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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 107)

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Hermann Exner 
KUNST IST EIN 
BIOLOGISCHER WERT- 
RICHARD NEUTRA 
UND SEINE BAUTEN 
lkirhard j. Nculra, Fericnhcixn im Flachland; Km 
platz mir Ausblnck auf einen künsllichm See 
„Als ich acht Jahre alt war, mußte ich 
mich bereits entschieden haben, Architekt 
zu werden, ohne cs in meinen Gedanken 
ganz klar erfassen zu können. Meine un- 
ausgesprochene Entscheidung war das Er- 
gebnis einer Fahrt in unserer neuen, viel 
diskutierten U-Bahn, deren Bahnhöfe von 
Otto Wagner entworfen waren. Nach sehr 
kurzer Zeit war ich von ihm, seinen Bauten 
und seinen Kämpfen gegen die starke 
Opposition und den Spott der Öffentlich- 
keit begeistert. Für mich war er Herkules, 
Achilles und Buffalo Bill, für mich ver- 
körperte er alle Helden und Sucher, alle 
bestraften prometheischen Opfer, die an 
den Kaukasus, den Atlas oder sonstige 
Marterpfähle im Dschungel der Rück- 
ständigkeit gekettet lagen - sie alle in 
diesem Menschen vereint." 
Diese Bewunderung galt einem bis zu 
seinem 50. Lebensjahr sehr erfolgreichen 
Eklektizistcn. Aus eigener Erkenntnis ohne 
Vorbilder wandte er sich dann vorn 
Historismus des 19. Jahrhunderts ab, der 
nach dem Bau der Ringstraße das Bild der 
Wiener Innenstadt beherrschte. Bereits 1895 
rief er seine jungen Kollegen auf, selbst- 
bewußter gegenüber der Vergangenheit zu 
sein. Zwecke, Materialien und Konstruk- 
tionen sollten sie als Grundlage ihrer 
Entwurfsarbeiten betrachten. Die aus diesen 
Prämissen entstehende Form würde ihnen 
dann schon von selbst in die Feder fließen 
und leicht verständlich sein, lehrte er. Mit 
diesen Anschauungen vermied er zum 
guten Teil die Sackgasse des damals so 
einflußreichen Jugendstils. 
Mit dem in seiner Weise noch konsequen- 
teren Adolf Loos, der fast mehr durch 
seine Schriften als durch seine Bauten 
wirkte, pflegte der junge, bewundernd 
aufmerksame Neutra freundschaftlichen 
Verkehr. Noch heute nennt er sich seinen 
Jünger. Nicht weniger stark wirkten über 
10.000 km Entfernung Veröffentlichungen 
über die Amerikaner Louis A. Sullivan und 
Frank Lloyd Wright in Zeitschriften und 
Büchern auf ihn ein. Beiden Architekten 
trat er dann in Amerika auch menschlich 
nahe. In den gleichen Jahren ließen ihn, 
mehr aus Gewohnheit als aus tiefer Über- 
zeugung, die damaligen „Baukunsfi-Pro- 
fessoren der Technischen Hochschule un- 
entwegt antike Tempel bis ins letzte Detail 
sauber nachzeichnen. Römisch-vitruviani- 
sche geometrische Wiederholsamkeit fand 
Neutra. viel zu wenig frisch, hellenisch-fein 
sinnlich. Immerhin vermittelte das Studium 
eine anerkennungswerte Ingenieur-Ausbil- 
dung bei Hugo Saliger. Es schloß 1917 
mit dem „dipl. ing. summa cum laude" ab. 
Wilhelm Wundts „Grundzüge der phy- 
siologischen Psychologie" entdeckte er 
nebenher, aber für ihn sogleich bedeutsam, 
in der Universitätsbibliothek. Die bereits 
1874 erschienenen Untersuchungen des 
Leipziger Psychologen über die Einflüsse 
der Außenwelt - vermittelt durch 
Sinne i auf das Physiopsycliische 
Menschen begeisterten ihn. Hier fand 
Erkenntnisse, die später mithalfen, ihn 
Planer und Gestalter weit und origii 
über seine Vorbilder hinauszuführen. 
Für den aus dem k. k. Militärdienst t 
lassenen 27jährigen Artillerieoberleutn 
begann die Praxis nicht sehr verheißun 
voll in Zürich. Sorgfältiger, begeistei 
Gärtnerbursche und Zeichner Waren 
ersten „P0siti0nen". Die Schweizer l 
tropole erwies sich in der Folge jedi 
als eine der wichtigsten Etappen sei 
beruflichen Aufstiegs. Hier lernte Rich 
Neutra die Sängerin und Cellistin Die 
Niedermann kennen, die sich mit imx 
tieferer Einsicht in die Probleme 
„Neuen Bauens" nach ihrer Heirat 
ihm zu eine: nimmermüden Helferin x 
wesentlichem Anteil an dem späteren ( 
schehen entwickelte. Berlin, wo Wa 
Gropius, Mies van der Rohe und and 
junge Architekten 7 allerdings m 
am Reißbrett - zukunftsweisend wirkt 
avantgardistische Holländer und Rus 
kamen, bot die nächsten Stellungen. Es i 
10 Jahre vorher schon für Otto Wag 
ein stimulierender Platz gewesen. Mehr 
ein Jahrzehnt später war es gerade Neu 
der für Gropius und Mies durch se 
Vorträge und persönlichen Bemühung 
den Boden in Amerika vorbereitete und 
zu ihrer Übersiedlung entscheidend beitr
	        

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