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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

von JOHEIHH u. usteu oesre tneoiogiscne i:in- 
sichten der Vergangenheit und Gegenwart um- 
gesetzt in die Dimension der Gestaltung. Es ist 
die Einsicht, die ein Thomas von Aquino in das 
Problem der Rationalität hatte: für ihn erdrückt 
die Uberwelt die natürliche Welt nicht, sondern 
vollendet sie. Damit bleibt ein Raum für den 
Gebrauch der Ratio offen. Calvin hat den Sinn 
des menschlichen Lebens als Erkennen Gottes 
beschrieben. Und heute wissen wir um eine 
heilige Nüchternheit (im Raume der Kunst und 
Architektur konnten so die besten Tendenzen 
des„Bauhauses"umschrieben werden).Zu dieser 
Thematik sagt Max Frisch in seinem St" 
„Don Juan oder die Liebe zur Geometrie . 
„Jenseits des Weihrauchs, dort, wo es klar wird 
und heiter und durchsichtig, beginnen die 
Offenbarungen . . . Nur der Nuchterne ahnt das 
Heilige." Im Rationalen, in der Bejahung der 
klaren Struktur sehen wir heute auch ein wich- 
tiges antiideologisches Engagement Darüber 
sagt Adorno: „Kunstwerke haben ihre Größe 
einzig darin, daß sie sprechen lassen, was die 
Ideologie verbirgt." Natürlich werden gegen eine 
Gestaltung von rationalen Prinzipien her immer 
auch Einwände vorgebracht. Es entstehe so 
eine langweilige, dürftige, kalte, puristische und 
puritanische Kunst und Architektur. Mir scheint, 
diesen Einwänden begegne die Architektur von 
Gsteu mit der Einführung eines spielerisch- 
modulierenden Elementes. Gegen das kalt 
Puristische steht das Spiel des Lichts, gegen die 
Starrheit der Konstruktion stehen die Abwand- 
lungen der Grundelemente und die Mobilität. 
Die theologische Interpretation kann der Ein- 
führung des Elements des Spiels nur zustimmen, 
wenn auch die Wirklichkeit des „homo ludens" 
bisher in der Theologie wohl zu kurz gekommen 
ist. Es müßte meines Erachtens umfassender 
geltend gemacht werden. daß es ein Loben und 
Preisen Gottes in der Forrn des Spiels gibt. So 
enthält etwa die Bibel in sprachlichen Ge- 
staltungen durchaus ein spielerisches Element. 
Spiel als Gotteslob, - das ist heute echtes 
theologisches Postulat. Und damit werden wir 
von seiten des Glaubens in der Konfrontation 
rnit Kunst und Architektur zu Lernenden. 
ich habe schon in der Beschreibung angedeutet, 
daß das Werk die Spannung (Zuordnung und 
Unterscheidung) von Kirche und Welt auszu- 
halten versucht. Das ist auch theologisch von 
großer Wichtigkeit. Es geht heute einerseits um 
den echten Weltbezug der Kirche. Kirche darf 
sich keinesfalls aus der Welt zurückziehen und 
so die Solidarität mit dem wirklichen Menschen 
verleugnen. Anderseits: zugleich steht die 
Kirche in einem kritischen Verhaltnis zur Welt; 
wenn sie dem Zeitgeist verfällt, verliert sie die 
Substanz. Freilich: heute wissen wir auch 
darum, daß das kritische Wort nach außen 
nur dann vollmächtig st, wenn es auf Selbst- 
kritik beruht. Eine sich selbst gegenüber un- 
kritische Kirche verfällt der Selbstideologisierung. 
Indern das uns vor Augen stehende Werk das 
Problem der Zuordnung und Unterscheidung 
von Kirche und Welt auf der Ebene der Ge- 
staltung zu bewältigen sucht, ist es für den 
Glauben wichtig. Auch in diesem Problem sind 
wir ia alle Lernende, sind wir ia alle auf dem 
Wege. 
Weiter interessiert theologisch die Sprachlich- 
keit des echten Materials und seiner Anordnung 
und Verwendung. Material spricht! Räume 
sprechen! In dem uns vor Augen stehenden 
Modell spricht der Raum durch seine charakte- 
ristische Grundstruktur und deren Abwandlun- 
ge er vermag uns auf den Gottesdienst hin 
zu pradisponieren Und er spricht durch das 
verwendete Material. Was bedeutet das? Warum 
hat man heute den Ausdruck „Christus im 
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