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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 100)

ableiten, etwa im Sinne der Abfolge von 
Früh- und Hochrenaissance. Ebensowenig 
wie die Hochrenaissance ein „ausgereiftes" 
Quattrocentro ist, vollendet der strenge 
Historismus die Intentionen des roman- 
tischen Historismus. Vielmehr bekunden 
beide eine grundsätzlich andersartige Hal- 
tung, die sich etwa in der verschiedenen 
Verwendung der historischen Stile aus- 
drückt. Der romantische Historismus wollte 
aus den Stilen der Vergangenheit eine neue 
Einheit schaffen. Der strenge Historismus 
dagegen glaubte, mit den unverfälscht 
übernommenen Elementen vergangener 
Stile, die er wie Vokabeln in einem Satz 
verwenden zu können meinte, jede be- 
liebige Aufgabe zu bewältigen, auch die der 
Vergangenheit unbekannten Bautypen, wie 
sie das 19. Jahrhundert zu lösen hatte. Be- 
herrscht von der Idee der Stilreinheit, die 
zum Leitmotiv der Restaurierungen wurde, 
suchte man jene Epochen aus, in denen sich 
der jeweilige Stil scheinbar in seiner idealen 
Reinheit darbot. Hochgotik und Hoch- 
renaissance vor allem mußten Anregungen 
borgen, während die Spätzeiten der Stile 
gern als Verwilderung und Verfall ver- 
urteilt wurden. Man suchte offensichtlich 
nach objektiver Richtigkeit, die man durch 
die Anwendung erprobter Formeln zu 
erreichen glaubte; von den Experimenten 
eines subjektiven Künstlertums hingegen 
erwartete man irrationale Auswüchse, die 
als ein Einbruch in das auf dem Gedanken 
der Sicherheit aufgebaute Weltbild er- 
scheinen mochten. Diese Theorie, als deren 
Sprecher besonders Rudolf Ritter von 
Eitelberger hervortrat, der Schöpfer des 
Wiener Kunstgewerbemuseums und erste 
Kunsthistoriker auf dem Wiener Lehrstuhl, 
predigte den Blick auf das Detail, ebenso 
wie die stilkritische Methode Morelliss 
damals im Vergleich der Einzelheiten, der 
Handschrift des Künstlers, die Mittel zur 
Erfassung der Künstlerpersönlichkeit sah. 
Der Unterschied zwischen den beiden 
Phasen des Historismus kann nicht tief- 
greifender gedacht werden. Er wirkte sich 
auch in der künstlerischen Erscheinung aus. 
Wird beim romantischen Historismus - 
überspitzt ausgedrückt - eine scheinbar 
amorphe Baumasse an ihrer Oberfläche in 
zunehmendem Maße dekoriert und aufge- 
schichtet, so scheint im strengen Historis- 
mus im gesamten Baukörper das Prinzip 
der Orthogonalität zu walten und sich an 
der Oberfläche abzuzeichnen. Rationalität 
und klare Durchschaubarkeit der Anlage 
sind oberstes Prinzip. Über einem recht- 
winkeligen, rasterartig gezogenen Straßen- 
system erheben sich die Baublöcke, so als 
ob sie aus einer Gruppierung würfel- 
förmiger Einheiten zustande gekommen 
wären. Eine Art gebundenes System ordnet 
das Verhältnis der Einzelteile zum Ganzen; 
nicht umsonst hat diese Epoche das basilikale 
Aufrißsystem _ also einen überhöhten, 
belichteten Mitteltaum, flankiert von nied- 
rigen Anräumen - bei Museen, Konzert- 
häusern u. a. bevorzugt. Beim Wohnhausbau 
setzt sich der „Blockbau" durch, bei dem 
die zu einem Häuserblock zusammenge- 
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faßten Einzelhäuser Hof und Vestibül 
gemeinsam haben und nach außen hin wie 
ein einheitlich gegliederte: Vierkantcr wir- 
ken. Das schon gesprengte Hofsystem 
(Arsenal) dominiert neuerlich. Im Grundriß 
durchzieht ein wohl ausgebildetes, recht- 
