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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

und des Kremser Stadttores, die ostlich des 
Kirchenchores der Minoritenkirche zu erwarten 
waren, fügt Schiele hier ein viel weiter west- 
wärts gelegenes Bauwerk an, nämlich die 
Frauenbergkirche, diese außerdem so, daß sie 
tiefer als das Minoritenkloster zu liegen kommt, 
was einen weiteren Widerspruch bedeutet. Die 
Kirche selbst ist jedoch in allen Details richtig 
gezeichnet: die Geschoßeinteilung, die Fenster 
und auch der Chor (wenn man von der Kleinig- 
keit absieht, daß wir eine zweite Dachluke gegen 
das Chorhaupt vermissen). Uber die aus der 
veränderten Situation resultierende Vorder- 
grundlosung geht Schiele durch einige will- 
kürlich eingefügte Dachflachen hinweg. Sie 
sind für die Komposition jedoch nicht unbe- 
deutend, da sie ihr eine gewisse Ruhe ver- 
leihen. Ein Detail mag hier noch vermerkt 
werden. Obwohl Schiele im Juni des Jahres 
1913 in Stein war, malt er am linken Bildrand e 
ebenso wie entlang der Lande bei der 
besprochenen Studie, dürre Bäume, eine Vor- 
liebe, die sich aus dem graphischen Emp- 
finden des Künstlers erklart. 
Vergleicht man mit diesem Bild die Studie 
(Kallir Nr. 189, OlfHolz, 39,7 X315 cm, USA, 
Privatbesitz, Abb. 6), dann hat man, was Format 
und lntensitat der Auffassung betrifft, eine Ent- 
sprechung zu dem ersten Bildpaar, und doch 
ist die Lage verschieden. Die Studie ist der 
wirklichen Situation näher. Dies zeigt die 
Lage der Frauenbergkirche und die Dächer im 
Vordergrund e obwohl sie nur ganz flüchtig 
mit dem Pinsel hingestrichen sind. Ganz links 
am Bildrand erkennt man zum Beispiel die 
charakteristische Giebelsilhouette des Hauses 
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Frauenberg Nr. 22. Dieser Naturnahe ist aller- 
dings entgegenzuhalten, daß Schiele auch bei 
dieser Studie den Pfarrkirchenturm mit einem 
einfachen Pultdach abschließt. Rechts am Bild- 
rand sieht man die Westfront des Steiner Rat- 
hauses. Auch das südliche Donauufer gibt ein 
genaues Bild der Situation. Jenseits der Au 
erkennt man die von Mautern nach Furth 
führende Straße etwa in der Höhe der heutigen 
Kaserne. 
Was vermag uns nun der Vergleich dieser 
beiden Ansichten zu sagen. Stärker noch als 
beim ersten Bildpaar wird es deutlich, wie 
Schiele mit den einzelnen Elementen der 
studierten Realitäten frei schaltet. Es kann sich 
dabei um kleine Korrekturen, um ein Zurecht- 
rücken handeln, aber auch um ein Zusammen- 
setzen zweier an sich nicht zusammengehöriger 
Stadtmotive. Obwohl die Studie (Abb. 6) der 
Situation gerecht wird, entfernt sie sich aber 
doch in wesentlichen Punkten des Ausdrucks 
viel mehr von der Natur. Ein dynamisches Ele- 
ment zeigt sich auch hier in dem hoch über der 
kleinen Stadt aufragenden Turm. Schiele geht 
dabei in ganz ähnlicher Weise wie bei der 
anderen Studie (Abb, 3) vor. Das Format gibt 
das in sich ruhende Quadrat auf und streckt 
die Proportionen in die Hohe. Die Stadt, die 
bei der ausgeführten Arbeit (Abb. 4) mehr als 
die Hälfte des Bildes füllt, ist bei der Studie auf 
weniger als ein Drittel am unteren Rand zu- 
sammengedrängt. Dem entspricht darüber ein 
annahernd gleich hoher Streifen, nämlich das 
Ufer am oberen Bildrand, So wird der Turm zu 
einer Brücke, die den hellen Strom überspannt. 
Es ist dabei für den Ausdruck nicht unwichtig. 
daß die Spitze des Turmhelmes gerade das 
jenseitige Ufer berührt und dadurch dieses 
Emporstreben viel mehr betont, als würde der 
Helm in das grüne Ufer hineinragen. Am Turm 
selbst sehen wir auch einige bezeichnende 
Veränderungen, er wirkt schlanker und höher. 
was auf das Verhältnis zum Chordach zurück- 
zuführen ist. Es reicht bei der Studie nur bis 
zum zweiten Geschoß, während es beim 
ausgeführten Bild (dies entspricht der Wirk- 
lichkeit) bis zum dritten Turmgeschoß aufragt. 
