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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

„Templum pacis" oder in dem gerechten 
Traianus - ihrem Wesen nach Gestalten 
desselben Stammes, wie wir sie in der 
SL-Wenzels-Kapelle der Prager Kathedrale 
finden -, nicht wieder König Wladislaw 
selbst personii-iziert? In der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts galt es als besonders 
aktuell, das Orakel der Sibylle darzustellen. 
Sie kündigte in der Identifikation mit der 
Königin von Saba (Abb. 9, 11) die Ankunft 
des großen christlichen Herrschers, der die 
Ismacliten besiegte, an. Nach dem Tod 
Friedrichs III. im Jahre 1493, der jener 
Herrscher werden sollte, auf den sich das 
Orakel bezog, ist der Gedanke des römi- 
schen Kaisertums ohne jeden Widerhall 
geblieben. Es ist genügend bekannt, wie 
Maximilian I. diesen Gedanken auffaßte, 
und im Lichte des treffenden Ausspruchs: 
„die römische Krone gehört auf die böh- 
mische" spüren wir offensichtlich auch die 
sehr hohen - von seinen wirklichen Mög- 
lichkeiten allerdings sehr entfernten H Herr- 
schaftsaspirationen Wladislaws II. Ähnlich 
wie man für die Renaissance-Tendenzen, 
die nach dem Jahre 1490 in der Architektur 
der Prager Residenz auftraten, Zusammen- 
hänge mit der italienischen Enklave in 
Ofen nachweist, so sind sie sichtlich auch 
im Falle der Kuttenberger Wandmalereien 
zu erkennen, die zeitlich den Fenstern des 
Wladislaw-Saals 7 mit der offiziellen Bau- 
inschrift VLADISLAVS. REX. VNGARIE. 
BOHEMIE.1.4.9.3. datiert - gleichzusetzen 
sind. 
Unbekannter Meister um 149a. Kutxcnh 
lnnlerci der sag. SmEek-Kapdle a" 5mm 
Köni 'n von Szba zu Salcmon kommnxd 
Unbe annler Meister um 149a. Kunenb 
mzlcrci der sog. Smßck-Kapellc der 51,111; 
Kaiser Augustus mit a" Tiburtinet Sibylle 
a-Kirc 
, Wal 
a-Kirc. 
Der heutige Mensch ist gewohnt, die ihn 
umgebende Realität in ihrer ganzen Fülle 
und Komplexheit wahrzunehmen und sie 
in Beziehung zur Vergangenheit zu setzen. 
So ist er auch imstande, bisher verhüllte 
innere Zusammenhänge zu entdecken. Dieses 
geschieht vor allem aus dem Bestreben, sich 
mit der Psyche der Menschen vergangener 
Zeiten und den Motiven ihrer Handlungen 
auseinanderzusetzen und diese zu interpre- 
tieren. Das Resultat ergibt dann oftmals 
eine veränderte Anschauung der histori- 
schen Epoche und deren Repräsentanten 
sowie eine völlig neue Einschätzung ihrer 
wirklichen Werte und Begebnisse. Unter 
der Regierung Wladislaws II. des Jagellonen 
erscheint Böhmen nach einer hundert- 
jährigen Zäsur wieder auf der europäischen 
Kulturbiihne. Das Land regiert ein König, 
der in der damaligen Weltpolitik den 
Gedanken des modernen Europäertums 
vertritt. (Allerdings beabsichtigte schon 
Georg von Podebrady die böhmischen 
Länder in den europäischen Konnex ein- 
zureihen, und ähnliche Ziele verfolgte in 
ihrer Politik auch die Jagellonischc Dynastie 
in Polen.) Wenn wir die Lage von diesem 
Gesichtspunkt betrachten, dann sind Wir 
nicht überrascht, daß Werke von wirklich 
europäischem Rang auch auf dem Gebiet 
der Kunst in den böhmischen Ländern 
entstehen konnten. Sie ragen mit erstaun- 
lich kristallener Reinheit empor, und es 
standen entweder der Herrscher selber oder 
Mitglieder des Hofes dahinter. So ist es 
unbestreitbar, daß die Tätigkeit Wladislaws 
11
	        

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