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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

Bildteppich angefertigt. 1818 hatte Ingres 
das Thema aufgegriffen und später noch in 
zwei anderen Versionen gemalt. 1835 
stellte Jean-Francois Macret den Stoff dar. 
Deutsche Darstellungen stammen von _]u- 
lius Schradcr und Moritz Calisch47. Ty- 
pisch an dem Thema ist die Begegnung von 
Künstler und Herrscher. Franz I. war für 
die Franzosen die Hauptfigur des Bildes. 
Frangois Joseph Heim führte seit 1825 die 
Malereien in der Salle diEuphronios im 
Louvre aus: Um ein Mittelbild mit dem 
Thema „La Renaissance des Arts en 
Francem" gruppieren sich Darstellungen 
aus der französischen Geschichte, darunter 
einige, in denen sich die Geschichte mit der 
Kunstgeschichte berührte: Perugino malt 
Karl VIIL, Franz I. besucht das Atelier 
Benvenuto Cellinis, Leonardo auf dem 
Sterbebett u. a. 
Die Verbindung von Kunstgeschichte und 
Herrschergeschichte wirkte sich in Deutsch- 
land vor allem in der Ausmalung der 
Karlsruher Kunsthalle49 aus. Moritz von 
Schwinds 1842 beendetes Hauptbild zeigt 
die, wie es heißt, „unter Herzog Conrad 
von Zähringen gefeierte Einweihung des 
Freiburger Münsters, als des ersten und 
größten Kunstwerks unseres Landes". Das 
Thema bot Gelegenheit, außer dem Künstler 
die historischen Vorgänger des Fürsten 
und des Klerus gebührend zu repräsen- 
tieren. In einem Nebenbild ist dargestellt, 
wie Baldung Grien den Markgrafen Chri- 
stoph porträtiert. 
An der Neuen Pinakothek in München 
wurde seit 1848 sogar das ganze Programm 
der Fresken nach Kaulbach auf eine Herr- 
scheri-igur, Ludwig I., ausgerichtet und im 
Katalog mit dem Titel „Kunstschöpfungen 
König Ludwigs" umrissen 50. Es ist in 
dieser Hinsicht einzigartig. 
Das Programm der Neuen Pinakothek ist 
noch aus einem anderen Grund wichtig. 
Es beschränkte sich auf die Behandlung 
zeitgenössischer Künstler. Diese wurden 
dargestellt wie Gestalten historischer Zei- 
ten. 
In der Ausführung etwas früher, 1846 bis 
1850, waren die Zementputzmalereien von 
Jörgen Valentin Sonne am Außenbau des 
Thorvaldsen-Museums in Kopenhagen ent- 
standen, die den Einzug Thorvaldsens in 
Kopenhagen, 1838, zum Thema hatten51. 
Hier handelte es sich um die Darstellung 
einer einzigen Begebenheit. 
An der Neuen Pinakothek dagegen war 
zum erstenmal eine größere Anzahl zeit- 
genössischer Künstler in ihrem Zusammen- 
wirken und in verschiedenen historischen 
und allegorischen Zusammenhängen dar- 
gestellt. 
Ein solcher Zeitgenossen wiedergebender 
Zyklus konnte nicht ohne Polemik und 
leichte karikaturenhafte Überspitzung blei- 
ben. Er wirkte gerade darin als Vorbild. 
Die Tendenz zur überspitzten Darstellung 
von Zeitgenossen verbreitete sich. 
Zwei Zeichnungen, „Cornelius als Ritter 
und Kämpfer wider den Zopf", Alfred 
Rethel zugeschrieben 51, und „Cornelius be- 
weihräuchert sich selbst", von Kaulbach 53, 
zeigen die beiden Extreme, allegorische Ver- 
herrlichung und karikaturenhaften Spott. 
Besonders tritt an der Neuen Pinakothek 
ein Bildtyp hervor, der die Kunsthistorien- 
malerei der zweiten Jahrhunderthälfte be- 
stimmt hat: die gemeinsame Darstellung von 
Künstlern einer Epoche in einem Bildfeld. 
Je eines von drei Freskenfeldern vereinte 
die unter Ludwig tätigen Architekten, 
Bildhauer und Maler, als wären sie ge- 
meinsam tätig gewesen54. 
