MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

' u. . 
m Admlm. am. 
411 
ü 
.. 
.. 
kuppelartigen Käfig in das Wasser zu ver- 
senken. Und so blieb es im Wasser, bis die 
Vögel innerhalb des Kuppelbaues sich vom 
Holze gelöst hatten. Ebenso erzählt Jindbad 
der Seefahrer in einem Märchen aus „Tau- 
send und Eine Nacht" von einem Vogel, 
der aus einer Muschel entstehe, im Meere 
brütc und nie ans Land komme. Also auch 
hier dieses geheimnisvolle Tier, wie es im 
mittelalterlichen arabischen Sagenkreis im- 
mer wicder zu Finden ist. 
Wie sehr im Mittelalter bis in die Neuzeit 
hinein dieses „Naturwundef die Gelehrten 
und Laien beschäftigte, ersieht man aus 
den zahlreichen Abhandlungen, wobei aller- 
dings stets die zwei oben erwähnten Tat- 
sachen in eine falsche, wunderbar anmutende 
Beziehung zueinander gebracht wurden. In 
den Quellen taucht die Bernikelgans unter 
den verschiedensten Namen auf, da diese 
nach Gegenden verschieden waren und 
überdies Verstümmelungen und Ab- 
schreibefehler zur Verwirrung beitrugen. 
Die häufigsten Bezeichnungen waren: Bar- 
bates, Barliathes, Bemaces, Bernestas, Ber- 
nicla, Branta, Baumgans, Bonugas, Clokis 
(v. a. in Schottland), Crahans, Cragans u. a. 
Im Defensorium des Franz von Rztg 
(1343-1427) erscheint sie unter dem 
Namen Carbas, was offensichtlich auch auf 
einem Abschreibefehler beruht. 
Als wichtigste Quelle, die noch bis in die 
Neuzeit hinein zitiert wurde, etwa vom 
gewissenhaften Schweizer Zoologen Kon- 
rad Germer (1516-1565) in seinem Vogel- 
buch, galt lange Zeit Giraldus von Camhrqy, 
der in seiner „Topographie Hiberniae", 
nach einem Besuch bei König Heinrich II. 
von Schottland, schrieb: 
„Es gibt hier viele wilde Vögel, welche 
Bernacae genannt werden. Diese bringt auf 
wunderbare Weise ein Vogel, der über das 
Meer an der Oberfläche des Wassers dahin 
schießt. Niemals findet man ihn lebend. 
Wenn aber das Meer brandet, wirft ihn 
das Wasser an den Strand, welcher ,al 
Gattasaf genannt wird. Anfangs sind sie 
wie ,gummi' (primo gummi nascuntur). 
Sie sind zur freien Ausbildung in Muschel- 
schalen eingeschlossen und hängen mit den 
Schnäbeln herab! Nachdem sie sich im 
Laufe der Zeit mit einem Gefieder um- 
geben haben, sinken sie entweder ins Wasser 
hinab, oder sie erheben sich frei in die Luft. 
Ich habe mehr als Tausende der kleinen 
Körperchen dieser Vögel (womit er wohl 
die Entenmuschel meint) vielmals mit 
eigenen Augen gesehen, wie sie von einem 
Holzstück herabhingen. Sie entstehen weder 
durch Begattung noch durch Bebrütung. 
In keinem Winkel der Erde scheinen sie 
Nester zu bauen oder sich der Brunst 
hinzugeben." 
Besonders im 12. und 13. Jahrhundert 
haben sich Naturwissenschaftler wieder mit 
der Entstehung und Herkunft der Baumgans 
beschäftigt. Gervasius von Tilbury weist 
auf den Entstehungsort der Baumgänsc an 
der Meeresküste von Kent hin. Sie sollen 
auf weidenartigen Bäumen als Früchte 
wachsen. Auch Alexander von Nekbam 
(115771217) betont, daß diese Gänse - 
er nennt sie Bernekke ä nicht durch ein 
Ei oder durch natürliches Ausbrüten ent- 
stünden und daher in weniger strengen 
Fastenzeiten gegessen würden (Dies trug 
ihr wohl auch den Namen Klostergans ein). 
Auf dem Latcrankonzil von 1215 wurde 
dieser Usus jedoch von Papst Innozenz III. 
verboten. 
Ein Beweis dafür, daß die Ansicht, die 
Bernikelgans sei eine Baumfrucht, bereits 
weit verbreitet war, ist der Umstand, daß 
sie nicht nur im Bereiche christlicher Theo- 
logen zu lebhaften Diskussionen Anlaß 
gegeben hatte, sondern offenbar auch in 
jüdischen Kreisen. Rabbi Jakob Tham von 
19
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.