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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

AUS DEM KUNSTLEBEN 
ALBERTlNA 
Graphik zwischen Renaissance und 
Barock. Das Zeifaller von Breugel und 
Bellange 
Mil dem vierfen Teil ihres großen. 1963 be- 
gonnenen Graphik-Zyklus selzle die wlener 
Alberlinu ein in gleicher Weise fur die Kunsl- 
wissenschaffbedeulendes wie für das Publikum 
irileressanles und allraklives Unlerriehmen 
forf. dem auf Grund seiner Geschlossenheil 
und kurisllerischen Qualiföl innerhalb des 
europäischen Aussiellungswesens ein beson- 
derer Rang zukamnii. 
..Zwlschen Renaissance und Barock. Das 
Zeilaller von Breugel und Bellange" laulele 
das Thema der in allen Räumen des lnsliluls 
uniergebrachlen Schau. dlQ bis 18. Fe- 
bruar dauerle, Die schwierige Auswahl und 
wissenschaflliche Bearbeilung der 382 Ex- 
ponale besorgle Dr. Konrad Oberhuber. der 
sich mif Elan und Akribie der Sichlung der 
umfassenden Beslande widmele. Ein 300 Seilen 
sforker Kalalag mil mehr als ZOO Abbildungen 
darf im Zusammenhang damll als werlvoller 
äublizisiischer Niederschlag angesehen wer- 
eh. 
Die vom Veranslaller 1963. zu Beginn dieses 
Zyklus. geslellle Frage ..ob eine derartige 
Konzenlralian der Kräfle auf ein so um- 
fangreiches Prajekl durch das zu erwarlende 
Ergebnis überhauol zu rechlferligen sei". 
kann heule iedenfalls rnil einem klaren Ja 
beanlworlel werden. Hall man sich die dafür 
nolwendige Durchsichl eines Beslandes von 
rund einer Million Blällern vor Augen. so 
ermißf man einigermaßen den Aufwand. den 
der auf12 Jahre anbaraurnie Graphik-Zyklus 
in seiner Gesamlheil erfordcrl. 
Die umfassende Alberlina-Ausslellung halle 
ihren Schwerpunkl in der niederländischen 
Druckgraphik zwischen Hochrenaissance und 
Barock. zwischen 1540 und 1510. berück- 
sichligle zum Teil aber auch Überaus auf- 
schlußreiche Beispiele der graphischen Kunsl 
Frankreichs und DeulsChlands. 
Die lechnische Enlwlcklung des Kupicrsiichs 
und der Radierung ernpnng vor allem in den 
Niederlanden krüflige Impulse. Der Handel 
rnil Kupferslichen fand von dorl ausgehend 
eine Verbreitung wie nie zuvor. Weil über 
Europa hinaus. bis nach Asien und Afrika, 
wurden Kuofersliche und Radierungen zu 
einem begehrlen Verkaufs- und Sammel- 
obiekf. Das immer slürkere Aufkommen 
eines ausgedehnien Verlagswesens (der verlag 
von Hieronymus Cock in Anlwerpen war 
damals das führende Unlernehrnen) führle 
zwar zum Rückgang der zuvor sfdrker ver- 
breilelen originalen Druckgraphik (Ent- 
werfer und Ausführender sind hier eine 
Person). brachle auf der anderen Seile jedoch 
eine Vlelselligkeil der Produklion rnil sich. 
die auch im Hinblick aufThema. Tempo und 
Auflagenhöhen früher kaum denkbar war. 
Daß diäe Enlwicklung verschicdcnlllch krasse 
künsllerische Abslrichc zeiligle. liegf selbsfr 
verslöndlich auf der Hand. Im Zusammen- 
hang darnil muß jedoch bedachl werden. daß 
Kupferslich und Radierung zu dieser Zeif 
prlmar eine reproduklive unklion erfiilllen, 
die er's! mll dem Aufkommen neuer lech- 
nlscher Mögllchkeilen im 19. Jahrhunderl 
wiederum zurückging und zu einer - gerade 
heule slark feslslellbaren 7 Blüle der ori- 
ginalen Graphik iuhrie. 
WieweilgehenddieAufgabenleilung zwischen 
Zeichner und Slecher war. illuslrierl zum 
Beispiel die Taisache. daß ein Künsller wie 
Pieler Bruegel der Alfere zeil seines Lebens 
überhaupl nur eine einzige eigenhändige 
Radierung geschaffen hal (,.Die Hasenjagd". 
1566). wdhrend das Gras seiner druck- 
graphischen Bldller von berufsmäßigen 
sieahern nach seinen Vorzeichnungen ge- 
reriigi wurde. 
