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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

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blieb ihm verschlossen. Angeregt durch 
Michelangelos berühmte Skulptur malte er, 
sichtlich zu raschem Verkauf bestimmt, in 
Tempera auf Holz eine Pieta von 29 X 20 cm, 
heute in Amerika (Abb. 4). Viel Geld 
wird er damit nicht verdient haben; ein 
Porträt Clovios war ein Geschenk an 
diesen, und wieder war Greco durch die 
Not gezwungen, seine Arbeit der Markt- 
lage anzupassen. So entstand ein Bild 
außerhalb seines Schaffcnsbcreiches, der ein 
Stück Holzkohle anblasende junge im 
Museum von Neapel. Greco muß mit 
großen Plänen nach Rom gekommen sein, 
denn er äußerte sich, er könnte das Jüngste 
Gericht in der Sixtinischen Kapelle eben- 
sogut wie Michelangelo, aber mit Ehrbar- 
keit und Anstand malen. Deshalb von 
Roms Künstlerschaft angefeindet, kehrte er 
der Stadt den Rücken. Die zwei Jahre, die 
er dort zugebracht hatte, waren für sein 
Streben, aus seiner Sackgasse herauszu- 
kommen, fruchtlos geblieben. Er hatte 
seine Ersparnisse aufgezehrt und mußte 
daran denken, seinen Geldbeutel wieder 
aufzufüllen, denn er erkannte, daß er 
Italien verlassen miißte, wenn er seine 
künstlerische Mission erfüllen wollte. Einst! 
weilen kehrte er nach Venedig zu Tizian 
zurück. Seine eigene Produktion ruhte; 
doch sein Schicksal stand nicht still. Am 
2'). August 1576 raffte die Pest den greisen 
Tizian dahin und schlug die Tür seiner 
Werkstatt zu. 
Noch im selben Jahre übersiedelte Greco 
nach Spanien. Er verbrachte einige Monate 
in Madrid, dann ließ er sich für immer in 
Toledo nieder. Die Hälfte seines Lebens 
War vertlossen, und noch immer hatte er 
keine Gelegenheit gehabt, sein richtiges 
Künstlertum zu zeigen. Nun Hagen ihm 
große Aufträge gleichsam entgegen. Noch 
in Rom waren seine Leistungen bescheiden; 
nun in Toledo offenbarte sich mit einemmal 
seine ganze Genialität. Schon das Format 
seiner Gemälde imponiert. Die Himmelfahrt 
Mariens in der Kirche Santo Domingo el 
Antiguo in Toledo mißt 3,95 X2,28 m, 
das Mauritius-Martyrium3 im Escorial 
4,42 X3,02 m, das Orgaz-Begräbnis in Santo 
Tome in Toledo sogar 4,80)(3,6O m. 
Auch sonst lernen wir einen neuen Grcco 
kennen. Die Arcbitekturattrappen sind in 
Italien zurückgeblieben, und es gibt keine 
müßigen Statisten mehr. Alles ist persön- 
lich, keinen Vorbildern folgend und von 
niemandem erlernbar. Die Themen sind 
sorgsam verarbeitet, die Farben eigen- 
williger, die Bewegungen lebendiger, die 
Blicke seelenvoller. Die Lüsternheit Vene- 
digs weicht Visionäre: Versenkung, das Bild 
wird zum Gebet. Erschüttert steht man vor 
dem Wunder solcher Wandlung und fragt 
sich, wie es dazu gekommen war. 
Es wäre verfehlt, den Anstoß dazu erst 
in Toledo zu suchen. Der Umbruch in 
Grecos Geisteshaltung kam nicht durch 
seine Übersiedlung nach Spanien zustande, 
sondern umgekehrt war diese die Folge 
einer Läuterung, die sich in ihm irgendwo 
in Italien vollzogen hatte. Den Weg hin 
weist uns Greco selber in seinem Werke. 
Er hat den heiligen Franz von Assisi 
135mal gemalt, das macht rund ein Sechstel 
seiner uns bekannten Bilder. Keinen andern 
Heiligen hat er so oft dargestellt, und immer 
wieder ist er zu ihm zurückgekehrt. Hier 
muß des Rätsels Lösung zu finden sein. 
In der Kirche Santa Croce in Florenz war 
Greco durch Giottos Fresken auf Fran- 
(Anmerkungfl siehe s. 29 uutm) 
27
	        

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