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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 102)

der Kunstwelt 
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lesmi nisterium für Unterricht 
cherstatistik der Staatlichen 
esn und Kunstsammlungen 
Bundesministerium fui Unterricht gibt 
int, daß in den ihm unterstehenden 
lichen Museen und Kunstsammlun- 
in den Monaten November 1968 
L7 und Dezember 1968 56,320 Besu- 
gezählt wurden. 
Albertina - Das graphische Werk 
von Ernst Fuchs 
Mit den bisherigen Ausstellungen, die zeit- 
genössischen Kiinstlern gewidmet waren, 
erlitt die Albertina zumeist Schiffbruch. Das 
Zustandekommen dieser Expositionen war 
nämlich weniger das Flesultat streng ange- 
legter Werimaßstabe und eines entsprechen- 
den Konzeptes als vielmehr ein Produkt außer- 
kunstlerlscher Uberlegungen und eines ge- 
wissen Druckes von oben. 
Bei der Ausstellung des druckgraphischen 
CEuvres von Ernst Fuchs lagen die Verhalt- 
nisse freilich anders. Ein volles Ja zu dieser 
Retrospektive, die im Anschluß in Wien von 
der Frankfurter Galerie Sydow übernommen 
wurde, kannte jedoch auch hier nicht aus- 
gesprochen werden. 
Walter Koschatzky, der Direktor jener Samm- 
lung, der der führende Graphiker unter den 
Malern der Wiener Schule ein Gutteil wesent- 
licher Anregungen und mit das Fundament 
fur sein konstantes Bekenntnis zur Tradition 
verdankt, will die Ausstellung von Ernst Fuchs 
als Auftakt zu weiteren Expositionen ver- 
standen wissen, die die wesentlichsten Gra- 
phiker unseres Landes einem großen Publikum 
nahebringen sollen. im Sinne internationaler 
Aufwertung österreichischer Gegenwartskunst 
(sie ist zweifellos nicht nur in Einzelfallen 
berechtigt und natwandig) soll die naii ge- 
startete Ausstellungsreihe eine wichtige Funk- 
tion erfiillen. Ob es freilich klug war. ein derart 
retrosoektiv eklektizistisches und - zum 
Teil - nur noch mit einem Schlagwort wie 
Nobelkitsch zu apostrophierendes Werk wie 
das von Fuchs für den Beginn auszuwahlen, 
sei dahingestellt. Die bis 2. Februar 1959 
lerminisierte, ini großen unteren Raum des 
Institutes untergebrachte Schau umfaßte mit 
139 Blattern aus der Zeit von 1950 bis 1968 
das gesamte druckgraphlsche Euvre des1930 
in Wien geborenen Künstlers. Der Uberblick, 
den sie ermoglichie, war eine fur das Kennen- 
lernen der geistigen Haltung von Fuchs ebenso 
aufschluß- und umfangreiche Vergleichsbasis 
wie fiir das außergewohnliche handwerkliche 
Können, das so gut wie jeder nur erdenklichen 
Gegenüberstellung standhalt. 
In der Kunst nach 1945 bildet - lokal und 
international gesehen - das Werk von Ernst 
Fuchs zusammen mit denjenigen der anderen 
Wiener Phantasten einen Anachronismus spe- 
zifischer Art. Die Meinungen darüber sind 
kraß divergierend, Das betrifft selbst die weit- 
aus interessanteren Anfange von Fuchs, die 
noch nicht mit den Abstrichen großen Er- 
folges und den Konzessionen an einen erotisch 
ausgerichteten Publlkumsgeschmack versehen 
sind, für die der von Sydow herausgebrachte 
Zyklus von Farbradierungen mit iiani Titel 
.Die sieben Bilder und Sprüche der Sphinx" 
symptomatisch ist. Ernst Fuchs war als 
Künstler solange diskulabel, als man ihiri 
seine l8llgiO5_ inspirierten Visionen und 
Trauma, die Angste und Gleichnisse seiner 
Aymbolistischen Metaphorik" noch glaubte 
und glauben konnte. Von Ausnahmen abge- 
sehen, war dies der Zeitraum von 1950 bis 
1952. Fuchs war zwar auch damals kein 
Avantgardist, kein Exparimentierer oder Neue- 
rer, dafür jedoch eine starke Persönlichkeit 
der Wiener Kunstszene. die viele in ihren Bann 
zog und als Gegenpol zu anderen Stromungen 
und Tendenzen, wie etwa der Gruppe um die 
Galerie St. Stephan, galt. 
