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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 98)

Iich" bezeichnen konnte. Das Grazer Rat- 
haus, dessen Neu- und Umbau von 1887 
bis 1894 währte, ist jedoch weit mehr als 
ein repräsentatives Verwaltungsgebäude. 
Es war bis zum Jahre 1957, in dem 
aus Sicherheitsgründen die Mehrzahl der 
Fassadenstatuen entfernt werden mußte, 
ein profilierter Bedeutungsträger und ein 
Pantheon steirisch-österreichiseher Ge- 
schichte. Der Historische Verein für Steier- 
mark hatte ein Figurenprogramm ent- 
werfen, das nach interessanten ikono- 
logischen Prinzipien gegliedert war. An 
der Schauseite des Mittelrisaliten erhoben 
sich vier Standbilder von Habsbutger- 
kaisern (Rudolf I., Leopold II., Karl VI. 
und Friedrich III.), an den Schmalseiten des 
Mittelrisaliten befanden sich die Statuen 
von Karl Il., dem ersten Erzherzog, und 
Ferdinand II., dem letzten Erzherzog von 
Innerösterrcich. Die Seitenflügel der Haupt- 
fassade beherbergten Figuren von hervor- 
ragenden Feldherren und Staatsmännern 
(links: Guido Graf Starhemberg, Sigmund 
Graf l-Ierberstein, Rüdiger Graf Starhern- 
berg, rechts: Ulrich Fürst zu Eggenberg, 
Andreas Baumkirchner, Adam Freiherr von 
Dietrichstein). Als zweite Hauptfassade des 
Rathauses hat die Fassade in der Schmied- 
gasse zu gelten, deren Figurcnprogramm 
noch zur Gänze erhalten ist. Heute stehen 
noch auf dem Mittelrisaliten links die 
Statuen von Ottokar VI., unter dem 1180 
die Steiermark zum Herzogtum erhoben 
wurde, und rechts das Standbild LeopoldsV. 
von Babenberg, dem 1186 die Steiermark 
von Ottokar VI. überantwortet worden 
war. Dementsprechend befindet sich auf 
der Decke der Eingangshalle Schmiedgasse 
ein Allianzwappen beider Herrscherhäuser, 
das das figural dargestellte Ereignis herala 
disch festhält. Als weiterer Hguraler Fassa- 
dcnschmuck sind Büsten von Künstlern 
und Wissenschaftlern zu erwähnen, die an 
untergeordneter Stelle in Fcnstergiebeln an- 
gebracht und von der Straße nur schlecht 
wahrnehmbar sind. Dargestellt wurden in 
der Herrengasse Johannes Kepler und 
_]. B. Fischer von Erlach, in der Schmied- 
gasse der Minnesänger Harand von Wildon 
und der Dombaumeister Hans Niesen- 
berger (der u. a. am Mailänder Dom tätig 
war) sowie Ulrich von Liechtenstein. In der 
Landhausgasse ist der Verfasser des stei- 
rischen Schlösserbuches, Matthias Vischer, 
porträtiert. Selbstverständlich waren für die 
Realisierung dieses Figurenprogramms die 
besten Künstler ihrer Zeit eingesetzt. Wir 
nennen die Namen: Hans Brandstätter, 
Heinrich Fuss, Karl Peckary, Emanuel 
Pendl, Rudolf Vital, Paul Knotz, Ludwig 
Schadler, Josef Einspinner und Karl 
Lacher. Zusammenfassend kann gesagt 
werden, daß die Angehörigen des Herrscher- 
hauses die erste Stelle einnahmen, während 
Feldherren und Diplomaten aus adeligem 
Stand in der zweiten Ebene standen. Die 
Vertreter von Kunst und Wissenschaft 
mußten sich mit bescheidenen Plätzen be- 
gnügen. 
Auf die spezifischen Aufgaben eines Rat- 
hauses wiesen die vier 1957 entfernten 
Figuren über dem Haupteingang hin, die 
in allegorischer Weise Handel, Kunst, Wis- 
senschaft und Gewerbe darstellten. Zur 
Erinnerung an die Abwehr der Türken- 
gefahr wurden als Bekrönung des EinA 
gangsportals, Schmiedgasse 2, Landskneeht- 
Figuren aufgestellt, die heute noch erhalten 
sind. Auf den Innendekor des Rathauses, 
der weitgehend zerstört ist, kann an dieser 
Stelle nicht eingegangen werden. 
Wir kommen zu folgendem Schluß: Das 
Grazer Rathaus, dessen Fassade sich bereits 
1922 eine weitgehende Vereinfachung ge- 
fallen lassen mußte (Abb. 5), ist zweifellos 
kein Bau erster Qualität. Aber abgesehen 
davon, daß es längst schon zu einem 
Bestandteil des Grazer Stadtbildes geworden 
ist, kann es trotz zahlreicher Mängel dennoch 
als typisches Produkt seiner Zeit und damit 
als durchaus erhaltenswert angesehen 
Werden. 
{ 4 
4 Das Grazer Rathaus u: 
n 1900 
5 Das Gmzcx Rathaus im Summer 1966. Man beachte die 
1922 vereinfachten Fassaden der Ohcrgcschosse. Di: 
Nischenflguren wurden 1957 entfernt und Sllld verschollen 
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