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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

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Nürnberg stammt aus der Zeit um 1500. 
Bezeichnenderweise waren aber diese Stücke 
keine Tischgeräte, sondern mit einem 
Handgriff versehen. S0 hält der, der die 
Artnillarsphaere hat, die natürliche Welt, das 
Weltsystem in Summe in seiner Hand. Das 
war sicherlich auch die Meinung Syrlins 
bei der Darstellung des Ptolemäus, der als 
quasi-allegorische Figur für Erforschung 
und Beherrschung natürlicher Erschei- 
nungen bis in das 18. Jahrhundert immer 
wieder auftritt. In diesem Sinne ist es 
interessant, daß dieses Instrument, das eine 
Konstruktion und Erfindung der antiken 
Naturwissenschaft war, im 15. Jahrhundert 
wieder auftaucht und von da an seine große 
Blüte im Verlauf des 16. und 17. Jahr- 
hunderts erfährt. Von heute aus gesehen 
ist es an sich merkwürdig und erstaunlich, 
Instrumente, die einem technischen oder 
wissenschaftlichen Zweck dienen, durch 
kostbares Material wie Vergoldung oder 
gar Email und Ornamente zu einem Kunst- 
gegenstand zu formen, ohne dabei die 
praktische Verwendbarkeit zu beeinträch- 
tigen. Das hetrifft aber nicht nur die At- 
millarsphaeren, sondern jedes Instrument der 
Naturwissenschaft dieser Jahrhunderte. Sind 
es ja jene Jahrhunderte, in denen die Er- 
forschung und Beherrschung der Natur 
jenen großen Aufschwung erlebte, der am 
Ende die Aufklärung und die Stellung der 
empirischen Wissenschaften unserer Ge- 
nerationen vorbereitete. Die Stellung des 
Menschen zur Natur und die Erfassung 
des Menschen als Teil der Natur wurde 
vom 15. Jahrhundert an radikal anders 
gesehen als in der vorhergehenden Zeit; 
eine Wandlung, die letzten Endes in der 
Gotik des 13. Jahrhunderts begründet ist. 
Die erste Einstellung zu dieser neuen Welt- 
ansicht aber war die, den „Geist der Natur" 
zu beherrschen. Das ist dichterisch ausge- 
drückt in der Person des Faust, der durch 
alle Möglichkeiten des menschlichen Geistes 
bis zur Magie die immer intensiver er- 
kannten Kräfte des Alls sich untertan 
machen will. Diese Einstellung aber ist 
letzten Endes der Urgrund für die Form 
und Gestaltung der naturwissenschaftlichen 
Instrumente. Denn zur Beobachtung der 
Zeit oder der Bahn der Sonne, und der 
Gestirne ist es nicht nötig, vergoldete 
Instrumente zu besitzen. Dem übergeord- 
neten Geist aber dient man mit der höchsten 
Kostbarkeit menschlicher Kunstfertigkeit. 
Man dient ihm dadurch nicht bloß, sondern 
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ist der Grund für Prunk und Kostbarkeit 
aller sakralen Geräte, die menschliche Kultur 
geschaffen hat. Unter diesem Aspekt aber 
gestaltete man die naturwissenschaftlichen 
Instrumente zu kostbar vergoldeten und 
nrnamentierten sakralen Geräten einer Zeit, 
für die „die Natur" zum großen überge- 
ordneten Geist geworden war. Aus dieser 
Einstellung heraus entstanden Instrumente, 
wie etwa ein Zirkel von Schissler im Öster- 
reichischen Museum für angewandte Kunst, 
der nicht bloß ein gewöhnlicher Stech- 
zirkel ist, um auf einer Landkarte eine 
Strecke zu messen, sondern der in seinem 
Innern ein Längenmaß und eine Sonnenuhr 
enthält, die Jahreszeiten und die mensch- 
lichen Temperamente in Inschriften trägt 
und zusammengeklappt die Form eines 
königlichen Zepters erhält; denn wer 
diesen Zirkel in der Hand hält, regiert die 
Natur. 
Das alles ist auch letzthin die tiefe Be- 
deutung jeder Armillarsphaere. Sicher, sie 
ist gemacht, um die Vorgänge des Himmels 
und der Gestirne zu demonstrieren. Aber 
sie ist auch da, um dem Demonstranten 
die Natur in die Hand zu geben, wie Jörg 
Syrlins Ptolemäus sie hält. 
S0 gesehen erscheint es verständlich, daß 
die große Zeit dieser Instrumente das 16. 
uncl 17. Jahrhundert war, die Zeit der 
Philosophen der Renaissance und des 
Humanismus Galilen Galileis oder Gior- 
dann Brunos. Verständlich aber auch, daß 
ihre Bedeutung im Verlauf des I8. Jahr- 
hunderts schwindet, in einer Zeit, in der 
man wieder anders, viel nüchterner und 
empirischer die Natur betrachtet und das 
Instrument nur mehr Instrument und 
nicht mehr „sakrales Gerät" war. In großer 
Linie bis in unsere Tage tritt nun bei allen 
naturwissenschaftlichen Instrumenten die 
künstlerische, ornamentale Form immer 
mehr zurück und weicht der prak- 
tischen und zweckgebundenen Gegeben- 
heit. Nur weniges davon, etwa eine 
Armband- oder eine Taschenuhr, erhält 
noch seinen Charakter als Schmuck nur 
nebenbeilß. 
Die Wiener Armillarsphaere Schindlers, ja. 
alle Instrumente dieses Mechanicus stehen 
hier an der Wende zweier Auffassungen: 
der Charakter großartiger Bedeutung ist in 
ihnen gerade noch erhalten. In der Ein- 
fachheit und Sparsamkeit der Ornamente 
aber kündigt sich bereits die neue nüchterne 
Zeit der Aufklärung an. 
ANMERKUNG 1a 
ß Egger, Naturwisenschaß de! lkcnaisance, i 
modzrnc 1mm. 1961, Nr. 49, s. 15m 
28 
x : Alt: und 
   
Disu m: entspricht mit Ergänzungen der Publikation 
"Der am rcund" m11. September ms.
	        

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