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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 96)

gleichsam allmählich selbst verbrannte. gehört zu 
einer der suggestivsten Legenden der modernen 
Kunst. Kein Wunder. daß Filonow seiner Kunst 
auch in den schwersten Jahren der Dogmatik 
des Kultes treu blieb. So manches seiner Bilder 
atmet übrigens die deprimierende geistige Atmo- 
sphäre dieser Zeit aus. 
Das Werk des Malers P. N. Filonow. der am 
8. Jönner 1883 in Moskau geboren wurde. wächst 
aus der Erfahrung perfekter. naturalistischer 
Zeichnungen auf. Die Genauigkeit und Sachlich- 
keit der Beobachtung. die dem Werk als dauernde 
Eigenschaft anhaften, treten schon früh in den 
Dienst inhaltlich verallgemeinernder Komposi- 
tionen. ganz gleich, ob es sich nun um märchenhaft 
aufgefaßte Visionen oder um schreckenerregende 
Parabeln voll dunklen Schicksals handelt. In dieser 
ersten Zeit meldet sich die russische Sezession zu 
Worte. die sich zwischen zerbrechlicher romanti- 
scher Traumhaftlgkeit und tragischer Gespenstig- 
keit des Totenkultes und kosmischer Angst bewegt. 
Diese mystische Läuterung vollzieht sich, nachdem 
Filonow Jahre der handwerklichen und maleri- 
schen Schulung, Privatstudium und zwei Jahre 
Akademie in Petersburg (1908-1910) hinter sich 
hatte. Die Welt schicksalhafter Vertiefung, zu der 
das vorzeitig verwaiste Kind neigte. hallt jedoch 
bald von stärkeren Anregungen wider. Filonow 
wird eines der gründenden Mitglieder der Peters- 
burger Avantgarde des Jugendverbandes. Einer 
Gruppe. die zu den aktivsten und vielseitigst orien- 
tierten Zentren junger Künstler im vorrevolutio- 
nüren Rußland gehörte. 
Damals waren in Moskau und Leningrad bereits 
feste Kontakte mit dem Ausland aufgenommen 
worden. welche die immer mehr wachsende ein- 
heimische Entwicklung förderten. In den Jahren 
1912113 ging Filonow von naturalistischen. bis 
in alle Einzelheiten ausgearbeiteten visionören 
Szenen zu einer kompakteren. sparsameren und 
im Ausdruck kräftigeren Stilisierung über. Er fand 
für seine Entwicklung sehr anregende Ausdrucks- 
möglichkeiten in Kontaminationen und im Wechsel 
eines primitivisierenden Noivismus. einer vor- 
kubistischen Zusammensetzung und hochspirituel- 
len Formexpressivitüt. Sein frühes Hauptwerk, 
Das Gastmahl der Könige (1912113). dem der 
Dichter Chlebnikow so große Bewunderung 
zollte. führte Filonow bis an die Grenze gespensti- 
scher Grabesvision. Um den Tisch herum sitzt eine 
Gruppe gelenkiger Gestalten, die zum Teil in 
mystische Ekstase entrückt. zum Teil bereits vom 
Wein berauscht sind. Diese grauenerregende 
Vision wechselt jedoch mit einer Szene voll reinen 
poetischen Zaubers. wie das Bild Ostern (1912113) 
zeigt. eine rührend einfache Schilderung 
einer Familienfeier. bei der Engel assistieren. 
Neuerlich treten jedoch wieder symbolische 
Kompositionen auf. die auf das Thema mensch- 
lichen Herumirrens in der Welt weisen. wie etwa 
das lakonisch West und Ost benannte Bild bezeugt. 
das aus der gleichen Zeit wie sein Gemälde 
Ostern stammt. Filonow tritt bereits in dieser 
Phase. die den Modifikationen des Kubofuturismus 
unmittelbar vorangeht. als einer der ausgeprägte- 
sten russischen Maler dieser Zeit auf. Durch die 
Kraft seines verschärften innerlichen Sehens über- 
trifft er die stilistisch analogen, inhaltlich jedoch 
weit einfacheren Bilder Larionows und der 
Gontscharowa. ebenso wie die formal enger 
orientierten Arbeiten Malewitschs. 
ln den Jahren 1912113 wird jedoch zugleich 
eine neue Synthese geboren. deren geistige Ver- 
tiefung in der zeitgenössischen Weltkunst nicht 
ihresgleichen aufzuweisen hat. jedoch in manchem 
mit der Theorie und Praxis des Futurismus ver- 
bunden ist. einer revolutionären Richtung. die der 
erweiterten Erkenntnis ganzer Erfahrungskom- 
plexe den Weg in die Bildstruktur geöffnet hat. 
Es ist vor allem der psychoregistrative Faktor des 
Futurisrnus. der Filonow nahesteht und der dann 
in dessen Werk in stets tiefere prozessuale Zusam- 
menhänge gebracht wird. die die dynamische 
Struktur der totalen Realität enthüllen. Auch bei 
Filonow wird das Bild allmählich in eine Menge 
loser Mosaiksteine zerlegt. die die Fähigkeit der 
Formen zu stetigen Umwandlungen und gegen- 
seitigem Durchdringen repräsentieren. Die sub-
	        

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