Ein 1861 datiertes Ölbild Eugen Napoleon 
Neureuthers55 mit umfangreichem Pro- 
gramm greift den Bildtyp auf: Es stellte 
die Künstler Ludwigs I. in ähnlichem Zu- 
sammenhang dar. 
Besonders häuhg erscheint dieser Typ in 
Frankreich. -- 1866 beendete Charles Louis 
Muller die Ausmalung des Salon Denon im 
Louvre: Vier große Wandbilder zwischen 
allegorischen Figuren repräsentieren vier 
Kunstzeitalter in Frankreich, verkörpert 
durch einen besonders hervorragenden 
Herrscher, die unter ihm beschäftigten 
Künstler und deren berühmteste Wcrke5b. 
Dargestellt sind Ludwig der Heilige und 
die Kunst des Mittelalters, Franz I. und die 
Kunst der Renaissance, Ludwig XIV. und 
die klassische Kunst, Napoleon und die 
zeitgenössische Kunst. 
Einen Höhepunkt dieser Bildgattung in 
Deutschland stellen die beiden großen 
Bilder von Carl Gehrts in der alten Düssel- 
dorfer Kunsthalle dar. Sie gehörten in einen 
umfangreichen Zyklus, in dem unter an- 
derem auch eine weibliche Gestalt als 
Allegorie der Kunstgeschichte vorkommt 57. 
Sie zeigten die Zeit der Antike und der 
Renaissance. Erhalten sind die Ölentwürfe 
von 188253. Die in den folgenden zehn 
Jahren ausgeführten, zum Teil stark abge- 
änderten Fresken wurden, obwohl sie 
nach dem Kriege gut erhalten Waren, mit 
dem Gebäude abgerissen59. 
Das frühe Bild Ingres zum Thema „Raffael 
und die Fornarina", seine eigenen Wieder- 
holungen und die anderer Künstler machten 
Darstellungen von Künstlern und Frauen 
besonders geläuGg. Hans Makart führte 
diese Szenen zu einem späten eigenen 
Bildtyp, der an der Grenze steht zwischen 
Künstlerszene und bloßem Künstlerbild- 
nis. r Für das Treppenhaus des Wiener 
Hofmuseums entwarf er Lünetteu, auf denen 
er Künstler mit ihren Geliebten darstellte 60. 
Das Thema, Künstlertum uncl Frauenschön- 
heit, wie er es hier malte, hatte ihn sein 
Leben lang beschäftigt. Drei dieser Bilder 
bestimmte man deshalb zur Ausschmückung 
seines Ateliers, in dem er nach seinem Tode 
1884 aufgebahrt wurde: Rembrandt, Raffacl 
und Rubens mit ihren Geliebten 61. 
Thema der Kunsthistorienrnalerei waren 
historisch belegte, dichterisch verklärte oder 
bewußt erfundene Situationen im Leben 
historischer Künstler. Man wählte Künstler 
während der Arbeit an bedeutenden Wer- 
ken, Künstler in entscheidenden, ihr Schaf- 
fen bestimmenden Augenblicken, oft bei 
Begegnungen mit Herrschern, daneben 
aber auch Künstler in beliebigen Lebens- 
momenten, etwa zusammen mit der Ge- 
liebten. Leicht nachzuempfindende, dra- 
matisch zugespitzte oder rührende Szenen 
wurden bevorzugt. Eine besondere Rolle 
spielten die Darstellungen ganzer Zeitalter 
oder Kunstperioden, in denen mehrere, 
etwa gleichzeitig wirkende Künstler mit- 
einander auftraten. 
Neben den historischen wurden zeitge- 
nössische Künstler Gegenstand der Kunst- 
historienmalcrci und erschienen gleich- 
berechtigt in den Programmen. Solche 
Darstellungen waren oft in besonderem 
Maße überhöht, karikierend überspitzt oder 
allegorisch ausgeschmiickt. 
Eine weitere, letzte Dimension der Kunst- 
geschichtskunst waren Schilderungen von 
Kunsthistorikern und Kunstkritikern bei 
kunstwissenschaftlicher Betätigung. 
