MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 100)

Um eine Erfahrungsmöglichkeit geht es offenbar 
auch dem 1942 geborenen Kürntner Cornelius 
Kolig. Es geht ihm um die Erfahrungsmöglichkeit 
des Tastens, des Fühlens. der Einwirkung von 
ein- und ausgebuchtet, von kühl und warm. 
Freilich finden wir auch in einer ganzen Anzahl 
seiner Objekte eine das Auge reizende Kompo- 
nente: Protoplasmaartige Gebilde aus Kunst- 
stoff, in den verschiedensten Farben schillernd, 
erinnern an Innereien, Meeresböden oder an die 
Wände von Tropfsteinhöhlen. Diese Formationen 
sind in durchsichtige Halbkugeln geschlossen, die 
der Betrachter zu umfassen versucht ist. Von diesen 
quasi Kombinationsobjekten (Auge + Hand) geht 
Kolig zu reinen Plexiglaskuppeln über. die auch 
eine haptische Funktion haben. Hier werden ge- 
wissermaßen die Luftrdume sichtbar. Glatt oder 
gerillt sind diese auf verchromten Stcindern mon- 
tierten Kugelgebilde in ihrer hygienisch metallenen 
Fertigkeit ein Erfahrungskorrelat der technoiden 
Gesellschaft. Die Begrenzungen. die wir im räum- 
lichen Denken gewohnt sind. werden hier, trotz 
der formal sehr ausgewogenen Fixierung der 
durchsichtigen Materialien. aufgehoben. Eine 
weitere ernstliche Erfahrungsmöglichkeit will 
Kolig mit seinem ..Tastraum" erschließen. Es 
handelt sich um ein Objekt aus Plastik und Schaum- 
stoffen. das gewissermaßen den Körper aufnimmt. 
den Körper. mit dem man nun voll und ganz die 
,.Umwelt" erfaßt (also mit Auge + Ohr + Nase + 
Hand + Rücken + usw.). Der Raum ist heiz- und 
kühlbar. geruchs- und tantemperierbar. 
Finden wir bei Kolig eine Menge Anregungen, 
einen Reiz der Spannung und selbst noch bei der 
nüchternen Plexiglaskugel eine Verlockung zur 
Betätigung. zum Darüberstreichen, so scheint uns 
die Dingwelt Walter Pichlers. die mehr mechanisch 
verankert ist. eher eine kühle maschinelle. auf 
sich selbst bezogene zu sein. Ursprünglich kommt 
das Werk des1936 in Südtirol geborenen Plastikers 
und Designers von einer zweck- und funktions- 
freien Maschinenwelt. Er baute aus dünnen Blechen 
unglaublich fotogene Metollapparate, kombinierte 
ein Objekt mit Plastikschlöuchen. so daß es wie 
eine Stalinorgel aussieht. lößt einen nicht benütz- 
baren Tisch auf Beinen aus Luft stehen (aufge- 
blasene PVC-Saulen!) und führt auf einer schwe- 
benden Plexiglasscheibe die Fusion zweier Kugeln 
zu einer durch? Den meisten dieser Gebilde ist 
noch etwas Ästhetisches eigen. wie es einem Renn- 
wagen eigen ist (den Pichler dabei gerne zitiertl). 
Wir wissen. schon Marinetti sagte im Futuristischen 
Manifest 1909: ..Ein Rennwagen. . . ist schöner als 
die Nike von Samotrake." Man kann oder könnte 
also eventuell auch aus diesem Grunde versucht 
sein, von Kunst zu sprechen: doch das will Pichler 
durchaus nicht! Er will keine Kunst machen. Er 
will Dinge schaffen, die ihm eben Spaß bereiten, 
die ihm gerade einfallen, die. um mit Oswald 
Oberhuber zu sprechen, ..als Witz fortdauern". 
Ganz so scheint es aber dann doch wieder nicht zu 
sein. denn da entstehen ähnliche Raumgebilde. wie 
sie Kolig konstruierte oder die ..HausRucker-C0"'. 
die Pichler nun "Intensiv-Box" nennt. Auch eine 
Kreuzung von Folterinstrument und Expander 
hat er geplant und bereits einen Teil. den ..Finger- 
strecker" (Benennung des Autors). fertig, Eine 
Vorrichtung wird an die Hand geschnallt. bei der 
mittels Federn ein Finger gestreckt wird und es 
große Mühe kostet, ihn abzubiegen. Ähnliche 
Prozeduren will Pichler auch bei verschiedenen 
anderen Gliedmaßen anwenden. Ein Helm mit 
einem eingebauten Kleinstfernsehgerüt wird dem 
Benützer dieser Objekte über den Kopf gestülpt, 
so daß er, von der Umwelt isoliert. an einem 
Leitseil geführt werden muß. (Daßdas Dr. Gcebbels 
81 Co. nicht mehr erleben konnten!) Oberhuber 
schreibt: ..Jeder Bereich. der außerhalb seiner 
(Pichlers) Möglichkeiten und Absichten liegt. wird 
ignoriert" 5. 
 
ANMERKUNGEN 175 Galerie nächst Si. Siephdn 1967. 
' O. Oberhuber, Die Zukunfl hul schon begann 
 
' A. Vogel. Der Bildhauer Roland Goeschl. in: "Alle "prolokolle 68". Seile130. 
und moderne Kunsi". Nr. 9B. 1968. Seile 42H. ' P. Baum. Wohnen im Jahr 2000. i ..Alie und m 
' Aufgehängi im Museum des 20. Jahrhunderls. Wien. Kunsl". Nr. 97, 1968. Seile 45K. 
Abgebildet im Kaiolog ..8 Proioiypen von Pichler". ' O. Oberhuber. a. a. 0-. Seiie 130.
	        

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