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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 107)

unvollkommenen Schulung doch früh zu 
künstlerischen Ergebnissen persönlicher 
Prägung zu gelangen. Die Strömungen, 
die in Böhmen seit dem Ende der achtziger 
jahre geltend waren, stellten nämlich ein 
Gemisch heterogener Stilrichtungen ver- 
schiedenen Ursprungs und von differen- 
zierter Bedeutung füt die Entwicklung dar. 
Sie wurden überdies durch Künstler unter- 
schiedlichen Ranges verkörpert, die in 
Böhmen eben erst zu wirken begonnen 
hatten und Neuerungen mit her brachten, 
auf die man hierzulande noch nicht vor- 
bereitet war. Es ist das Verdienst Brandls, 
daß er mit der Sicherheit des großen 
Talentes aus diesem Nebeneinander das 
herausgriH, was für die hiesigen Verhältnisse 
fruchtbringend und entwicklungsfähig, mit 
der älteren fortschrittlichen Tradition ver- 
einbar war und besonders, was seiner 
eigenen Begabung und seinen Neigungen 
entsprach. S0 schuf er eine authentische 
Kunst, die ebenso europäische Gültigkeit 
wie einheimischen Ruf besitzt. 
Brandl hat in seine Malerei neben der 
Venezianer und Bologneser Richtung auch 
jene Erkenntnisse aufgenommen, zu denen 
man im 17. Jahrhundert in Flandern und 
Holland gelangt war. Diese bereits zur 
Zeit der böhmischen Gotik so entschei- 
dende Verbindung zweier Traditionen, der 
west- und der südeuropäischen, war für 
den Barock Böhmcns von besonderer Be- 
deutung. Wir haben bereits an anderer 
Stelle ausführlich aufzuzeigen versucht, wie 
wichtig für die Akklimatisierung und Ent- 
Wicklung des Barock in Böhmen die 
realistische Beobachtung niederländischer 
Prägung mit ihrem Sinn für Sachlichkeit 
und namentlich die Fähigkeit war, den 
Beschauer nicht nur durch die Expressivität 
der pathetischen Gebärde der Italiener, 
sondern auch durch Gefühlstiefe, das 
mehr lyrische Erlebnis, die oft leidvollen 
Wirklichkeiten zu fesseln. Erst durch die 
Entfaltung dieser Eigenschaften vermochte 
sich die Barockkunst ihre tragfähige Basis 
in der ganzen Breite des böhmischen Volkes 
zu schaffen und weitere schöpferische 
Kräfte zu wecken. Brandl hat diese For- 
derungen instinktiv begriffen und ihnen 
künstlerischen Ausdruck verliehen. An 
Byss, einem Eklektiker, der spontan vor 
allem die niederländischen Anregungen mit 
italienischen und zum Teil auch fran- 
zösischen Elementen verband, fesselte ihn, 
wie dieser es verstand, das Gegenständ- 
liche, das er mit zeichnerischer Exaktheit 
erfaßte, auch ins Erhabene zu transponieren, 
wobei er auf die Schönheit der einzelnen 
plastischen Form ebenso achtete wie auf 
die dekorative farbige Wirkung der Kom- 
position. Aus dem Werk von Byss hat 
Brandl die Sauberkeit der Modellierung 
und den Gefiihlsausdruck übernommen, 
der den verfeinerten, bolognesisch orien- 
tierten Spätwerken Scrctas entsprach. Unter 
diesen Voraussetzungen konnte der Bei- 
trag von Byss in Böhmen heimisch werden. 
Bei Godyn war Brandl vor allem von der 
pathetischen, plastisch üppigen Form des 
Hämisehen Barock beeindruckt, der zwar
	        

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