Neben Slichen und Radierungen von Bruegel 
nahmen in der Ausslellung auch die soge- 
nannlen "liomanislen" großeren Raum ein; 
Künsller. die insbesondere von llalien her 
Anregungen für ihr Schaffen empfingen. Die 
"Romanislen". deren Namen zumeisl nicht 
sehr bekannl sind. schufen vorwiegend 
religiöse und mylhalogische Kompoisilionen 
und allegorische Szenen. 
Die Auseinanderselzung milder menschlichen 
Figur (unler Eirifluf} Michelangelas) domi- 
nierle bei manchen von ihnen im Zelfraum 
zwischen 1550 und 1570. Für den Spälslll 
hingegen wurde der aus Anlwerpen ge- 
bürfige Hofkürisller Rudolfs ll. Barfholomaus 
Spranger. der einen neuen. überaus ge- 
schmeidigen. elegonlen Slichslil eniwickelle. 
zum Vorbild. Verlrieben wurden diese Blüller 
vor allem van Haarlem aus. wo der Verlag 
van Hendrick Gollzius seine Druckwerk- 
slällen besaß. 
Wenn auch die deulsche und französische 
Graphik dieser Epoche. der ein weiterer 
größerer Abschnifl der Exposillon gall. an 
Bedeulung hinler der niederländischen 
rangieri. so enldeckl man dach gerade hier 
wiederhali eigenwillige Kunsllerpersonlich- 
keilen. die i so wie die der Donauschule 
naheslehenden Landschailer Lauleiisack und 
Hirschvagel -weileslgehend aufdie Personal- 
unian von Enlwerfer und Slecher verzichleleri 
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und daher künsllerisch weilaus ergiebigere 
Resullale erziellen. 
Jean Duvel (ca. 1485 1561). der zwischen 
1540 und 1550 einen an Dürer und Manfegna 
erinnernden Zyklus zur Apokalypse schui, 
Boivin und Delaune zählen bei den Franzosen 
zu den inleressanleslen und lypischeslen Ver- 
lrelern. Der im Unlerlilel der Ausslellung 
erwühnle Jacques Bellange schließlich gehört 
zu den ganz wenigen Kilnsilern des 1a. und 
spafen 17. Jahrhunderls. die die Möglichkeiten 
der Radierung maximal auszuschopfen be- 
mühl waren. sein siil ernpring Einflusse aus 
lialien. er enlsprlchl auch in manchem dem 
niederländischen HGallziusslil", iiberlraf 
diesen jedoch an Ramnesse und verfeinerler. 
höfischer Eleganz (Abb. 1, 2). 
MUSEUM DES 20. JAHRHUNDERTS 
Paul Klee 
Die bildende Kurisl des Z0. Jahrhunderis lsi 
mildem Namen Paul Klee unlrennbor ver- 
bunden. Klee war nichl nur einer ihrer 
Grölilen. nichl nur einer der bedeulendslen 
Maler seiner Zeil. sondern zugleich auch der 
vermullich wlchligsle Wegbereiler der Mo- 
derne. Ohne Beispiel isl sein Einfluß auf 
Generalionen von Malern. die nichl ersl nach 
seinem Tod im Jahre 1940 von seinem in 
gleicher Weise vielseiligen wie vielschichfigen 
Werk Anregungen empfingen und in ihrem 
eigenen Schaffen beslarkl wurden. 
Klee isf m wenn auch in völlig anderer und 
wenn man will noch essenliellerer Arl 4 ein 
Genie wie Picasso. ein Maler. der in die 
liefslen Geheimnisse der Kunsl und darnil 
auch der Well und des menschlichen Seins 
eingedrungen isl. van seinem Werk gehi 
eine Faszinaiion und Uberzeugungskrafl aus, 
die einen permanenl vor die Frage sielll, wie 
derarliges überhaupt einem einzigen möglich 
sein kann. 
Der Künsller, dessen zenlrale Sfellung in der 
neueren Kunslgeschichlc nur noch von 
Banausen und lgnoranlen in Abrede geslelll 
wird. hal mil einem CEuvre von mehr als 
9000 Bildern. Aquarellen und Graphiken der 
Menschheil ein Geschenk hinlerlassen. dessen 
geislig-üslhelischem Gehall in den Jahrzehnlen 
seif19OO kaum elwas von gleichgroßer Spann- 
weiie enlgegengeslelll werden kann. Nichls- 
dafaweniger führen die Karnplexilüf des 
Gesamlwerkes auf der einen Seile sowie die 
schonungslose. schockierende Einfachheii ein- 
zelner Arbeifen auf der anderen noch heufe 
zu Mißversländnissen grundsälzlicher Arl. 
Die Erkenninis. daß Wahres und Guliiges 
gerade deshalb schwer zu verslehen sind. 
weil sie leise und gleichsam unbemerki auf- 
lrelen. halsich im Leben des 1879 in München- 
buchsee bei Bern geborenen deulsch-schwei- 
zerischen Künsllers wiederholl besföligl. So 
gall in den Jahren des Nalionalsazialismus 
als henfariei". was in Wahrheil von einer 
Keuschheif und Laulerkeil ist. die zur Ehr- 
furchl gernahnl. 
