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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 101)

Straßenrand." Als schließlich der Wiener 
Goethe-Verein Camillo Sitte zu einem 
Vortrag über die Platzfrage einlud, be- 
zeichnete dieser das ganze Beginnen aus 
grundsätzlichen Erwägungen als verfehlt 
und gebrauchte folgende Argumente: Es 
erweisen sich die „neu angelegten Riesen- 
plätze der Reihe nach (für Monumente) 
als untauglich". Die Alten schufen ge- 
schlossene kleine Plätze ohne sichtbare 
Straßeneinmündungen. Nunmehr legte man 
aber die Plätze an die breite Ringstraße, 
„damit gleich von vornherein jede Platz- 
wirkung ausgeschlossen ist". „Die Alten 
liebten kleine Plätze, die sie durch eine 
Fülle von Statuen, Monumenten aller Art, 
wie Hauptsäle von Wohnhäusern schmück- 
ten, wir dagegen . . . glauben, für jeden 
Gefeierten auch einen eigenen, besonderen 
Platz allein haben zu müssen". So kommt 
er zu dem Schluß, „daß in Wien gerade 
die neuen Riesenplätze beim Rathaus, bei 
der Votivkirche usw. in ihrem jetzigen 
Zustand für Monumentalaufstellung un- 
tauglich sind"12. 
Diese Argumentation übersah, daß dem 
Reprasentationsbedürfnis eines im liberalen 
Zeitalter mündig gewordenen Bürgertums 
eben gerade der auslagenartig wie eine 
Bühne an der Straße liegende Platz zusagen 
mußte. Mit dem Untergang dieses Zeit- 
alters, nach der Jahrhundertwende, beein- 
druckte freilich Sittes Beweisführung so 
sehr, daß der Rathausplatz (auch die Figuren 
der ehemaligen Elisabethbrücke projektiertc 
man vorerst für den Arkadenhof des Rat- 
hauses), ebenso wie der Platz vor der 
Votivkirche, die längste Zeit überhaupt frei 
von Monumenten blieb, während die übri- 
gen Denkmäler dieses Bereichs auf den 
umliegenden kleineren Plätzen zur Auf- 
stellung kamen (Liebenberg, Grillparzer, 
Anzengruber usw.). Noch 1917 erörterte 
man in einem „Wettbewerb zur Denkmal- 
aufstellung" diese Probleme 13. Um so mehr 
bevorzugte man das Denkmal als Bau- 
plastik. 
Diese dritte Lösung für die Denkmalauf- 
stellung ist, wie nach der Verbauung des 
Paradeplatzes am Rathausplatz beobachtet 
werden kann, zwar eine der glücklichsten 
für die bürgerlichen Denkmäler, zugleich 
aber auch die leichteste, weil es eben um 
das rein Dekorative, um das Arrangement 
geht, worin diese historisierende Epoche 
in ihrem großzügigen Eklektizismus zwei- 
fellos Talent hatte. Selbst wenn man von 
den Figurengruppen an der Parlaments- 
auffahrt absieht, wirken z. B. auch die 
zahlreichen Denkmäler des Arkadenhofes 
der Universität noch organisch und be- 
lebend in ihrer Umgebung. Die Platz- 
gestaltung selbst hat hier freilich etwas 
versagt. Die 8 Figuren der Elisabethbrücke 
wurden noch mit einigem Geschick hier- 
her versetzt und als Rathausauffahrt ver- 
wendet, die übrigen später placierten Mo- 
numente wiederholen nur mehr die Lösung 
der Aufstellung in einem Park, von dem 
Otto Wagner sagte, es sei dort „gelungen, 
einen der größten Plätze durch eine alberne 
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ANMERKUNGEN 10 - 15 
l" ÄSIW,C B r 3315311873, in dicwmFrxszikel : CSe 29806178. 
" Neuigkeitsweltblatt vom 17. 4. 1903. 
I1 Alle Angaben über das Goethe-Denkmal sind in der 
"Chronik des Wiener Gocrhevereins", Jahrgang 1-4, 
6 und 8 enthalten. 
Gartenanlage jeder künstlerischen Wlirkung 
zu berauben". 
Gedenken wir bei dieser Gelegenheit auch 
noch der Denkmäler der großen Volks- 
parteien, denen an dieser Stelle - nahe 
Parlament und Rathaus i ein Platz ein- 
geräumt wurde, nachdem schon in der 
Monarchie durch die Denkmäler Cochs und 
Luegers der Platz als Poljtikum verwendet 
worden war. Insbesondere bei Coch zeigt 
die Verlegung des ursprünglich gewünsch- 
ten Aufstellungsortes im Postsparkassen- 
gebäude auf den Platz davor und dessen 
demonstrative Umbenennung in Georg 
Coch-Platz durch den christlichsozialen 
Gemeinderat deutlich die neue Tendenz 14. 
Hatten schon bei der Ausschreibung für 
das Lueger-Denkmal die meisten Künstler 
ursprünglich mit einer „monumentalen" 
Aufstellung vor dem Rathaus zu rechnen 15, 
so bleibt dieser Zug zur politischen De- 
monstration auch weiterhin erkennbar, so 
etwa in der für die Zweite Republik dann 
U Plan und Schriften. Kummer der Stadt Wien. EZ. 18576. 
H ASIW. kltinß Bvstindc. Schachtel 33-6. Mappe 16. 
w Ebda. Mappe 17, Genauere Angaben Zu diesen und den 
anderen Denkmälern werden in einem Buch des gleichen 
Verfassers enthalten sein, das 19m im Verlag für Jugend 
und Volk nnvcr dem Titel „Denkmäler der Wiener Ring- 
straße" erscheint 
kennzeichnenden Gegenüberstellung der 
Denkmäler sozialistischer Politiker (Seitz, 
Körner, Rcnncr) und der auf der anderen 
Seite der Ringstraße konkurrierenden Auf- 
stellung eines Exponcntcn der Volkspartei 
(Raab 4 auch an die politisch viel disku- 
tierte Aufstellung der Kopie des alten 
Franz-josephs-Denkmals der Breitenseer 
Kaserne ist zu erinnern). Formal sucht man 
Anlehnung an die dynastischen Aufstela 
lungsformcn auf Plätzen (Coch, Lueger), 
oder an die spätbürgerlichen Formen der 
Verbindung von Denkmal und Bank (Seitz, 
Körner). Erst später versucht man, sich 
zu anderen Formen durchzuringen, etwa 
im Fall des Renner-Denkmals oder der Ein- 
passung in das - leider letzte komplett 
erhaltene - Parkgittcr der Ringstraße am 
Volksgarten (Raab), zwei Lösungen, die 
Diskussionen ausgelöst haben. Die vor- 
stehenden Ausführungen zeigen freilich, 
daß derartige Kontroversen über die Plätze 
für die Denkmäler der Wiener Ringstraße 
nicht neu sind. 
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