winkelig gezogenes Gangsystem den Bau 
wie ein Skelett. Der hypertroph ent- 
wickelten Kommunikation fallt auch die 
Repräsentation zu, die oft auf Kosten der 
Nutzbarkeit übersteigen wird - was schon 
bei barocken Schlössern, etwa den Treppen- 
häusern, der Fall war; im 19._]ahrhundert 
wird dieses Prinzip, welches der Überhö- 
hung einer bestimmten Herrscherperson 
oder eines zentralen Gedankens diente 
(Schloß, Kloster) auf Bauten übertragen, 
in denen sich in einer Vielzahl stets wech- 
selnder Personen eine abstrakte Idee mani- 
festiert (Parlament, Universität). Am Außen- 
bau dominiert die starke Horizontal- 
gliederung, betont von Fenster- und Dach- 
gesimsen. Ganze Straßenzüge werden so 
oft zu einer optischen Einheit verbunden. 
Die durchweg stockwerkweise Gliederung 
nimmt gegenüber der vorangegangenen 
Epoche an Plastizität zu. Malerische Schat- 
tenwirkungen kommen zustande, und im 
gleichen Maße, wie diese steigen, wird die 
Farbigkeit des romantischen Historismus 
im strengen Historismus durch die Tonig- 
keit verdrängt. An Stelle des Rohziegel- 
baues wird Haustein bevorzugt, für den 
man besonders in der Sakralarchitektur 
(Ferstels Votivkirche)9 die alte Hütten- 
technik neu belebt. Die Eisenkonstruktion 
hingegen wird in Wien von der Neugotik 
abgelehnt, obwohl sie bei den technischen 
Bauten des romantischen Historismus (etwa 
Dianabad) gerne verwendet worden war. 
Der reine Glas-Eisen-Bau beschränkt sich 
irn strengen Historismus auf Nutzbauten, 
denen man keinerlei architektonische Be- 
deutung zumaß, während man sich bei 
Waren- und Wohnhäusern, aber auch bei 
Ausstellungsbauten (Rotunde der Welt- 
ausstellung 1873) der, auch durch Gesetzes- 
bestimmungen verlangten Verkleidung des 
Skelettbaues mit historischen Stilformen 
befleißigte. Bei den „Monumentalbauten" 
hat man diese Trennung von Struktur und 
Form möglichst zu umgehen getrachtet. 
Hält man all diese Momente gegeneinander, 
so ergibt sich eine eigentümliche Ausein- 
andersetzung der „fortschrittlichen" Elc- 
mente mit retrospektiven, zwischen denen 
ein Ausgleich gesucht wird. Diese Tendenz 
gibt dem strengen Historismus den Cha- 
rakter der Ausgewogenheit, die mit der 
Übernahme von Vorbildern aus „klassi- 
schen" Phasen historischer Stile in Einklang 
steht. 
Auch innerhalb des strengen Historismus 
kann eine Art „Entwicklung", ein Form- 
wandel, aufgezeigt werden. Die Frühsrufe 
ist in Farbigkeit und Formenrepertoire noch 
gelegentlich vom romantischen Historismus 
berührt und wird zum guten Teil auch von 
Architekten getragen, die aus dieser Kunst 
herauswachsen; Ferstels Bau des Kunst- 
gewerbemuseums oder Hansens Palais Erz- 
herzog Wilhelm zeigen schon die „kristal- 
 
 
I2 gozgried Semper, Kaiserforum, Enmurf1869 (KHM II 
- ) 
ANMERKUNGEN H - 11 
5 Julius von Schlosser. Die Wiener Schule der Kunstgr- 
schichte. Wien m4 (Ergänzungsband zu den Miueilunpn 
des Immun für öszcrrcichisch: Gcschichufomhung). 
" Noxbcn Wibinl. Heinrich von Fcrstcl und du Historismus 
in der Baukunst des 19. jahrhundens. Ungcdrucktc 
Dissertation. Wien 1953. 
I" Alphons Lhorsky, Festschrift des Kunsthistorischen 
Museum: in Wien 1891-1941, 3 Bände 1941-1945, 
bes. Band l. Der Bau der Musten. 
1' Erwin Ncumann. Friedrich Schmidt. Ein Beitrag zu seiner 
Monographic und zur Kunstgcschicht: des 19. 12h:- 
hundcrts. Ungedruckte Dbscrtation, Wien 1952.
	        

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