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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

Beziehungen der Weltgeschichte entstanden, 
angezogen wird. 
An der Schwelle der Neuz t war der 
Blick des posthussitischen Bohmens vor- 
wiegend zurück in die Zeit gerichtet, hinter 
welcher der Vorhang der Geschichte bereits 
gefallen war. An die Spitze des Landes im 
Zentrum Europas, das schon endgültig 
seine bisherige Schlüsselstellung verloren 
hatte, kam in dieser kritischen Zeit der 
Sohn des polnischen Königs Kazimierz IV., 
der fünfzehnjährige Jüngling Wlladislaw. 
Die ungeordneten Verhältnisse des posthus- 
sitischen Böhmens (die auch König (ieorg 
nicht befriedigend zu ordnen imstande 
13-4A 
war), die langwierigen und ermüdenden 
Streitigkeiten mit dem rücksichtslosen Ri- 
valen Matthias Corvinus, das alles würde 
genügen, die Stellung auch des stärksten 
Herrschers zu erschüttern. Im llalle Wladi- 
slaws handelte es sich noch dazu um eine 
Persönlichkeit, deren psychische Einstellung 
zu keinem zielbewußten autnritariven Re- 
gieren bestimmt war. Noch dazu lag das 
Spezifikum der Verhältnisse im Böhmen 
der 2. Hälfte des 15. jahrhunderts in der 
ständig wachsenden Macht der Adels- 
oligarchie. Der katholische König konnte 
natürlich für die Bedürfnisse des bis jetzt 
mit der Reformationsidenlogie durchdrun- 
genen Landes kein Verständnis haben. Ein 
ausdrueksvoller Beweis dessen ist z. B. 
auch der Aufstand des Prager Bürgertums 
(1483i1484), der direkt gegen seine Per- 
son geführt wurde, was allgemein als der 
l-lauptbeweggrund von Wladislaws Bautätig- 
keit angenommen wird (unmittelbar nach 
dem beendeten Aufstand hat der König seine 
Residenz von der Altstadt auf die Prager 
Burg verlegt). Neben diesemäußeren Um- 
stand waren hier jedoch i es sei besonders 
betont i zweifellos Absichten einer höhe- 
ren ideologischen Motivierung bestimmend, 
denn sie hingen i wie aus dem Wleiteren 
hervorgeht i sowohl mit den Tendenzen der 
damaligen europäischen Politik als auch mit 
dem bexxußten Anknüpfen an das Vorbild, 
das Kaiser Karl IV. repräsentierte, zusammen. 
Das Ziel aller Kunsttätigkeit, hinter der 
König Wladislaw als Auftraggeber stand, 
war in erster Linie eine prächtige Reno- 
vation der königlichen Residenz in Prag 
(was in einer derart umfassenden Weise 
seit den Zeiten Kaiser Karls IV. nicht ge- 
schehen ist). Somit stand die Architektur 
ganz selbstverständlich an erster Stelle. 
Der Sitz der böhmischen Könige wurde 
großzügig neugestaltet: die neue Burg- 
bcfestigung nach modernsten fortifikatori- 
sehen Grundsätzen und der Umbau des alten 
Palastes aus der Zeit Karls IV. durchge- 
führt i wobei sich das Interesse vor allem 
auf den Repräsentationsteil mit dem gran- 
diosen Thronsaal richtete i und sogar die 
Bauheendigung der Burgkathedrale St. Veit 
beabsichtigt. So kommt es zur Gründung 
der Bauhütte (zur Erfüllung der außer- 
ordentlich anspruchsvollen Bestellungen 
dientcn, außer den einheimischen Stein- 
metzen, vor allem aus benachbarten Gebie- 
ten berufene Meister), in deren tatkräftiger 
Umgebung ein wahrer Konkurrenzkampf 
herrschte, in dem zuletzt der geniale Bene- 
dikt Ried siegte, während die mehr kon- 
servativen Meister auf die königlichen 
Landbauten verdrängt wurden. An erster 
Stelle war es llans Spyss von Frankfurt, 
ein rein spätgotischer Meister, Schöpfer des 
herrlichen, mit prächtigem und dekorativ 
wirkendem Ast- und Wurzelwerk be- 
deckten Oratoriums (Abb. 2) sowie der 
3 Benedikt Rind, Prag. Koniglirlier Palzm auf der Burg, 
(Jcsamvtansitlil kiLT Nonltruni. w: 
4 Benedikt tut Prag, Tllfullärili des Königs Wladi- 
slnw ll.. beendet Hin 
Anfangsphase der Arbeiten am Palast mit 
dem königlichen Audienzzitnmer, der mit 
seiner Steinmetzengefulgsehaft auf die 
Königsburg Pürglitz verdrängt wurde. 
In dem ursprünglichen Befestigungsarehi- 
tekten Benedikt Ried, der aus der nieder- 
bayerischen Region kam (wie neuestens 
Fehr mit aller Wahrscheinlichkeit nach- 
weist, soll Ried nach Prag von Wladislaxivs 
Schwager Georg dem Reichen, Herzog zu 
Landshut, geschickt worden sein), wurde 
ein Künstler erkannt, der uneingeschränkt 
die hochgesteckten Forderungen des Auf- 
traggebers zu realisieren imstande war. 
Der geniale Meister, Architekt-Entwerfer 
im neuzeitlichen Sinn, wurde vom König, 
wie bekannt, zum Zeichen seines Wohl- 
wollens in den Adelsstand erhoben. Bei 
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