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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

ZUR KUNST- 
HISTORIENMALEREF 
ZUR KUNST- 
HISTORIENUALEREÜ 
Aus der Künstlerbitugraphik der Fachleute 
entwickelte sich seit dem 18. Jahrhundert 
eine Künstlerbiographik der Laien und 
Dichter. Daraus entstand die Kunstge- 
schichtsdichtung:Kunstgeschichtsprosaund 
Kunstgeschichtslyrik malten Schicksale oder 
einzelne Erlebnisse historischer und zeit- 
genössischer Künstler aus, Kunstgeschichts- 
Schauspiele stellten sie sichtbar auf die 
Bühne, Kunstgeschichtsopern versuchten, 
ihr Erlebnis musikalisch zu steigern. 
Prosa und Lyrik verbreiteten das Interesse 
für den Gegenstand und weckten das Be- 
dürfnis nach bildlicher Darstellung. Schau- 
spiel und Oper gaben in der Aufführung 
unmittelbar Anlaß zu optischer Darstellung, 
die durch Zuschauerdistanz und Bühnen- 
rahmung bildnerischer Darstellung ähnelte, 
jedoch natürlich nicht zweidimensional war 
und nicht Augenblicke, sondern ganze 
Abläufe wiedergab. Eine bildnerische Dar- 
stellung, die Kunsthistorienmalerei, mußte 
dadurch angeregt werden. 
Auf den Künstlerfesten vor allem der 
Künstlerzirkel in Rom mit Rezitationen, 
Verkleidungen in historischen Kostümen, 
Kulissen- und Transparentmalereien be- 
gegneten sich Kunstgeschichtsdichtung, 
Kunstgeschichtsschauspiel und Kunstge- 
schichtsmalerei. 
In Italien hatten die Künstler vieler Na- 
tionen Gelegenheit, vereinzelte Beispiele 
von Kunsthistorienmalereicn früherer jahr- 
hunderte zu sehen: zum Beispiel Malereien 
im römischen Palazzo Zuccari, die die 
Künstler der Familie Zuccari zeigenl, 
Fresken in der Florentincr Casa Buonarroti, 
die Szenen aus dem Leben Michelangelos 
verherrlichen 1, oder eines der Bilder Otta- 
vio Vanninis in der Sala deIYArgenteria 
des Florentiner Palazzo Pitti, das den jun- 
gen Michelangelo vor Lorenzo de Medici 
darstellt 3. 
In Italien beschäftigten sich die Künstler 
mit der italienischen Kunst und der reich- 
haltigen italienischen Künstlerbiographik. 
Hier entstanden daher frühe Zeichnungen 
und Malereien nach den darin enthaltenen 
Künstlergeschichten. Die wichtigsten sind 
Arbeiten des jungen Jean Auguste Domi- 
nique Ingres. Nach einem seiner Notiz- 
bücher, das Raffael und anderen Künstlern 
gewidmet ist, befinden sich Auszüge aus 
der „Vita di Raffaello Sanzio" des Abate 
Comolli von 1791. Ingres hatte außerdem 
Vasari, Baglione, Passeri und Baldinucci 
gelesen. In einem weiteren Notizbuch hatte 
er verschiedene Episoden als Sujets für 
Gemälde notiert 4. Von mehreren sind 
Zeichnungen überliefert; einige hat er als 
Gemälde ausgeführt. Das erste Bild ist 1812 
im Auftrage der Königin von Neapel, 
Caroline Murat, entstanden: „Kardinal 
Bibbiena will Raffael seine Nichte zur Frau 
geben"5. Fünf Zeichnungen stehen zu 
diesem Bild in Beziehung. 1813 malte 
Ingres die erste, leider verschollene Version 
2 
Abgesehen von vorbereitenden Zeichnun- 
gen und Nachstichen existieren vier weitere, 
voneinander abweichende Versionen, eine 
1814 entstandene7, eine undatierteß, eine 
1840 entstandene") und eine 1860 begonnene, 
aber unvollendete, mit der lngres, wie er 
in einem Brief schrieb, die früheren ver- 
gessen machen wollte 19. 1815 führte er die 
erste Fassung des Themas „Aretino im 
Atelier des Tintoretto" aus", 1848 die 
zweitell. 1818 entstand die erste, heute 
verschollene, von drei Versionen zum 
Thema „Der Tod des Leonardo" 13. 
Durch die intensive Beschäftigung mit der 
italienischen Kunstgeschichte und die Kon- 
frontation mit anderen Künstlernationen 
wurden die Künstler gleichzeitig zum Nach- 
denken über die eigene Natinn und die 
nationale Kunstentwicklung angeregt. Vor 
allem die deutschen Künstler empfanden 
und stilisierten die Gegenüberstellung von 
italienischer und deutscher Kunst. Franz 
Pforrs im Herbst 1811 vollendetes Di- 
ptychon „Sulamith und Maria" stellt die 
Traumgeliebten der Malerfreunde Over- 
beck und Pforr dar und versinnbildlicht im 
Bilde der Sulamith (links) die von Overbeck 
verehrte italienische Kunst durch Motive 
aus der Malerei Raffaels, im Bilde der 
Kunst durch Motive aus der Malerei und 
Graphik Dürers14. Overbecks Darstellun- 
gen zu einem ähnlichen Thema15 - ein 
verschollencr Karton von 1811, eine weitere 
ausgezeichnete Pause des Kartons von 
1812111, eine Ölskizze unbekannter Ent- 
stchungszeitIV, das endgültige, erst 1828 
vollendete Bild19 und eine zweite Öl- 
fassungl" 7 haben alle den Titel „ltalia 
und Germania" und verdeutlichen die 
sinnbildlichen Gestalten zum 'I'eil durch 
verschiedene Hintergrundslandschaftcn. 
Philipp Veit stellte „Italia" und „Ger- 
mania" getrennt dar; Holzschnitte nach 
seinen Entwürfen erschienen 1836 in Ra- 
czynskis „Geschichte der neueren deutschen 
Kunst"29. 
Früh waren es Raffael und Dürer, die als 
Vertreter der beiden Nationen herausge- 
stellt wurden. Pforr und Overbeck zeich- 
neten beide kurz vor dem Tode Pforrs, 
1812, das Thema „Raffael und Dürer am 
Throne der Kunst". Auf Pforrs verschol- 
lener Zeichnung, die ein Stich von Hoif 
wiedergibt, ist die Kunst ein italienisches 
Mädchen aufeinem Throne mit italienischer 
Ornamentik; Raffael und Dürer knien 
neben ihr; hinter ihnen erscheinen die 
Silhouetten Roms und Nürnbergs 21. Auf
	        

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