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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 98)

 
Zudem verhinderte im Inland manches 
Ressentiment historischer, zum Teil partei- 
politischer Natur eine sachliche, unvor- 
eingenommen urteilende Annäherung an 
den Gegenstand und seine unparteiische 
Wertung nach seiner Rangordnung. Die 
Sowjetunion pflegt sehr wohl das An- 
denken der russischen Zaren und deren 
martialischer Hinterlassenschaft. Peter I. 
ist wieder Peter der Große. Iwan der 
Schreckliche ist Iwan der Große geworden. 
Österreich zuerkannt keinem seiner Herr- 
scher den Beinamen „der Große". Im 
Gegenteil, wahre Größe seiner Regenten 
ist oft eher der Mißgunst ausgesetzt. Sie 
wird verschwiegen, verheimlicht, ver- 
kleinert. Nur ein kleines Beispiel. Keinem 
Kaiser wurde etwa je eine österreichische 
Sonderbriefmarke oder eine Münzprägung 
gewidmet. Darin steckt ein ganzer Komplex 
unbewältigter Vergangenheit. Es sind die 
auswärtigen Kenner, vor allem der anglo- 
amerikanischen Lande, die es uns wohl- 
überlegt und neidlos immer wieder ver- 
sichern: Die Wiener Waffensammlung ist 
in ihrer Gesamterscheinung einfach die 
kostbarste, die umfassendste der abend- 
ländischen Welt. Gewiß, Madrid etwa 
weist mehr Harnischgarnituren des Augs- 
burger Meisterplattners Desiderius Helm- 
schmid auf. Dresden bewahrt eine größere 
Degen- und Textilsammlung. Stockholm 
und Kopenhagen verfügen über unver- 
gleichliche Königsgewänder des 17. und 
18. Jahrhunderts. Moskau hütet die prunk- 
vollsten historischen Sättel und Reitzeuge. 
Die Harnische der königlichen Werkstätten 
von Greenwich können nirgends so gut 
studiert werden wie in London. Gegenüber 
jedem dieser Spezialbestände jedoch kann 
in Wien auf verwandtcrn Gebiet durch- 
aus ein vergleichbares Plus verzeichnet 
werden. 
Schon im 13. und 14. Jahrhundert hat es 
vereinzelt deutsche Könige aus dem Hause 
Habsburg gegeben, deren Herrschaft von 
Wien ausging. Ab 1438 aber wird das 
Römische Reich Deutscher Nation (mit der 
einzigen Ausnahme der Jahre 1740 bis 
1745) bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 
von Wien aus regiert. Das Kaiserreich 
Österreich und später Österreich-Ungarn 
hat unter Habsburg-Lothringen seinen 
Mittelpunkt 1804 bis 1918 in Wien. Hier 
hat nicht nur ein einzelner Kaiser residiert 
Wie in Madrid. Von Wien aus haben an die 
zwanzig Kaiser und Könige geherrscht. 
Sie waren von Anfang an umgeben von 
vielen, und zwar von den verschieden- 
artigsten Völkern mit fremdartigen Spra- 
chen und mit eigenständiger Kultur. Die 
Kaiser herrschten als Kaiser eben nicht in 
nationalen Schranken und nicht mit chau- 
vinistischen Absichten, sondern im Sinne 
übergeordneter, vereinigender Begriffe, das 
alte römische Weltreich der Cäsaren vor 
ihrem geistigen Auge. 
So lehrt es in einzigartiger Weise, die 
Wiener Schatzkammer. Andere Institu- 
tionen ihrer Art mögen mehr blitzende
	        

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