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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 101)

Schon König Karl Robert oder Charobert 
berief Goldschmiede aus Neapel nach 
Ungarn: die Brüder Petrus Gallicus und 
Nicolaus. Sie gehörten wohl noch zur 
ersten, besonders von Karl ll. dem Hin- 
kenden berufenen französischen Künstler- 
kolonie, wie die Architekten des Castel 
Nuovo und der vielen gotischen Kirchen 
Neapels, wie auch die Goldschmiede, denen 
der Auftrag für das Büstcnrcliquiar des 
hl. januarius übertragen wurde und denen 
höchstwahrscheinlich auch das prachtvolle 
Standkreuz in San Nicola zu Bari zuzu- 
schreiben ist. 
Petrus Gallicus war königlicher Siegel- 
schneider und muß in vielen Aufträgen 
seinen Gönner so befriedigt haben, daß 
dieser ihn nach und nach mit Gütern be- 
lehnte, adelte und endlich zum Vizebefehls- 
haber von Szepes und Lublo ernannteQ. 
Sein Bruder Nicolaus Gallicus, ebenfalls 
als Goldschmied tätig, wurde erst Kom- 
mandeur und Vizekastellan des Amts- 
bezirkes Szepesseg, dann Oberkomman- 
deur im Jahre 1336. 
Schon vor diesem Datum war ein anderer 
Goldschmied aus Neapel zugezogen, mög- 
licherweise wohl eher berufen worden: 
Meister Pietro di Simone aus Siena. Auch 
er sollte, im wörtlichen Sinne, goldenen 
Boden für seine Arbeiten Enden, von 
denen viele sich noch nachweisen lassen. 
Auch am Hofe Ludwigs des Großen muß 
er tätig gewesen sein, die bereits weiter 
oben erwähnten Geschenke dieses Königs, 
die ausgesprochen sienesische und neapoli- 
tanische Formeigenrümlichkcitcn zeigen, 
weisen darauf hin. Eine schon seil: langer 
Zeit bekannte Urkunde, gegeben zu Visze- 
grad am V. Tage nach Palmsonntag des 
Jahres 1331 - ausgerechnet an einem Kar- 
freitag -, nennt Pietro di Simone von 
Siena „fidelis aurifaber noster", tituliert ihn 
als „Vice-Comes et Castellanus Scepu- 
siensis" und belehnt ihn mit dem Gute 
jemnik. Als sein besonderes Verdienst wird 
die Herstellung des neuen goldenen Königs- 
siegels genannt w. 
Aus diesen Zeugnissen ergibt sich klar, 
daß es damals in Ungarn keine wirklich 
fähigen Goldschmiede gegeben hat. Oder: 
daß die mit dem raffinierten Luxus des 
Neapler Hofes vertrauten Charobert und 
Ludwig dem Stil der sich damals konsoli- 
dierenden „Europäischen Gotik" nicht ent- 
sagen, sondern ihn womöglich noch ver- 
feinern wollten. 
Daß ihnen das gelungen ist, dafür zeugen 
einmal das bisher völlig verkannte „Strau- 
Ben-Reliquiar" in San Costanzo zu Capri 
auf der Insel Capri, ferner das jetzt im 
Cloister-Museum in New York aufgestellte 
Klappaltärchen der Königin Elisabeth von 
Ungarn, das man als Pariser Werk erklärt, 
obwohl keinerlei besondere Beziehungen 
zwischen dem Hofe der Anjou Ungarns 
und dem französischen Königshof nach- 
weisbar sind. 
Das „Straußen-Reliquiar" - zwei Vögel 
stützen mit den Hälsen das Reliquien- 
gehäuse und halten in den Schnäbeln eine 
Schildkröte und eine Landschnecke - ist 
6 
am Hofe Ludwig des Großen ausgeführt 
worden und wurde von ihm der Bischofs- 
kirche zu Capri gestiftet. Die Capreser 
stellten den wichtigsten Teil der Arbeiter 
des Kriegsarsenals der Aniou! Als SchiHs- 
zimmerleute und Kalfaterer waren sie von 
Johann I. mit Privilegien aller Art bedacht 
worden und sollten auch durch dieses 
Reliquiar bei guter Laune gehalten wer- 
denll. Das Flügelaltärchen ist zwar schon 
einmal publiziert worden, aber eben mit 
der irrigen Zuweisung an eine Pariser Werk- 
stätte; was übrigens auch mit dem Reli- 
quiar in Capri geschehen ist, mit dem es 
viel Formverwandtschaften aufweist. 
Es ergibt sich so fast von selbst, daß als 
Hersteller des Zierates auf dem „Schatz- 
kammerbild" zu Mariazell kaum ein anderer 
