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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 100)

weshalb die Anschläge: besondere Tech- 
niken des unerlaubten Anschlagcns ent- 
wickelten. So wird etwa von dem Mann 
mit einem großen Korb auf dem Rücken 
berichtet, der die Straße entlarigkommt, 
prüft, ob er auch unbeobachtet ist, sich dann 
mit dem Korb gegen die Wand lehnt, wor- 
auf ein kleiner junge sich schnell aus dem 
Korb erhebt, um das Plakat anzuheften7. 
Da diese Anschläge besonders in London 
ganze Häuser von unten bis oben be- 
decktens, sann man auf Abhilfe. Es ent- 
standen die Afflchierungsanstalten, welche 
Anschlagflächen vermieteten; aber auch 
Erfinder stellten sich ein: „Maschine, um 
allen Notizen, Proclamationen, gesezlichen 
Verkiindigungen und allem, was öffentlich 
bekannt gemacht werden soll, die möglichst 
größte Publicität bei Tag und Nacht zu 
ertheilen, wodurch künftig die Entstellung 
der Häuser und Wände in der Hauptstadt 
und in der Nähe derselben durch Anhäftung 
von Ankündigungen, Placaten etc., wie 
durch Anschreiben mit Kreide oder 
Schwärze, wodurch ganze Gebäude ents 
stellt werden, vermieden werden kann; und 
worauf Georg Sam. Harris, Gentleman, 
Caroline Place, Trevonsquatc, Knightsr 
bridge, Middlesex, am 21. Oct. 1824 sich 
ein Patent ertheilen ließm). Diese von innen 
beleuchtete Säule auf einem Wagen setzte 
sich nicht durch, obwohl sie die von Litfaß 
1855 in Berlin aufgestellten Anschlagsäulen 
vorwegnahm. Die ständige Plakatausstelr 
lung der Straße verbreitete sich auch in die 
Räume der Weltausstellungen. Nicht nur 
als Druckproben und Muster waren Plakate 
in den druckteehnischen Abteilungen dieser 
Ausstellungen zu sehen. Auf der Wiener 
Weltausstellung 1873 bedeckten zum Bei- 
spiel die Blechplakate der Firma Grant 8: 
Co. aus London „ganze Wandflächen in der 
Agriculturhalle" 10. 
1 julius Klinge! (F): Blanko Nr. 1461: 95 x64 Cm; Fl. in 
drei Farben; Lith. . Weincr. Wien 
Ernst Eck; 1912: 40. Ausstclluli der Seressioil; 62,7x 
47,1 cmt L; A. Bergct. Wien Vl l 
u 
ANMERKUNGEN 1712 
l Zu den Sccessiotnplakateti vgl. "SA! Breincr-Neckcl. Das 
Plakat der Wiener Secessiun. Phil. Diss. XVicn 1953. 7 
Siehe auch: Ottokrir Mttscha, Österreichische Plakatkunst, 
Wien o. J. (1914); Österreichische Plakate 1890" 1957. 
Wien-München 1957 (Einleitung von Viktor Gricsxmaier); 
Horst-Herbert Kossatz, Frühe Plakate. Mcrian VIL1968 
(Heft Wien). 7 Trommler wurden aurh sonst zur Sym- 
bolisierung der Reklame verwendet. So weist Paneth auf 
das Spottbild auf die Reklame L. Strauch (um 1600) 
hin. Vgl. Erwin Panuth. Symbol crung der Reklame. in: 
Österreichische Reklame. Lgg. 1926. Heft 3, S. 10711. 
1 Register ofArts. August 18 1. S. 153. 
1 Bericht der Bcurth ilungs-cnnrmission bei der allgemeinen 
deutschen ludustn Ausstellung zu Milnrhen 1854. 5. Heft, 
S. 44. Wahrscheinlich handelt es sich um die Presse von 
Smart, abgebildet und beschrieben bei Heinrich Wcishaupt, 
Das Cresammrgebiet des Steindriirks. 2 Bde. Weimar 51875 
(: Neuer Schauplatz B143). 
' Bulletin de la Socicte dßnmuragcmcnt. Dezember 1831, 
s. 561 (Bericht); Polytcchnisrhes Journal. Bd. es, 1231, 
S. 459, Bd. 68. 1838. S. B7. - Bereits 1815 druckte Franz 
Weishaupt farbige Bilder zu dem Werk von Mattius und 
Spi her Brasilien. 
5 Bericht über die dritte allgemeine österreichische Gewerbe- 
Ausstellung in Wien 1845. Wien 1846, S. S67. 