In der vielschichtigen Auseinandersetzung mit 
seinem verschlüsselten, literarischen Werk 
kommt es mehr als in anderen Beispielenuzeit- 
genclssischer Kunst auf grundsatzliche Uber- 
legungen an, Diese betreffen weniger die 
zahlreich vorhandenen Fakten artistischer 
Konnerschaft und die oft bewundernswerte 
kompositorische Dichte als vielmehr jene 
Problemkreise, die mit Begriffen wie Zeit- 
gemäßheit, Lauterkeit und geistiger Haltung 
zu umschreiben sind. In jenen Kreisen, die 
sich in Osterreich mit bildender Kunst ein- 
gehend beschäftigen. sind die Antworten auf 
die hier skizzierten Fragen bereits gegeben. 
konnte man doch in zahlreichen kleineren Aus- 
stellungen immer wieder die neuesten Radie- 
rungen von Fuchs kennenlernen. Nicht zuletzt 
deshalb glich die Albertina-Ausstellung so- 
mit einer Plattform des bereits Etablierten 
(Abb. 1, 2). 
Museum des 20. Jahrhunderts - 
Arnulf Rainer 
Arnulf Rainer als den zur Zeit vermutlich 
interessantesten und stärksten österreichischen 
Maler und Graphiker zu bezeichnen, ist keine 
Ubertreibung. Durch den imponierenden 
(Euvrequerschnitt, den seine bisher größte 
und wichtigste Kollektive im Wiener Museum 
des 20.Jahrhunderts vermittelte. erfuhr das 
Gesagte jedenfalls kompakte Bestätigung. 
Werner Holmann, der sich in dem glänzend 
gelungenen Katalog ausführlich ritii Rainer 
beschaftigte, hob aus Anlaß der Eroffnung der 
153 Werke umfassenden Exposition nicht nur 
die Konsequenz, Risiko- und Provokations- 
freudigkeit des Künstlers hervor, sondern auch 
diegeistigen Dimensionen Rainerscher Malerei, 
was seiner Meinung nach dazu berechtigt, 
den Maler als eine der wichtigsten Künstler- 
persönlichkeiterl des heutigen Europa überr 
haupt zu werten. 
Die - leider nicht besonders günstig gehangte 
- Schau enthielt Arbeiten aus beinahe zwei 
Jahrzehnten. Sie dokumentierte das Schaffen 
eines Künstlers, der bewußt und wiederholt 
das Wagnis im Sinne extremster bildnerischer 
und geistiger Notwendigkeit einging, um da- 
durch dem z_u entgehen, was man einerseits 
als bloßen Asthetizismus und Formalismus, 
anderseits aber auch als ungenügendes geis 
ges Aufwärmen und Nachvollziehen be- 
zeichnen könnte, 
Ähnlich wie bei Hundertwasser verlief auch 
die Entwicklung Rainers, der 1929 in Baden 
bei Wien geboren wurde und nach der Matura 
iui Hochbau lediglich dreieinhalb Tage an 
Wiener Kunstakademien zubrachte, unter den 
Vorzeichen und Bedingungen lange zeit hin- 
durch mißverstandenen, ja vielfach überhaupt 
ignorierten Außcnseitertums. Ahnlich wie 
Hundertwasser nahm auch der Einzelgänger 
Rainer wiederholt in Manifesten und provo- 
katorischen Kundgebungen zur Situation der 
Kunst Stellung. um sich durch klare Formu- 
lietulig des eigenen Standpunktes - unab- 
hängig vom Beifall des Publikums m Rechen- 
schaft zu geben und zu belegen, wofur der 
konsequente Einsatz geleistet wird. 
Bereits 1951, am Beginn seiner Ausstellungs- 
tätigkeit mit der .Hundsgruppe", schockierte 
Rainer mit einer "Publikumsbeschimpfung" an 
Stelle der üblichen Erolfnungsrede. Noch im 
selben Jahr unternahm er Versuche, mir ge- 
schlossenen Augen zu arbeiten. Die Ergebnisse 
dieser ..Blindmalerei" stellte er dann unter dem 
Pseudonym JRRH" aus. Zusammen mit 
Ernst Fuchs und Hundertwasser gründete 
Rainer 1959 das ,Pintorarium", eine Anti- 
akademie in Form eines plakatienen Mani- 
festes, gedacht als ,i3ruistatte kultureller 
Provokation". 
Um 1958 setzte Bainers bisher umstrittenste 
Periode, die der Ubermalungen, Uberdeckun- 
gen und Uberzeichnungen, ein, die 1962 mit 
einer gerichtlichen Verurteilung wegen der 
offentlichen Uhermalung eines pramllerten 
Bildes in der Volkswagenstadt Wolfsburg 
ihren biographischen Hohepunkt verzeichnet. 