Meister in Betracht kommt als eben Pietro 
di Simone aus Siena w dem ich auch das 
„Straußen-Reliquiar" in Capri zugeschrie- 
ben wissen möchte. 7 
Bei der Aufzählung der heraldischen Zei- 
chen ist der Allianzwappen Ungarn-Anjou 
und des Apostolischen Kreuzes bereits 
Erwähnung getan worden. Die Anwesen- 
heit des königlichen Wappen Polens erklärt 
sich aus der Personalunion, die 1370 ein- 
trat. Durch dieses polnische Wappen so- 
wohl auf dem Rahmen des „Schatzkam- 
merbildes" als auch auf den Umrahmungen 
der Gemälde in Aachen ist für die Datierung 
dieser Edelmetall- und Schmelzarbeiten ein 
„Terminus post quern" gewonnen: ein für 
die ungarisch-polnische Königsgeschichte 
so bedeutsames Ereignis mußte so bald 
wie möglich seinen künstlerischen Aus- 
druck Bnden. Ich bin daher überzeugt, 
daß bald nach 1370 dieses dem König 
besonders teure Bild den abschließenden 
Dekor erhielt. - 
Es bleibt nun noch etwas über die Dar- 
stellung des Vogels Strauß zu sagen. Der 
seinerzeit so verdienstvolle Forscher mittel- 
alterlicher Goldschnliedekunst, der Aache- 
ner Domherr Dr. Franz Bock, konnte aus 
der ungarischen Königschronik die inter- 
essante Nachricht schöpfen, daß König 
Charobert in seiner Menagerie auch einen 
Vogel Strauß hielt und ihn selbst fütterte. 
In den französischen „Bestiaria" jener Zeit 
heißt dieses Tier kurzweg „Foiseau qui 
mange le fer"; man kann sich gut vor- 
stellen, daß Charobert seinem Strauß, wo- 
möglich vor fremden Gästen, gelegentlich 
auch Eisenstückchen in den Schnabel warf. 
Eine Tierquälerei, der auch die Besucher 
von modernen zoologischen Garten nicht 
immer zu widerstehen wissen, da dieser 
Vogel blindlings alles, was man ihm ent- 
gegenwirft, hinunterschluckt. 
Das Hufeisen gilt, seit den Zeiten, als der 
Mensch gelernt hatte, Pferde zu beschlagen, 
als Glückszeichen. König Ludwig der 
Große hat in seinem langen Leben viel 
Glück gehabt. Einmal sogar ein ganz 
außergewöhnliches. Der diesbezügliche wei- 
tere historische Exkurs lohnt sich, denn 
wiederum betrifft er auch das „Schatz- 
kammerbild": 
Im Jahre 1363 war ein Bündnis zwischen 
Ungarn, Serben, Bulgaren und anderen 
3 Randvtrzlcrungm aus dcrn Schatzkammerbild (Abb. I}. 
Von links nach rechts: Emnilplnnc mit dem Wappen dcs 
Königreiches Polen. 
Gclrichene Plane mit Akamhusbläcrcm. 
Emailplanc mit der Darsrellung eines Straußcnvogcls mit 
Hufeisen im Schnzbel 
4 Ausschnitt aus dem Scharzkamlncrbild (Abb. 1). Den 
Hintergrund bildcn Emailplatten mit goldenen Lilien auf 
dunkrl liuvm Grund. dem Wappen der Anjou 
ANMERKUNGEN 9-13 
9 Mihzli, op. (In. loc. cit. 
W Bock. Die Geuhrnke Ludwig: du Gmßen uxun, zitiert div 
diesbezügliche Urkunde aus: c. Vagncr, Annlum Srepuxii 
smi n prufnni. Wien 1772, S. 131-132. - Hin der ganze 
Text: „. . . Petrus filius Simonis de Scuis dictus er Edelis 
zurifa nosm, Virequ: Comes et Caslcllanus Scrplui- 
cnsis - quamdam posscssioncm Jcmnik vocatzm in co- 
mitatu Scepusiensi 7 postulasscl - in uoscue maiestatis 
memoriam rcvocnnlcs mcxitoxia servilia ipsius M. Pelri 
- e! spccialircr W in sculptionc. [abricalione seu paraiioue 
sigilli nnsßi aurenlici - in recompcnsationem 7 prie- 
diclam cssioncm jamnik ipso donavimus. Datum 
vm-gm Turin V proxirna posl dominicam xamis pal- 
marum." 
H Lipinsky, Pverisrlziurli a pmposilo au "Reliquiario degli 
Smaz: sich: für "Napoli Nobilissima" angekündigte 
Arbeit. er Näheres über die Beziehungcn dcr Caprewr 
Sdlilfszimmcxlculc zum Ncnpler Arsenal. 
I1 Petschnig zitiert hierzu außer wcsllichcn auch türkische 
Geschichtswerke. 
U Abgcbildct, in rccht klznen Klischees, bei Faymonville, 
siehe Anm. 2, S. 244l45, Abb. 180, und 245. Abb. 181. 
 

	        

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