5 In seiner Fabrik wurde durch Hoppcs 1850 auch die 
Zylinder-Schnell tesse für H. Engels lnstitut gebaut. 
Vgl. Osten. Bur ar-zrg. 1880, Nr. 2. 
7 Vgl. The Poster, V01. V. 1900, S. 139V 141. 
5 Vgl. die Abb. in: The Poster, Vnl. V, 1900, S. 25. und in: 
Propaganda. Bd. 3. 1900. S. 47: Hellmuth Radcmacher. 
Das deutsche Plakat, Dresden 1965, S. 21. 
9 Polytechnisches journal. Bd. 17. 11125. Stück XCIV, mit 
Abb. auf TaLX; F. M. Feldhaut. Die Technik, Leipzig und 
Berlin 1914. Sp. 806i". 
W Amtlicher Bericht über die Wiener Weltausstellung im 
jahre 1873. Erstattet von der Centraleommission des 
Deutschen Reiches, Sechstes Heft,Xll. (lruppr: Graphische 
Künste. Braunschweig 1874. S. 687. 
H Vgl. Leading Lithographcrs. L-wt-inr-rs. Ltd.. London, 
Paris and Vicnna, in: Thc Pustcr. Vol. lv, 1900. S. 74--76. 
u Vgl. Das Schlissmann-Plakat rrir "Wiener Schatten- 
bilder". abgebildet an jean Louis Sponscl, Das moderne 
Plakat. Dresden 1897. S. 280. 
 
 
nun l uuxwtrn vnu: 
Lvm diese Zeit begann man s'"h in Frank- 
reich der hlitwirkung von Künstlern zu 
bedienen, was bald dazu führte, daß man 
von einer „Kunst auf der Straße", einer 
„Kunst der Armen" und nur wenig 
vornehmer von einer „Galerie der 
Straße" sprach. Die Portierung der Eng- 
länder Ruskin und Morris: „Die Kunst dem 
Volke" setzte sich eine Zeitlang bei 'l"apcten 
und recht eigentlich nur in der „Plakatwelt" 
durch. Schon 1884 fanden die ersten Plakat- 
ausstellungen in Paris und Brüssel statt. 
Zehn jahre später erhielt joseph Weiner, 
der älteste Sohn der Wiener Plakat- 
druckerei, als Inhaber der Pariser Nieder? 
lassung auf der Äusstellung „Du Livre" 
den ersten Preis für seine dort ausgestellten 
Plakate ll. 
Die Druckerei XWeiner, die in Wien 600 An- 
schlagtafeln und eiserne Plakatsäulen nach 
dem Entwurf des Firmengründers besaß, 
entwickelte das „Blanko-Plakat". Aus 
hlusterbüchern konnte sich der Kunde ein 
ihm zusagendcs Bild aussuchen, das mit dem 
gewünschten Text versehen wurde. Der 
Trommler (Abb. I) und das Silhouetten- 
plakat von SClIliCSSIIIHDD (Abb. 20) sind 
Beispiele dafür. 
Llnter den von Xltneiner gedruckten und 
verlegten dirunimler wurde der jeweilige 
Reklametext geklebt. Wahrscheinlich ist 
dieses Plakat vun lulius Klinger ent- 
worfen wurden, der kurze Zeit bei Wei- 
ner arbeitete, bevor er dann in Berlin als 
Plakatkünstlcr berühmt wurde. Von ihm 
stammt auch das bei XXl-iner gedruckte 
GrammuphonrPlakat (Abb. ll). 
dieses Plakat ist ein Blanko, bei dem der 
Firmenname aufgedruckt 
wurde. Man hat es tirsprünglich zu einem 
anderen Zwecke gebraucht, denn der Text 
auf dem Sockel des Plattenspielers ist auf- 
geklebt. Darunter befindet sich eine War- 
nung der Deutschen (lranunophon-Gesell- 
schaft, keine Nadeln zu kaufen, deren Ver- 
packung nicht ihre Scliutzmarke trage. 
Dagegen wird der Ankauf von Original- 
Granmmophonen als den besten Spreclv 
apparaten der Welt empfohlen. 
Das Silhouettenplalzaxt von Schliesstnann, auf 
dem ein Radfahrer sogar der Eisenbahn 
A u ch 
nachtriigliclw 
davonfahrt, ließ sich durch entsprechenden 
Aufdruck suwuhl für die damals beliebten 
Bücher mit Schattenbildcrn als auch zur 
Fahrradreklame verwenden 11. 
Eine andere Plakatart sind die llolgeplakate, 
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