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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 96)

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12 P. N. Filunow. Die Abslrcklion. 1930. 01 auf Papier, 
62 X 87 Cm 
13 P. N. Filonow. Die Absiruklion, 1930. Öl au! Papier. 
75.2x 51.13 cm 
14 P. N. Filonow. Ohne Benennung (Gesichter), nach 
1930. O! auf Papier. 60x35 crn 
413 
14 
siegreichen Proletariat zum Geschenk machte und 
daß dies gerade jene Bilder waren, denen das 
Recht jeder Publizitüt am längsten verweigert 
wurde. Erst im August 1967 kannte in der kleinen 
Galerie der Sibirischen Abteilung der Sowjeti- 
schen Akademie der Wissenschaften im fernen 
Nowosibirsk die erste kleine Ausstellung seiner 
Werke eröffnet werden. Es ist gewiß kein Zufall, 
daß der Angriff gegen diese Barriere des Schwei- 
gens gerade von den Positionen der wissenschaft- 
lichen Welt aus geführt wird. Dies entspricht dem 
Charakter von Filonows Werk. Es müssen jedoch 
noch alle in staatlichen Sammlungen befindlichen 
Werke Filonows erschlossen werden. Auch seine 
theoretischen Texte, die vorerst nur in Abschriften 
kreisen, müßten herausgegeben und um die 
EditionseinesausdendreißigerJahrenstammenden 
Tagebuches Sorge getragen werden. Erst dann 
gelangen wir zu einem endgültigen Schluß über 
die außergewöhnliche Bedeutung dieses russischen 
Malers. 
B ist jedoch jetzt schon klar. daß er zu den charak- 
teristischesten Talenten gehörte, die die russische 
Erde je gebar. Er selbst kehrte stets zu diesen 
bodenständigen Quellen der russischen Tradition 
zurück und stellte sie in Gegensatz zu jenem 
einseitig auf die Form orientierten Teil der russi- 
schen Avantgarde. der er ihre westliche Aus- 
richtung zum Vorwurf machte. Einen Teil von 
Filonows Denken bildete auch das gut überlegte 
Projekt der ,.Übertragung des Kunstzentrums 
nach Rullland". ein zwar utopisches Programm, 
aber inmitten des fruchtbringenden künstlerischen 
Görens im Rußland der Revolution gut begreifbar 
und berechtigt. Die revolutionäre Note im Werk 
Filonows. deren Impulse bis in die Gegenwart 
reichen. liegt vor allem im Bestreben, die Gültig- 
keit der Formelemente auf den gesamten Bereich 
menschlicher Erfahrung auszudehnen. Filonow 
hinterließ ein großartiges Projekt der Integration 
verschiedener Typen der Erkenntnis, universale 
Modelle der Untersuchung des Bewußtseins (eines 
Bewußtseins. das nicht mehr die die Erfahrung 
in eine objektive und subjektive teilende, künst- 
liche Grenze kennt). Dies war bestimmt ein die 
menschlichen Kräfte übersteigendes Programm, 
in gewissem Sinne gewagt und visionör. das die 
ganze Persönlichkeit aufs Spiel zu setzen erforderte. 
Und Filonow besaß den Mut hiezu und hat ein 
solches Projekt realisiert. 
Es ist jedoch nicht allein nur diese originelle 
Konzeption. die uns heute an Filonows Werk so 
interessiert. Uns reizt die bizarre Metaphorik der 
Formen und der mystische. mit rationeller Vorliebe 
für die Analytik kombinierte Einblick in die 
Dinge, uns fesselt die trügerische Pracht sich stets 
wondelnder Formen und die Expressivitöt der 
Farbigkeit, Jedes der Werke Filonows ist ein 
unikates Kleinod. das auf der Ebene brillanter 
protessionaler Kultur zugleich die Spontaneität der 
volkstümlichen Kunsttabulation steigert, mit der 
Filonow nie den lebendigen und leitenden Kontakt 
verlor. Auch dort. wo sein Werk Ausdruck einer 
verletzenden Schicksalhaftigkeit ist, wo es in die 
dunklen Tiefen der Pathologie der Zeit verfüllt. 
auch dort bleibt es ein Beispiel hellsichtiger Sehne 
sucht nach Erkenntnis, die sonderbarerweise um so 
reiner und durchschlagender ist. je undurchdring- 
licher und unheilkündender das Material ist, das 
überwunden werden will. das überwunden werden 
muß. 
Filonaws theoretisches und malerisches Werk 
wächst als eine der höchsten Äußerungen der 
humanistischen Analyse über die Grenzen der 
Kunst hinaus und wird zu einem wichtigen Phäno- 
men der modernen Geschichte. Es gehört nicht 
nur einem Kulturkreis allein an, es ist weit allge- 
meiner, es hat Weltbedeutung. Desto eher müssen 
wir wünschen, daß ihm auch im Rahmen der 
russischen und sowjetischen Kultur die Stelle 
eingeräumt wird, die ihm von Rechts wegen 
gehört. 
(Ins Deutsche übertragen von M. A. Kotrbovd, 
Prag) 
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