zu einer ornamentalen 
Gesamtheit bindet. Das Dekorative stellt 
sich selbst dar. Es ist in seiner rauschenden 
Farbigkeit, in seinem tiefen, der vene- 
zianischen Malerei verpHichteten Glanz und 
in seiner gesteigerten Bewegung barock. 
Es ist die letzte und späteste Ausstrahlung 
barocker Formkraft." 
Makarts „ganze Art der ,Theaterhistorien- 
posem, schreibt PirchanW, „ist geradezu 
prädestiniert, die BühnenöHnung als span- 
nende Vorbereitung zum Spiel abzuschlie- 
ßen. S0 erdenkt er auch für die ,Komische 
Oper" (das später zu trauriger Berühmt- 
heit gekommene ,Ringtheater') als Vor- 
hangmalcrei den turbulentesten Bewegungs- 
taumel des ,Triumphes der Ariadnej auch 
J-lochzeit des Baechus und der Ariadne' 
betitelt. Das weitläufige Wandbild steht nun 
auf einem Sockel im breiten, von ihm 
selbst entworfenen Goldrahmen in der 
Österreichischen Galerie des 19.]ahrhunderts 
inWien. Gustav Künstler hat darin Parallelen 
zu dem ,Venusfest' von Rubens gefunden, 
das Makart im Kunsthistorischen Museum 
oft bewundert hatte. Unter anderen Ähnlich- 
keiten erkennt man den die Nymphe 
raubenden Faun des Ariadne-Gefolges sei- 
tenverkehrt im Rubensbild. C. V. Vincenti 
umdichtet die Liebeslegende dieses Bildes: 
,Der Bacchantenzug taumelt am naxioti- 
sehen Gestade der Braut des Gottes ent- 
gegen. Muschelgeschmeide spülen Wellen 
ans Ufer; huldigend schwingen sich Meer- 
weiber empor. Durch das tiefe, metallische 
Braungrün des breitblättrigen Feigenbau- 
mes blaut hie und da der Himmel, schwere 
Rebgewinde wuchten nieder, die Panpfeife 
ruft, der Zentaur schüttelt die Mohren- 
trommel, die ziegenfüßigen Lüstlinge jauch- 
zen auf und die Mänaden schwingen die 
weißen, heißen Leiber im Evoe-Taumel. 
Der weinschwermütige Silen legt den Arm 
um den Nacken eines Faunen, der mit 
begehrlichem Blick auf Ariadnen einen 
Dudelsack zerquält. Diese steht liebjauch- 
zend hoch auf dem Tigerwagen; sie scheint 
mit dem nacktschönen, lilienschlanken Lei- 
be, welcher aus der satten Purpurglut der 
Wagendraperie sich emporschwingt, wie 
die Flamme, welche der mühsam verhaltenen 
Sinnenglut des ganzen Bildes entlohnt . . f" 
Dieser Stil - wir haben das Zitat vor 
seinem Ende abgebrochen - und Makarts 
Stil mögen einander entsprechen; wie auch 
immer, die Zeitgenossen waren beeindruckt. 
Makart hatte zu diesem Vorhang zunächst 
eine flüchtige Farbskizze als Entwurf ge- 
macht. 1873 führte er den „Triumph der 
Ariadne" in Ölfarben aus, wie er im 
Belvedere in Wien zu sehen ist. 
Am 17. jänner 1874 war die „Komische 
Oper", für die der Vorhang Makarts be- 
stimmt War, eröffnet worden. Nach dem 
wirtschaftlichen Ruin stand das Haus eine 
Zeitlang leer, bis Franz Jauner es 1880 
als „Ringtheater" wieder erölfnete. Am 
8. Dezember 1881 wurde es von der oft 
beschriebenen, furchtbaren Brandkatastro- 
phe heimgesucht und vernichtet. 
Außer den hier beschriebenen Vorhängen 
Makarts, „Sommernachtstraum" und 
„Triumph der Ariadne" 15, hat der Künstler 
noch einige andere Vorhänge entworfen, 
so für Reichenberg und Karlsbad. Auch 
der Mozart-Vorhang des Landestheaters in 
Salzburg wurde in den Jahren 1892[93, 
also nach Makarts Tod, von den Brüdern 
Goltz (Wien) nach Entwürfen des in Salz- 
burg geborenen Künstlers angefertigt. Das 
Salzburger Vorhangbild zeigt Mozart auf 
einer eine Treppe krönenden Bank sitzend 
ins Land hinausschauen. Er ist umgeben 
von einem himmlischen Konzert musizieren- 
der Amoretten. Auch hier wieder üppigste 
Verschwendung dekorativer Elemente. 
Außer den großen Bühnen besaßen na- 
türlich im 19. Jahrhundert auch Wiener 
Privattheater gemalte Vorhänge. Nur an- 
deutungsweise kann hier zum Schluß auf 
einige Beispiele verwiesen werden, zumal 
sich nichts Gründliches darüber in Er- 
fahrung bringen ließ. 
