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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

Ruediger Engerth 
EIN STEIN, DER WELLEN 
HERVORRIEF - 
JOHANNES ITTENS 
WIENER JAHRE 
Der Maler und Kunsterzieher" Johannes ltten, der 
Ostern 1967 in Zurich gestorben ist, gehart zu 
JEDEN Pcitriarchen der zeitgenössischen Kunst, die 
das Bild des gestolterischen Lebens in unserem 
Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Den 
Bedingungen, unter denen dieses zukunftsweisende 
Werk entstand, sollen im folgenden einige Ge- 
danken gewidmet sein. 
„Man Vllffl einen Stein. der Wellen hervorruft, 
aber wenn die Wellen verebbt sind. kuntmert sich 
nieniand mehr darum", sagte der Erste Dramaturg 
des Burgtheoters, Hermann Bohr, vor etwa funtzig 
Jahren zu einem nach nicht dreißigiahrigen 
Schweizer Maler, der sich bemühte, einer kleinen 
Gruppe von Schulern eine neue Art zu sehen und 
eine fur die genußtrohen Wiener mit der Aura des 
Ldcherlichen umgebene neue Farm der Lebens- 
gesnltiing beizubringen. Der tunge Mann, der 
sich ber die mangelnde Resonanz in den Kretsen, 
die sich fur tonangebend hielten, gegenüber dem 
Dichter der .,Rotte Korohs", der sein Leben lang 
nur allzuviel nicht immer erwünschte Resonanz 
gefunden hatte, beklagte, hteß Johannes ltten, war 
ein Lehrerssohit aus dem Berner Oberland und 
ein Schüler des in Stuttgart lehrenden Oster- 
reichers Adolf l-loelzel, in dessen Werkstatt er mit 
tda Kerkovius, Oskar Schlemmer und Willy 
Baumeister zusammengetroffen war. In diesem 
Kreis war er Agothe Kornfeld begegnet, und diese 
hatte ihn überredet. nach Wien zu kommen, wo 
si zufolge des kriegsbedingten Lehrerntaiigels 
- gute Aussichten für eine Kunstschule zu bieten 
schienen 
Offenbar hatte Frau Kornfeld in ihrein Eifer, den 
geschützten jungen Pädagogen nach Wien zu 
holen, die Möglichkeiten und Aussichten doch 
etwas übertrieben. Es gab M als Johannes ltten 
im t lerbst 1916, also gleichsam in den letzten Tagen 
der franziskaeiosephinischeri Epoche, nach Wien 
ubersiedelte dort zwar nur wenige Lehrer, es 
gab aber auch kaum Schüler Die angehenden 
iungen Malerwaren an derFronLSo bildeten einige 
von Agathe Kornfeld animierte Damen die Ure 
gemeinde der ltten-Schüler. Ein Übergewicht des 
weiblichen Elements blieb auch weiterhin ein 
Charak iristikurn der Wiener ltten-Schule, "Die 
meisten Schuler waren lrrouen, erinnert sich 
Otto Kallir (damals noch Otto Nirenstein), der 
zu Kriegsende in die Schule eintrat. 
Als ltten sich zur Reise nach Wien entschloß, hatten 
schon die verschiedensten Einflüsse auf ihn ein- 
gewirkt. Will] Rotzler stellt lest, dciß er sich 
zwischen 1914 und 1916 zunächst zum Kubismus 
hingezogen fühlte („Lesender" 19H und „Sache 
sünger" 1915516 sind wichtige Zeugen dieser 
Beziehung) und ab 1916 begann. „sich etwa gleich- 
zeittg mit Delaunoy in abstrakten Kompositionen 
auszudrucken, in denen die Simultankontraste und 
die Tarbklange eine Bedeutung erlangen, die 
ÜCUCINQEH der vielschichtigen formalen Kone 
struktion gleichkommt" (W. Rotzler im Katalog 
der Biennale, Venedig 1966). 
ltten selbst empfand seine Arbeit in jenen Jahren 
als ein Element der Entwicklung in der gesamt- 
europäischen Malerei. „An vielen Orten Europas 
haben zwischen 1912 und 1917 Kiinstlcr unabe 
hängig voneinander gearbeitet. deren Werke 
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