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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

Rudolf Bachleitncr 
ENTWURF FÜR DAS 
ALTARBILD „WUNDER DER 
HEILIGEN AGNES" 
VON JACOPO TINTORETTO 
In der Capella Contarini der Kirche Maria 
Geburt (Madonna delPOrto) in Venedig 
befindet sich ein wahrscheinlich von Tomaso 
Contarini (1488-1578) gestiftetes Altarbild 
„Wunder der heiligen Agnes", das, wie 
schon Vasari und Borghini erwähnen, von 
Jacopo Tintoretto gemalt wurde. Die 
Contarini gehören zu einem der ältesten 
venezianischen Adelsgeschlechter und 
brachten viele berühmte Männer im Laufe 
der Geschichte Venedigs hervor. 
Das Bild zeigt eine Begebenheit aus der 
Legende der hochverehrten römischen 
Märtyrerin Agnes. Die heilige Jungfrau 
erweckte durch die Kraft ihres Gebetes 
den jungen Licinius wieder zum Leben, 
obwohl er versucht hatte, ihr Gewalt 
anzutun. und deswegen getötet wurde. Sein 
Vater, der Präfekt von Rom, und eine 
Menge Volk nehmen erregt Anteil an dem 
wunderbaren Geschehen, während Engel aus 
himmlischen Höhen herabstürzen und den 
Siegeskranz für die standhafte Heldin her- 
beibringen. 
Die meisten Kritiker haben im Anschluß 
an Henry Thode, der in deutschen Landen 
Jacopo Tintoretto zuerst wiederentdcckte, 
dieses Bild unter die Frühwerke eingereiht. 
Hadeln datierte es um 1560, Adolfo Venturi 
noch später. Luigi Coletti versuchte die 
Datierung ins sechste Jahrzehnt zu schieben. 
Hans Tictze rückt es wieder in die Nähe 
des Bildes „Wunder des heiligen Markus", 
jenes Bildes, mit dem Tintoretto 1548 in 
Rivalität zu Tizian trat. Karl Maria Swoboda 
rückt es an den Beginn seiner mittleren 
Schaffcnsperiode. 
Eine Skizze zu dem Altarbild der heiligen 
Agnes im Kaiser-Friedrich-Museum in 
Berlin (Nr. 1724) zeigt bei Ähnlichkeit der 
allgemeinen Anordnung so beträchtliche 
Unterschiede der Komposition und des 
Stiles, daß man sie eher für einen Kon- 
kurrenzentwurf von anderer Hand (wahr- 
scheinlich Schiavone) halten möchte. 
Jacopo Robusti, genannt Tintoretla (: das 
Färberlein), weil sein Vater das Seiden- 
färberhandwerk ausübte, lebte von 1518 
bis 1594 und hat zeit seines Lebens seine 
Vaterstadt Venedig fast nie verlassen. 
Seine Grabstätte befindet sich in der Kirche 
Madonna delliOrto, in der auch einige 
seiner bedeutendsten Gemälde bewundert 
werden können. Herangeschult in der 
Werkstatt Tizians, entwickelte sich Tinto- 
retto zur führenden Künstlerpersönlichkeit 
der Übergangskunst von der Renaissance 
zum Barock. Obwohl auch er zu jenen 
zählte, welche die Höhe der Hochrcnais- 
sanee in Venedig länger festhielten als 
anderswo, ist in den meisten seiner Werke 
der innere Kampf zwischen frühen und 
späten Kunstrichtungen zu spüren. Weil 
Tintoretto nicht nur in jeder Manier seiner 
Zeitgenossen zu malen verstand und weil 
ihm die Formqualitaten der ganzen italie- 
nischen Kunst des 16. Jahrhunderts als 
Voraussetzung und als Quelle für seine 
Kunst gedient haben, wird die historische 
Sichtung seiner Werke nicht nur erschwert, 
sondern es können bei Datierungsfragen 
immer wieder Meinungsverschiedenheiten 
auftreten. Die Autorschaft Tintorettos ist 
bei dem Agnes-Bild zwar unzweifelhaft, 
doch ist die Frage der zeitlichen Einordnung 
in sein (Euvre noch nicht endgültig ge- 
klärt. 