Kunsthistoriker früherer Jahrhunderte, die 
zugleich Künstler waren, etwa Ghiberti 
oder Vasari, erschienen wie diese im Zu- 
sammenhang von Kunstgeschichtspro- 
grammen: Ghiberti an der Glyptothck 62, 
Vasari im Zyklus der Pinakotheköl. Sie 
waren jedoch fast nie als Kunstschrift- 
steller gekennzeichnet. 
Zeitgenössische Kunsthistoriker Wurden in 
ähnlichem Sinne dargestellt wie zeitge- 
nössische Künstler: zuweilen sachlich, wie 
Athanasius von Raezynski, der neben den 
unter Ludwig I. tätigen Malern an der 
Neuen Pinakothek sitzt und seine „Ge- 
schichte der neueren deutschen Kunst" 
schreibt64, oder Ludwig Schorn, Heraus- 
geber des Kunstblattes, der mit Schrift- 
rolle und Feder unter den Künstlern Lud- 
wigs stehtöä. Zuweilen karikierend über- 
spitzt, wie Schorn auf einer Illustration 
Johann Christian Reinhardts zu einer von 
Franz Catel, Joseph Anton Koch, den 
Gebrüdern Riepenhausen, Johann Martin 
von Rohden, Thorvaldsen, Philipp Veit und 
Reinhardt selbst unterzeichneten Schrift: 
„Drei Schreiben aus Rom gegen Kunst- 
schreiberei in Deutschland" 66. 
ANMERKUNGEN 47-66 
47 Andreas Plgler, Barockthemen, Bd. 2. Budapest-Berlin 
1956, S. 426i 
43 Charles Srcrlin . Hälänc Adhimzr. L2 Pßinzure au Musbc 
du Louvre. E60 c Fnnqaise XIXe Siäclc, Bd. 3. Paris 1960, 
Nr. 1064 mit Abb. 
49 Plaganann 1.967, S. 984101. 
W Vgl. Anm. 34: "lagcmann 1967, S. 1291". 
511.. Roslxup Böyswn, Fliscn paz Thorvaldscns Museum. 
Kunstmusccts Azrukrill 1946147, S. 153m; Rudolf Zu-illct. 
Die Kunst dva 19. Jahrhundcns. Berlin 1966. S. 195, 
Taf. Kb. 
53 AussL-Kan. Handzeiclmungen 19. Jahrhundert. Galerie 
Palüath. Düsseldorf 1968, Nr. 207, Titelbild. 
12 
 
53 Bexlill, Slzall. Museen, Nationalgalerie; auf diese Zeich- 
nung wizs mich Dietrich Kötzschc hin. lhm verdanke ich 
auch ein Foto der Stand. Museen. 
M Vgl. Anm. u; München. Bayer. Slaatsgemäldzsamm- 
lungcn, lhm-Nr. WAF 410. 
55 Mlinchrn. Schark-Galzrie. 
55 Stnling-Adhhnar 1960. Nr. 1442-1445 mit Abb. 
57 Wilhelm Schlcicher. Di: Trcp nhausfresken von Carl 
Gvhrts. Düsseldorf 1897; Frcd oclß, Die Kunsthalle in 
Düseldorf. Düsavldorfrr Hcimztbliltex 9. 1941], S. 69-90. 
5' Düssddorf. Kunstmuseum. 
S9 Fotos im Sladtgeschichtljchen Museum Düsseldorf zeigen 
die verhältnismäßig gut erhaltenen Wandgemälde im 
Treppenhaus des beschädigten Baucs. 
w Wim, Kunsthistorischcs Museum. 
M Emil Pirchan. Hans Makazt. Wien-Leipzig 1942. Abb. 124; 
13m einer Zeichnung von l. J. Kirchner und Wilhelm 
ause. 
u Plagcmann 1967. s. a1. 
63 Plagemann 1967. S. 392. 
54 Vgl. Anm. 34 und S4. 
55 Vgl. Anm. 34; München. Baycx. Sraatsgcmäldcsammlun- 
, Inv.-Nr. WAF 423. 
56 xci Schrcibcxl au: Rom gegen Kuusuchrcibcrci in 
Dcurschland crlasen und unterzdchnct von Franz Catel, 
jos. Koch, Friedrich Riepenhausen, Ich. Riz-pcnhnusßn. 
von Rohden, Alb. Thorvaldsm, Ph. Veit, Joh. Chr. 
Reinhart, Fxiedr. Rud. Meyer, Dessau 1833.
	        

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