Seil 1955. als die Wiener Secession eine van 
der Neuen Galerie in Linz zusammenge- 
slellfe Aussiellung von Werken Paul Klees 
ubernahrn. fand in Öslerrelch keine Kolleklive 
des Künsllers slali. 
Wenn Wiens Museum des 10. Jahrhunderls 
ieizl zu einer Klee-Ausslellung einladen 
konnle. die Versöumles vergessen ließ und 
an Hand von oßerlesenenArbeilen (Ölbildern. 
Aquarellen und einigen sehr aufschlullreichen 
Zeichnungen) einen faszinierenden und noch- 
halligen Eindruck vermillelle. so gebührl 
dafür nichi nur dem lniliafiven Veranslaller 
und seinem Verhandlungsgeschick Dank. 
sondern vor allem zwei praminenien Leih- 
gebern. ohne deren außergewöhnliches Enf- 
gegenkarnmen eine derarlige Exposilion für 
Oslerreich Ulopie bleiben mülile: Felix Klee. 
dem um das Erbe seines Vaiers lTilf Umsichl 
bemühlen Sohn des Künsllers. und Dr. Werner 
Schmalenbach, dem Direklor der Kunsl- 
sammlung des Landes Nordrhein-Wesifalen. 
der zu den anerkannlcsien Kunslexoerlen 
unseres Nachbarlandes zühll. 
Eine Paul-Klee-Ausslellung isl für Wien nach 
wie vor die willkommene Gelegenheil zur 
Deckung eines nur langsam kleiner werden- 
den Nachhalbedarfcs an moderner Kunsl. 
Den Bildern des Meislers im Original be- 
gegnen zu können. rechlferligle sie schon 
allein. Die Aklualilül des Werkes. die gerade 
heule erneul in überraschendem Maße ge- 
geben isl. eröffne! freilich zusiilzliche. liefer- 
greifende Perspekfiven und weisl ihr inner- 
halb der ösierreichischen Ausslellungsszene 
einen Rang zu. der nur in Superlaliven zu 
charaklerisieren isi. Daran drlderi auch 
nichts die Talsache, daß sich die in Wien 
gezeigte Ausslellung mii den - fur uns un- 
erschwinglichen - Klee-Relrospekliven von 
Bern und Basel quanlilaliv auch nichl an- 
nähernd messen konnte. 
Was Klee zwischen 1901 und dem Jahr seines 
Todes malle und zeichncfe. wurde jedoch als 
sehenswerler Querschnill durchwegs an Hand 
weseniiicl-iei- und lyoischer Arbeilen vor- 
geslelll. Nichl wcnlgcs davon rindei sich in 
der Liferafur. in Bildbänden und illuslrierlen 
Monographien. die Werk und Leben des 
Künsllers zum Gegensland haben. 
Man müßle eine nicht endenwollende Auf- 
zühlung beginnen. wollle man neben der 
Bl LDTEXTE 1- 7 
1 ..Luxuria (die Wollusi)". Kupfersiich von 
i-i. Cack nach einer Vorzelchnung von 
Pieler Breugel d. A. 
z Auguslln Hirschvogel (1503 Nürnberg- 
1553 Wien), Selbslporlrdl mil Wellkugel 
und Tolcngcrippe. 1549. Radierung 
(Abbildung 1, z aus der Ausslellung 
uzwiscnen Renaissance und Barock" in 
der Graphischen Sammlung Alberlina. 
Wien) 
3 Paul Klee 
Die Wiener und ihre Museen 
Das Bundesminisleriurvi fur Unlerrichl gibi 
bekannl. daß in den ihm unlerslehenden 
Sfaaflichen Kunslsammlungen und Museen 
in den Monaieri Dezember 1967 47.563 und 
Jönner 1968 48.124 Besucher gezahlf wurden. 
4 Faul Klee. Raie wcsie, 193a. Kleisler- 
farbe. Jule, 65x43 cm (Abb. 3, 4 aus 
der Ausslellung Paul Klee irn Museum 
des 20. Jahrhundcris. Wien) 
s Linde waber, Galgenberg bei Raaaaiien- 
Sfein. 1967. Farbholzschnill (aus der 
Ausslellung der Künsllerin in der Kleinen 
Galerie. Wien) __ 
6 Clarence E. Giese. Tod. 1961. Ol. 60x 
45 cm. 
7 Huborl Fischlhammer, Die Wand. Ma- 
lerialdruck. 45x32 cm (Abb. 6. 7 aus 
der Ausslellung der beiden Kunsller in 
der Galerie Slubenbaslei, Wien)
	        

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