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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 102)

und vom Verfall bedrohten Volkskunst, 
andernteils auf ihren Einbau in den neuen, 
modernen bzw. in den „ungarischen" Stil. 
Während aber in diesem neu erwachten 
Interesse zur Zeit der nationalen Romantik 
die Gefiihlskomponenten den rationellen 
gegenüber die unbestrittene Vorherrschaft 
behaupteten, zeichnete sich um die jahr- 
hundertwendc auf diesem Gebiet eine in 
wachsendem Maß bewußtc und zielstrebige 
Tendenz ab, die sich im ersten Jahrzehnt 
unseres Jahrhunderts in verschiedenen 
Kunstsparten zu einem ebenso systematisch 
aufgebauten Wissenschaftlichen Programm 
verdichtete wie im Musikschaffen Bartöks 
und Kodalys. 
Die ungarische Kunst um 1900 und vor 
allem das Kunstgewerbe läßt mithin nicht 
nur Westliche Stilbindungcn, vielmehr auch 
ernsthafte Bestrebungen zur Erforschung 
und Verwertung durchaus eigenständiger 
und im ungarischen Volkstum wurzelnder 
Überlieferungen erkennen. 
Zwischen dem Jugendstil als europäischer 
Erscheinungsform und der Volkskunst als 
Überlieferungsgut gibt es im ungarischen 
Kunstgewerbe A ähnlich wie in der 
skandinavischen und russischen Kunst, auf 
deren Analogien ich hier nicht eingehen 
kann 7 in vielen Fällen keine klare Schei- 
dung. An gewissen Werken lassen sich 
Bindungen an dieses oder jenes europäische 
Stilmerkmal beobachten, nicht selten aber 
auch deutliche Abweichungen. Es handelt 
sich demnach keineswegs nur um eine 
passive Aufnahme fremden künstlerischen 
Geistesgutes, vielmehr um ein gleichzeitiges 
Trachten nach aktiver und bewußter Ent- 
wicklung einer spezifischen, originellen 
und eigenartigen Formensprache. 
Welches der beiden Elemente jeweils 
überwiegt, wann und auf welche Art inner- 
halb der unterschiedlichen Richtungen diese 
oder jene Konstruktions- und Dekorations- 
elemente starker zur Geltung kommen, 
hängt maßgeblich von der Persönlichkeit, 
der schöpferischen Kraft und den indivi- 
duellen Arbeitsmethoden des betrelfenden 
Künstlers ab. Deshalb darf man unter den 
in der ungarischen Sezession auftretenden 
ungarischen Stilbestrcbungen keine auf 
gemeinsame und einheitliche Grundlagen 
aufgebauten Ausdrucksformen verstehen, 
und demgemäß weisen die unterschiedlichen 
Erzeugnisse auch keine in allen Belangen 
identischen Stilmerkmalc auf. In ihnen 
spiegelt sich vielmehr die Fähigkeit des 
betreffenden Künstlers, die häufig diver- 
gierenden und in manchen Fällen sogar 
einander widersprechenden Komponenten 
des europäischen Stils und der nationalen 
Tradition innerhalb eines Kunstwerkes zu 
einer harmonischen Einheit zu verschmel- 
zen. 
Einige Schöpfungen Pal Hortis (1865 bis 
1907), der die ungarischen Ausstellungs- 
pavillons für Turin und St. Louis entwarf 
und dekorierte, knüpfen an den Kreis des 
belgischen „Linear Art Nouveau" (Schmutz- 
ler) 17 an. Seine Tapetcnentwürfe (Abb. 12) 
und Fensterglasmalercicn (Abb. 13) aus dem 
Jahr 1899 sowie sein geknüpfter Seiden- 
teppich aus dem folgenden Jahr (Abb. 14) 
zeigen leicht und sicher geformte Jugend- 
stilarabesken ohne jede Anlehnung an 
ungarische Überlieferungen. Seine Schrank- 
möbel, von denen wir hier zwei Original- 
entwürfe (Abb. 15) und ein fertiges Stück 
(Abb. 16) reproduzieren, weichen durch 
ihre betont statische Konstruktion von den 
französischen und englischen Vorbildern 
ab. 
Einen anderen Weg beschreitet sein Zeit- 
genosse Ede Thoroczkai Wiegand (1870 bis 
1945), der sich außer der Inneneinrichtung 
mehrerer öffentlicher Bauten hauptsächlich 
mit Entwürfen für Landhäuser, lnterieurs 
und Möbel beschäftigte (Alub. 17). Letztere 
wahren in ihren Formen Reminiszenzen an 
die siebenbürgischen Holzbauten und die 
Volkskunst, während sie in technischen 
Belangen die Verfahren gezimmerter Schreie 
nerarbeiten übernehmen. 
Der in XYien geschulte Ödön Paragd 
(1869il935) verwendet zur Schnitzwerk- 
(lekoration seiner Älöbel, zu seinen Preß- 
leder- und Textilentwiirfen (Abb. 18) 
konkrete Vollcskunstornamente in stilie 
sierter Form, ohne durch Berlützung dieser 
Elemente den strukturellen Aufbau der 
bctreHenden Gegenstände zu beeinHussen. 
Pin Pendant seiner eicherncn, mit Schnitz- 
werk und getriebenen Beschlägen ver- 
zierten Anrichte aus dem Jahr 1897 (Abb. 
19) war auf der Pariser XWeltaLisstellung zu 
sehen. 
Neben dem reifen Jugendstil ol-lienbaren 
sich verschiedene Richtungen der Llngari- 
schen Stilbestrebungen in den charakteristi- 
schen Keramiken dcr Pecscr Zsolnay- 
Fabrik. Bezeiehnende Beispiele, die den 
ersteren repräsentieren, sind die in aus- 
gereiften, edlcn Proportionen gehaltene, 
mit Pflanzenornarnenten in Flachrelief und 
einer Ensinglasur versehene Schüssel (Abb. 
21) und ein durch Verschmelzung mit einer 
weiblichen Figur plastisch komponierter 
Behälter, gleichfalls mit Ensinglasur aus der 
Zeit um 1910 (Abb. 20). Demgegenüber 
ordnen sich auf dem 189596 entstandenen 
Krug (Abb. 22) Herzen, Tulpen und 
Blattornamente, typische Motive der un- 
garischen Volkskunst, im Farbkontrast des 
Alabasterweiß, Rot und Eusin innerhalb 
des sczessionistischen Kompositionssystems 
zu einem attraktiven Dekor. Schließlich 
zeigt die Zierschüssel mit ihrer reichen, 
raumfüllenden, rhythmisch komponierten 
Blatt- und Blütenornamentik aus den 1880er 
Jahren (Abb. 23) Anklänge an die weiter 
oben erwähnten Stilbestrebungen Ödön 
Lechners, die den Forma und Komposi- 
tionselementen des Jugendstils keinen 
Raum bieten. 
Wieder von einer anderen Seite tritt uns 
die ungarische Sezession im künstlerischen 
Schaffen des in Deutschland und Italien 
geschulten Malers und Kunstgewerblers 
Aladar Kiirösföi-Kriesch (1863?1920) 
entgegen. Als einer der standhaftesten 
Uorrisn-Xnhänger gründet er 1901 mit 
staatlicher Unterstüwung ganz im Geiste 
und nach dem Beispiel seines großen Vor- 
bildes Älorris die Künstlerkolunie und
	        

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