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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 96)

jektive Vision vermischt sich mit der Materialanolyse 
'von objektivisierendem Charakter. Die Erfahrung 
ist unbegrenzt und steht dem Kosmos offen. Eine 
immer größere Wichtigkeit wird der Rolle der 
aktiven Bewußtseinselemente beigemessen, die das 
Erkennen in allen. also auch in den problematisch- 
sten und abstraktesten. häufig spekulativ konzi- 
ipierten Regionen subtiler Intuition kontrollieren 
und organisieren. 
Für Filonow bildet. ebenso wie für die Futuristen. 
-ein Thema ersten Ranges die Stadt. die neue 
historische Determinante des menschlichen Schick- 
sals. ein labyrinthischer Komplex, der sich dem 
gierigen Bewußtsein als lebendige und wuchernde 
Struktur darbietet. Für Filonow ist dies wieder ein 
Mythus. der seinen Helden braucht. Er hat ihn 
iim Gemälde Der Besieger der Stadt (1914115) 
dargestellt, als Mann mit scharf geschnittenen 
Gesichtszügen, in denen wir eine Mischung von 
Angst und angestrengter Konzentration und zu- 
gleich auch von Willen herauslesen. Filonows 
Symbol gilt nicht nur in abstrakter Ebene: der 
Maler versteht es. die Mechanik der Wirklichkeit 
in Dimensionen seiner Zeit zu enthüllen. deren 
pathologische Seiten er nicht unbeachtet läßt. 
Damals wird zum Beispiel jene sprichwörtliche 
Verbindung von Mensch-Tier geboren, die in 
seinem gesamten Werk noch einige Male auftritt. 
Einige seiner Bilder sind direkt historisch aktuell. 
Die Figuren auf seinem Bild Die Arbeiter 
(1 91 511 6) sind riesenhatte mechanische Monstren von 
anthropoidem Typus. Wir spüren das Dröhnen 
der vorrevolutionären Zeit, die Wuchtigkeit einer 
noch blinden Kraft. die in Kürze einen Großteil 
der Erde in Bewegung setzen wird. Die Wirklich- 
keit darstellen. das bedeutet. in dieser Auffassung 
ein perspektivisch-kritisches Konzept der Wirklich- 
keit bilden. Eine der unwiederholbaren Besonder- 
heiten von Filonows Zutritt zu einem neuen inhalt- 
tichen Bildkomplex liegt in der Verbindung der 
inneren Strömung subjektiver Spiegelung und der 
Autoanalyse mit historisch konkreter Beobachtung. 
Aus diesem Grunde haben einige seiner Werke. 
die man vielleicht auf den ersten Blick als halluzi- 
nierte Visionen auffassen könnte. so konkrete 
Namen wie Die Zeit der Revolutionen nach 1905 
(1911j12) oder Der deutsche Krieg (1914115) 
oder später Die Formeln des Leningrader Prole- 
tariats (1920[21). 
Filonow setzte bereits 1914 die Grundlagen seines 
Programmes fest. Zu theoretischen Erwägungen 
kehrte er dauernd in einer Reihe von Texten 
zurück. die zu den besten Programmthesen ge- 
hören. die wir in der Geschichte der modernen 
Kunst kennen. Hierher gehört vor allem Die 
Theorie der analytischen Kunst, die 1915 in der 
ersten Redaktion vollendet wurde. ferner Das 
Prinzip des Machens und Die Deklaration der 
Weltentfaltung. die 1923 in der Zeitschrift Zizn 
iskusstwa (Das Kunstleben) veröffentlicht worden 
ist. Dies ist die erste komplette Kritik der Einseitig- 
keit der Avantgarde. die überdies noch direkt 
aus deren Mitte kommt. Der im Sinne von Be- 
deutung abstrakten Formspekulation wird hier 
die Summe der Erfahrung in allen ihren gegen- 
seitig sich durchdringenden und bedingenden 
Komponenten gegenübergestellt. 
In der Deklaration der Weltentfaltung schreibt 
Filonow: ..Mein System nenne ich naturalistisch 
wegen seiner rein wissenschaftlichen Methode der 
Erwägung über ein Objekt. wegen der Fäh' keit. 
alle seine unter- und überbewußten Prädikate 
auf adäquat erschöpfende Weise zu ahnen oder 
intuitiv zu erfassen und so das Objekt auf eine 
dieser Auffassung entsprechende Weise darzu- 
stellen. Mein Prinzip setzt alle Prädikate des 
Objekts und des Milieus in Bewegung: das Sein. 
die Pulsation und ihre Sphäre. die Biodynamik. 
den Intellekt. die Emanation, die gegenseitige 
Beziehung. die Genesis. die Umwandlungen in 
Farbe und Form - kurz das Leben als solches. 
Mein Prinzip setzt das Milieu nicht nur als Raum 
voraus. sondern als biadynamische Sphäre. in der 
das Objekt in ununterbrochener Emanation und 
in wechselnden gegenseitigen Beziehungen exi- 
stiert; das Sein von Objekt und Milieu liegt in 
der ewigen Bildung und Umbildung von Inhalt. 
Form und Farbe (das absolute analytische Sehen). 
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