Das Wiener Carl-Theater verfügte über 
einen Vorhang, der von Franz Lefler (1831 
bis 1898) gemalt worden war. Von Lefler 
gab es auch Vorhänge in Brünn, Augsburg, 
Odessa und Budapest. Eduard Veith (1856 
bis 1925) hatte außer einem Vorhang für 
das Deutsche Theater in Prag auch einen 
für das Deutsche Volksthearer in Wien 
geschaffen. 
Das am 13. Juni 1801 von Schikanedcr 
eröffnete Theater an der Wien, die damals 
größte Bühne der Stadt, hat ebenfalls eine 
Bedeutung in der Geschichte der Wiener 
Vorhangmalerei. In Bäuerles Theateralma- 
nach von 1813 wird anläßlich der Er- 
neuerung des Zuschauerraumes in diesem 
Theater auch von einem neuen Vorhang 
berichtet, der nach Entwürfen von Petter 
und Schedelberger von den Dekorations- 
malern Gail und Schilcher ausgeführt wurde 
und am 12. Oktober jenes Jahres zum 
erstenmal auf- und niederging. Direktor 
Karl Carl, der eigentlich Karl von Bern- 
brunn hieß, ließ das Haus 1838 abermals 
erneuern, und der damals von Antonio de 
Pian (1784-1851) und Friedrich Schilcher 
(181171881) entworfene Vorhang war der 
Vorgänger des sogenannten „Zauberflöten- 
Vorhangs", der mit Porträts von Schika- 
neder, Nestroy, Schulz, Raimund und Carl 
1864 von Grünfeld und Schilcher gemalt 
wurde 16. Der Vorhang zeigte eine heroische 
Landschaft mit ägyptischen Architektur- 
motiven und wirkt in der Eguralen Kom- 
position durchaus locker und vornehm 
(Pamina und Tamino). Mozarts „Zauber- 
flöte" war in diesem Hause schon am 
4. Jänner 1802 mit damals unerhörtem 
Prunk aufgeführt worden. 
ANMERKUNGEN 11-16 
1' Hans Makart. Leben, Werk und Zeit. Von Emil Pirchan. 
Wien u. Leipzig m2. s, es. 
w Abb. des Vorhangs ehda. um so. - Ferner bei nninn 
Grimschitz. Die Öslcncidlisdnc Zcichnung im I9. jahr- 
hundert. Wien 192a. 1mm m. Ferner bei E. H. "innm- 
mann, Zeichnungen von Romako und Makarr, in: m: 
bildenden Künsrc u, Wien 1919. Ferner in: Die Kunst 
im lkutschzn Reich. Jg. s, Folge 4, 1942. s. 104. - 
mm aller Quzllc beündet sich ein gemalte: Entwurf rii 
diesen Vorhing, (ICI auf der vs. Micrhkc-Auklion in 
Wim (unlcr m. m) vzrsteigcn worden ist. in den 
Slädlikhen Sammlungen Wien. 
30 
H zeiiiiiiiiiig iiiiii Aquarelle iii im ÖSICIYCÜCHÜSCIICH KURS! 
C16! w. Jählhulldüfli. in: Die KLIHSI iiii ÜEHCSCIICII Reich, 
{Et 6, Folge 4, 194 . S. 109. 
H ÜYCIIHD, MiKlHi s s: . 
ß Hinweise auf vrnsc cne siiimii bcidcr VOfHingb iIII 
MJICIWCIXQ dCS NBHDZCIIIIICH lhlhllhdCflS VOH Fr. v. 
Boettichcr. Teil I. 2. Drmdtn 1 95. s. 919, r In: Hans 
Mikßri VOII Cirl von Lülzow. SOXldCrdIlICk i!!! a" Zs. 
r. bild. Klllßl. Lcigzig 1886, IHCh s. 1a Ein Stich, dlf 
auf eine Wßtfhifil EIIVCISiOU lllrüCkgreifl (BZCChIEfCSI. 
n. Makzxt piiiii. D3! oiigiiiai im Besitz: dB! Herrn ]. 
Dimm iii LOHGOD. Vtfhg VOII E. A. 586ml!!!) iii Leipzig). 
w 125 Jim-e Theater an dCl wiiii. VDI} ixiiiiii BibtfhOfCf. 
Wien ms, Tafel 18. 
  
1 joharm Leopold Lieb. Emailschale. Wien, um 1780 b 
2 Signatur der Emailschalc Abb. 1 
3 Mittelausscluzin: Figurale Szene. Abb. 1 
ANMERKUNGEN 1-6 (zu Seite 31) b 
lThienxc-Bccker. Kürmlerlexikon. xxm, s. 195. 
1 s. 1a. Pzzaurrk. Dcurschc Faycnoe und Porzcllan-Hausmalcr. 
Lcipüg wzs. u, s. m. 
1 1-1. w. Braun, Kunst und Kunsthandwerk, vm. 1905, s. m. 
1 J. Folnuics-E. w. Braun, Gcschichtc der Wiener Porzellan- 
manufaktur. Wien 1901. s. 112. 
ß w. ChzlTcrs. Mm; and Mouograms o" Potrery and Pore:- 
mn. London 1874. 
ß 11.1. Charlcslon, Christoph und joharm von Jünger, enamd 
manufznurers in Vicnna, Antiquß. October 1959.
	        

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