Die Dreieckskomposition ist bei der Studie 
steiler, außerdem steht der Turm nun am rechten 
Bildrand, gleichsam gegen die Strömung des 
Flusses gestellt (ein Argument, das nicht über- 
sehen werden sollte). In der malerischen Be- 
handlung ist die Studie freier, wodurch die 
angedeutete Intensität noch mehr gesteigert ist. 
Wieder wandelt sich das topographisch in- 
teressante Motiv einer mittelalterlichen Stadt 
in ein Erlebnis von Turm, Stadt und Strom. 
Es wiederholt sich genau das, was wir bei dem 
Vergleich des ersten Bildpaares sehen konnten. 
Mit dieser neuerlichen Bekräftigung haben wir 
zugleich einen sicheren Ausgangspunkt für 
einige Erkenntnisse, die uns etwas über das 
Wesen von Schieles Kunst auszusagen ver- 
mögen. 
Naturvorbild und Vision 
„Studien mache ich auch, aber ich finde und 
weiß, daß Abzeichnen nach der Natur für mich 
bedeutungslos ist, weil ich besser Bilder nach 
Erinnerungen male, als Vision von der Land- 
schaft." Diese Worte, die Egon Schiele am 
25. August 1913 (im Juni dieses Jahres war 
er in Stein) in einem Brief an Franz Hauer, 
dem er im gleichen Jahr ein Städtebild von Stein 
verkaufte, schrieb, können als ein Schlüssel zum 
Verständnis seiner künstlerischen Absichten 
gelten. Otto Kallir hat diese Briefstelle in seiner 
Publikation: Ein Skizzenbuch von Egon Schiele 
(A Sketchbook by Egon Schiele), Johannes 
Press, New York 1967, Seite 42, mitgeteilt. 
Der gleichen Veröffentlichung verdanken wir 
noch einen weiteren Hinweis, nämlich die 
Publikation einer Zeichnung (Abb. 7), die sich 
auf den Seiten 27 und 28 dieses Skizzenbuches 
befindet. Sie zeigt die Frauenbergkirche vom 
Steiner Kreuzberg aus und wurde mit der Studie 
Abb.6 in Verbindung gebracht. Die Zeichnung 
ist jedoch viel verwandter mit dem ausgeführten 
Ölbild (Abb. 4). Dafür spricht die links vom 
Turrn sichtbare Donaulände und der Umstand, 
daß am oberen Bildrand nur ein schmaler Ufer- 
streifen sichtbar ist. Doch schon melden sich 
auch Widersprüche: das rechts vom Turm 
befindliche Dach, das Fehlen des Kirchenchores 
und das an der Nordseite unter dem Turmhelm 
angebrachte Zifferblatt der Uhr, das in Wirklich- 
keit nicht existiert. Aus einem solchen Vergleich 
ergeben sich zwei Folgerungen: die Zeichnung 
in dem Skizzenbuch wurde nicht vor der Natur 
gemacht, sie ist auch keine Vorstudie für eines 
der ausgeführten Bilder, sondern die Notiz für 
eine Bildidee, die in dieser Form nicht zur Aus- 
führung kam. 
Die Suche nach unmittelbaren Naturstudien 
Schieles in seinen Skizzenbüchern ist - zu- 
mindest was konkrete Ansichten betrifft e 
nicht sehr erfolgreich. Am ehesten gibt das im 
Schiele-Archiv der Wiener Albertina unter 
Nr. 3 verwahrte Skizzenbuch einen Anhalts- 
punkt. Auf der ersten Seite sehen wir die Skizze 
(Abb. 8) für ein Bild von der Ruine Weitenegg, 
die etwa um 1916 entstanden sein dürfte. Daß 
es sich um eine unmittelbare Eintragung vor 
der Natur handelt, beweisen die neben der 
Zeichnung stehenden Worte „Ruine Weitenegg 
- zwischen den Bäumen sitzen in Reihen . .. 
(Büsche?) - in Gruppen spielen bunte Kinder, 
rosa, weiß. Die Ruine graugelb, teilweise zer- 
kratzt und zerfallen wie Torten. - Rückwärts 
der weiße Fluß mit Kähnen. - Weit drüben grüne 
Wiesen und Berge und Streifenhimmel. Die 
Bäume vorne sind grün und die Wiesen. 7 
Rudernde Männer." Neben den letzten Worten 
befindet sich noch die Zeichnung eines Kahnes.
	        

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