Rainer ubermalte in den Jahren bis 1963 
nicht nur eigene Arbeiten (wobei allerdings 
die Ubermalung immer nur gradueller Natur 
war und außer auf differenzierende Viel- 
schichtlgkeit stets auch auf das Freilassen 
weißer Bildpartien bedacht war), sondern 
auch Bilder und Graphiken von Kollegen wie 
Sam Francis, Emillo Vedova, Vasarely und 
Georges Mathieu, die man zu diesem Zweck 
bereitstellte. 
In dieser Periode entstanden ernste, kontam- 
plative, in der Regel fest monochrome Bilder, 
zu denen man erst heute den entsprechenden 
Abstand besitzt, um sie in ihrer notwendigen 
Radikalität aus der subjektiven Sicht des 
Künstlers, aber auch im Hinblick auf die in- 
zwischen eingetretene Entwicklung der Malerei 
zu verstehen. 
Zu seinen in gewisser Weise durch den Sur- 
realismus beeinflußten, doch nichtsdesto- 
weniger ungemein eigenstandigen, seelische 
Tiefen und Bawußtseinsschichien auslotenden 
Anfangen um 1950 kehrte Rainer 1964 zu- 
riick. Sein Bestreben, nach einer Periode über- 
deckter. doch nicht ganzlich ausgemttetar 
Gegenständlichkeit sich wieder ..voller Wahn- 
willen von lrrwelten, Fremdwesen und Neo- 
morphismen überschwemmen zu lassen", 
findet im Sammeln von Arbeiten irrer und 
oftmaligen Rausch- und Drogenexperimenten 
unter ärztlicher Aufsicht erkenntnisfordernde 
Unterstützung. 
Hofmann spricht im Zusammenhang damit 
von einer geradezu ,.ekstatischen Erlosungs- 
hoffnung, von dunkler Erinnerung an die ur- 
sprüngliche Ganzheit und der Sehnsucht nach 
dem verlorenen Paradies der Instinkte", 
Was Rainer seit 1964 unter der Einbeziehung 
von Offsetdrucktechniken leistete, stellte heute, 
knapp vier Jahre später, bereits einen aus- 
gedehnten Komplex intensiver Auseinander- 
setzung und bildnerischer Bewaltigung dar. 
Rainers immer starker von der Zeichnung her 
bestimmte Biatter sind originare Zeugnisse 
neu gewonnener Erfahrungen, die - umge- 
setzt in einen adaquaten, bedruckandan .hallu- 
zinaiiven Stil" - unsere Vorstellungen von 
Kunst und deren legitimen Moglichkeiten im 
Sinne eines permanenten Streitgespraches er- 
weitem. 
Eine Ausstellung, die man gesehen haben 
mußte (Abb. 3). 
Wiener Künstlerhaus - Horst 
Janssen, Karl Korab 
Sich drei Jahre hindurch um eine Ausstellung 
bemüht und diese trotz vieler Widrigkeiten 
doch noch bekommen zu haben, zeugt von 
Beharrungsvermogen. lnge Zimmer-Lehmann, 
vormals initiative Leiterin und Gründerin des 
Internationalen Künstlerclubs und gegen- 
wärtig als ambitionierte Generalsekretarln im 
Künstlerhaus tatig, hat dieses Beharrungs- 
vermogen im Falle des deutschen Graphikers 
Horst Jansseri unter Beweis gestellt. Was ihr 
jedoch als mögliches Novum fur den IKC 
verwehrt blieb, gelang als etwas abgestandene 
Sensation fui die seit kurzem bestehende 
Galerie im Künstlerhaus: eine Janssen-Schau 
mit rund 50 Radierungen und Lithos aus dem 
Zeitraum von 1958 bis heute. Nach den spieß- 
bürgeilichen Eseleien Brauers folgte mit den 
sexgeschwangerten, zum Teil pornographi- 
schen, doch durch die Bank technisch 
brillanten Gustostückerln des 1929 geborenen 
Hamburgers eine weitere zugniirriniai garan- 
tierter Publikumsgunst. 
Die Möglichkeiten einer Stoßkraft ent- 
wickelnden, informativen Avantgarde-Galerie 
steuert das Künstlerhaus freilich erst gar nicht 
an. 
 
BILDTEXTE 173 
1 Ernst Fuchs nahm die Pressekonferenz 
seiner Albertina-Ausstellung zum Anlaß, 
das Publikum mit der Herstellung und 
dem Druck einer Radierung vertraut zu 
machen 
2 Ernst Fuchs, Die Einkleidung Esthers im 
Jungfrauenhaus, 1965. Radierung, 30,7X 
24,2 cm (Abb. 1, 2 aus der Ausstellung 
des Künstlers in der Staatlichen Graphi- 
schen Sammlung Albertina, Wien) 
3 Arnulf Flainer nach vorgenommener 
Selbstübermalung vor einer Zeichnung 
jüngeren Datums in seiner Ausstellung im 
Museum des 2D. Jahrhunderts Wien 
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