Vor kurzer Zeit ist eine in Wiener Privat- 
besitz befindliche Farbskizze (Abb. 2) 
bekannt geworden, die eindeutig als vor- 
bereitende Studie fiir das Kirchenbild in 
der Capella Contarini (Abb. l) und als 
ein Werk Tintorettos zu bestimmen ist. 
Die Entwurfsskizze ist mit dem dazuge- 
hörigen antiken Renaissancerahmcn (Holz, 
Silber vergoldet) oben ebenso abgerundet 
wie das Altarbild selbst. Das Bild, Öl auf 
Leinwand, rnißt in der Höhe 80,7 cm und 
in der Breite 48 cm; es wurde vermutlich 
schon vor längerer Zeit rentoilliert, und 
zwar auf eine in Fischgrätmuster ge- 
webte Leinwand. 
Das wunderbare Ereignis um die heilige 
Agnes läßt Tintoretto im Freien, im Schat- 
ten eines rechts hoch aufragenden Gebäudes 
spielen. Die steile Bildliächc wird kon- 
trastierend in eine beschattete irdische 
Zone unten und in eine hellere himmlische 
oben geteilt. Die vordere Raumbühne ist 
dichtgedrängt mit Personen gefüllt. In dem 
dahinter gedachten helleren Freiraum ver- 
hindert der Prospekt einer antiken Ideal- 
architektur, in zum Teil ruinösem Zustand, 
den Fernblick, indessen aus einer Himmels- 
sphäre im Flug herabstürzendc Engel den 
Siegeskranz für die heilige Agnes bringen. 
Zwei anderen auf Wolken schwebenden 
Engeln fehlen auf der Skizze die Köpfe, 
weil sie zu hoch an den oberen Bildrand 
geschoben wurden. Das scheint sich un- 
gewollt aus der bekannt raschen Arbeits- 
weise Tintorettos ergeben zu haben. 
Ein virtuos ausgedachtes Kompositions- 
schema bringt nicht nur dramatische Be- 
wegung in die dekorative Personengruppe, 
sondern lenkt den Betrachter bewußt auf 
die beiden Hauptpersonen Agnes und 
Licinius. Eine aus Figuren gebaute Dia- 
gonale durchschneidet die untere Bildhälfte 
in zwei Teile, von links unten nach rechts 
oben. Der schräg am Boden liegende Licinius, 
der von einem Freund gestützt wird, bildet 
mit der hinter ihm kniendm Agnes und dem 
vor ihr stehenden herkulischen Präfekten 
Symphonius jene Diagonale. Ihr entspricht 
eine andere, die dadurch entsteht, daß eine 
rechts ins Bild stützende Gruppe leiden- 
schaftlich auf Licinius zueilt. Die heroi- 
sierte Gestalt der heiligen Agnes, nur 
wenig aus der Bildmitte nach links ge- 
schoben, leuchtet silbern-weiß aus dem 
Dunkel der sie umgebenden Menschen; sie 
ist der optische Mittelpunkt des Bildes. Von 
ihrem Schimmer fällt überirdischer Glanz 
auf alle Anwesenden. Man ist unwillkür- 
lich an die Formulierung der Legenda 
aurea erinnert: „Es stund aber ein Engel 
da und gab ihr ein lichtes Gewand, dessen 
Glanz das ganze Haus erfüllte." 
Mit den vielen porträtmäßig wiedergege- 
benen Personen sind wahrscheinlich die 
Mitglieder der Familie Contarini gemeint. 
Unmittelbar hinter Agnes fällt ein Edelmann 
in metallenem Harnisch, der ihren Mantel- 
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