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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

ziskus aufmerksam geworden, aber noch 
in seinen römischen Arbeiten deutet nichts 
darauf, daß er von ihm beeindruckt worden 
wäre. Daraus ergibt sich der zwingende 
Schluß, daß er auf dem Rückwege von 
Rom nach Venedig über die Via lilaminia 
aus Perugia, wo er den dort geborenen 
Vincenzo Anastagi gemalt haben dürfte, 
nach Assisi gegangen ist. Wann und wo 
denn sonst könnte er dem Heiligen so nahe 
gekommen sein? 
Die Bibel berichtet, daß Moses auf dem 
Berge Horeb vor dem brennenden Dorn- 
busch den göttlichen Zuruf vernahm: 
„Ziehe deine Schuhe von den Füßen, denn 
wo du stehst, ist heiliger Borlen"4. Ähnlich 
ergeht es jedem, der Assisi besucht. Die 
Stadt in den umhrischen Bergen ist so voll 
Spiritualität, daß auch ein Zufallsgast von 
ehrfürchtigem Schauer ergriHen wird. In 
tiefer Niedergeschlagenheit war (ireco hin- 
gekommen. Venedig hatte seincn Drang 
nach künstlerischer Entfaltung gelähmt, 
und der Aufenthalt in Rom hatte seinen 
Selbstbehauptungswillen vollends zermürbt. 
Nun erlebte er den heiligen Franz an der 
Stätte seiner Erweckung und fand Er- 
leuchtung. Sein wundes Herz gesundete, 
er war gerettet. Gern wäre er ganz in 
Assisi geblieben, aber die Stadt war zu 
klein, als daß er dort von seiner Kunst 
hätte leben können. Beim Abschied von 
ihr mochte er der Wbrte gedacht haben, 
mit denen Franz den Berg Alverna bei 
Bibbiena gesegnet hatte: „Gott behüte 
dich, Berg der Engel . . . Gott behüte dich, 
ragender Fels, nimmermehr werde ich 
hieherkommen, dich zu besuchen. Gott 
behüte dich, Fels, denn in deine Tiefen 
hast du mich aufgenommen, daß der 
Dämon verspottet draußen blieb"5. Zeit- 
lebens hielt er Franziskus die Treue; seine 
Dankbarkeit bezeugte er immer von neuem 
in seinen Bildern. 
Nach Assisi hat er in Italien nichts Eigenes 
mehr geschaffen; er wäre nicht imstande 
gewesen, den Pinsel für den Geschmack 
Venedigs in die Hand zu nehmen. In sich 
gefestigt wartete er geduldig seine Zeit ab. 
Aber bevor er fortzog, malte er in eine 
Ecke der noch in seinem Besitz befindlichen 
Tempelreinigung die Bildnisse von Tizian, 
Michelangelo, Clovio und Raffael. Eine 
Huldigung an diese Meister kann dies 
nicht gewesen sein; von Michelangelo als 
Maler hatte Greco bekanntlich eine geringe 
Meinung, Raffael kann ihm noch weniger 
bedeutet haben, Clovio hatte er als weit 
überschätzt erkannt, und ohne Trauer 
dachte er an Tizian, der sein Ingenium 
schonungslos niedergehalten hatte. Solange 
wir nicht wissen, wem er das so ergänzte 
Gemälde, das jetzt im Kunstinstitut von 
Minneapolis hängt, überlassen hat, werden 
wir seine Motive nicht erkennen können. 
Ich halte die Malerporträts für eine Absage 
an die italienische Kunst, auf die er in 
Kreta so große fiol-fnungen gesetzt hatte, 
an der er aber dann, wie wir gesehen haben, 
als religiöser Maler gescheitert war, bis er 
in Assisi Sicherheit fand. 
Mit Franziskus als Begleiter war ihm die 
Fahrt ins fremde Land kein ungewisses 
Abenteuer. in Spanien wurde er geradezu 
ein Apostel des Heiligen, den er dort erst 
bekannt machte. Kein Nialer hatte sich, 
wie Pachcco berichtet, vor ihm mit Fran- 
ziskus beschäftigtß. Nun verbreitete sich 
Grccos Verehrung für ihn über das ganze 
Iand. Immer wieder malte er ihn, nach 
Bildern in Assisi, aber in eigener Auffassung, 
mit den Kreuzigungsmalen, allein, mit 
Bruder Leo, mit Bruder Rufe, mit dem 
heiligen Andreas, mit dem Evangelisten 
Johannes, stehend, kniend, betend, medi- 
tierend, in Verzückung. So sehr hing er 
an ihm, daß er ihn an der Bestattung des 
Grafen Orgaz teilnehmen ließ7. Aber wie 
sehr er ihn auch verehrte, eines konnte er 
von ihm nicht erlernen: die scraphische 
klein, als daß er dort von seiner Kunst 
hätte leben können. Beim Abschied von 
ihr mochte er der Worte gedacht haben, 
mit denen Franz den Berg Alverna bei 
Bibbiena gesegnet hatte: „Gott behüte 
dich, Berg der Engel . . . Gott behüte dich, 
ragender Fels, nimrnerrnehr werde ich 
hieherkornmen, dich zu besuchen. Gott 
behüte dich, Fels, denn in deine Tiefen 
hast du mich aufgenommen, daß der 
Dämon verspottet draußen blieb"5. Zeit- 
lebens hielt er Franziskus die Treue; seine 
Dankbarkeit bezeugte er immer von neuem 
in seinen Bildern. 
Nach Assisi hat er in Italien nichts Eigenes 
mehr geschaffen; er Wäre nicht imstande 
gewesen, den Pinsel für den Geschmack 
Venedigs in die Hand zu nehmen. In sich 
gefestigt wartete er geduldig seine Zeit ab. 
Aber bevor er fortzog, malte er in eine 
Ecke der noch in seinem Besitz befindlichen 
Tempelreinigung die Bildnisse von Tizian, 
Michelangelo, Clovio und Raffael. Eine 
Huldigung an diese Meister kann dies 
nicht gewesen sein; von Michelangelo als 
Maler hatte Greco bekanntlich eine geringe 
Meinung, Raffael kann ihm noch weniger 
bedeutet haben, Clovio hatte er als weit 
überschätzt erkannt, und ohne Trauer 
dachte er an Tizian, der sein Ingenium
	        

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