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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 108)

dürfen wir uns fragen, kann eine Präsen- 
tationsszene als eine „narrative" Szene be- 
zeichnet werden? Ist nicht hier die ur- 
sprüngliche Handlung, die wohl vorhanden 
gewesen war, also einmalig und historisch 
aufgefaßt werden konnte, bereits in ein 
kultisches Ritual übergegangen und hat somit 
hieratischen Gehalt erlangt? Die Dedikations- 
szenen, von denen Girshmann spricht, er- 
zählen ja nicht mehr dieses bestimmte, an 
einen bestimmbaren Zeitpunkt gebundene 
Ereignis. Sie sind zu einer „kultlichen" 
Handlung geworden, zeitlos, an keinen be- 
stimmten Ort gebunden, zu einem hieratischen 
Sigel erstarrt. Das beweisen die Luristan- 
Bronzen (Abb. 6) mit ihrer zentralen, mensch- 
vogelartig zerlegten Mittelf-igur und den sie 
symmetrisch flankierenden Tieren nur zu 
deutlich, in denen wir doch kaum von einer 
„narrativen", d. h. erzählenden Szene spre- 
chen können. Im Gegenteil, wir würden 
geradezu darauf bestehen, daß eine „Präsen- 
tation", wie sie Girshmann beschreibt, das 
Prinzip der „Narration" ausschließt. Die Fron- 
talität, die für die Luristan-Bronzen so charak- 
teristisch ist, ist nicht eine Folge eincs narra- 
tiveri, sondern eines hieratischen Stils. 
Was Ursprung und Verbreitung der Fron- 
talirar anlangt, heißt es bei Girshmann weiter: 
„If Parthian art seem to insist on this frontality 
(while the Greeks resort to it sparingly), the 
explanation it that we have here yet another 
of the inveterate conservativisme of that art." 
Zum späteren Auftreten der Frontalität in 
christlicher Zeit meint Girshmann wohl mit 
Recht: „. . . frontality is found in all archaic 
Art (ähnliches hat auch anfänglich H. Seyrig 
gemeint) and, though coni-ined to specific 
motivs and limited in scope, appeared in the 
Iranian Plateau in the protohistoric period. 
In the Luristan bronzes (which in our opinion 
derives from Medeo-Cimmerian art) we lind 
it in its most pronounced form. While it is 
true that Achaemean art . . . largely dispensed 
wirh frontalism, there were good reasons for 
its doing so; Essentially a narrarive art . . . 
the Achaemenians drew both on the artforms 
of more cultured neighbours and on traditions 
which hacl been followed for millenian and 
which had kept to side-view presentation." 
(Es ist jene Körperhaltung, die A. Hauser als 
Frontalität bezeichnet! d. A.) Und mit Bezug 
auf das Aufkommen zu Beginn unserer Ära 
heißt es bei Girshmann schließlich: „The 
widespread adoption of frontality in the First 
century b. C. and the early centuries of the 
Christian Aera was not accident. It now made 
good for the same reasons as it had made 
sorne seven centuries befnre-as a conse- 
quence of the appearence on the Plateau of 
a Wave of Iranian nomads from outer Iran 
whose Hgural art is based on this formula." 
Zusammenfassend läßt sich also Girshmanns 
Meinung folgendermaßen formulieren: Er 
schließt sich, was das Auftreten der Frontalität 
in unserer Ära anlangt, den meisten Forschern 
an, d. h. er erkennt ihren östlichen Ursprung, 
und auch für ihn sind die iranischen Noma- 
den, später die Parther, die Träger dieser 
künstlerischen Konvention; der Forscher er- 
weitert aber das Problem im Zeitlichen, ver- 
folgt die Frontalität bis in die protohisrorische 
Zeit und findet sie in den Luristan-Bronzen 
bereits voll ausgeprägt. Auch hier Waren die 
iranischen Nomaden die Träger dieser spe- 
ziFischen Kunstform. 
Wir sehen schon aus den wenigen Unter- 
suchungen, die hier angeführt sind, zu welchen 
entgegengesetzten Ergebnissen die Forschung 
bezüglich des Ursprunges der Frontalität ge- 
langt ist. Vielleicht wird eine Untersuchung 
ihres Bedeutungswertes ein eindeutigeres Er- 
gebnis bringen, möglicherweise gar helfen, 
die Ursprungsfrage zu lösen. Denn eines darf 
wohl mit Sicherheit angenommen werden: 
eine so radikale Änderung einer Körper- 
haltung, der eine so starke, so spezifische, 
psychologische Aussagekraft innewohnt, die 
außerdem in einem bestimmten Gebiet er- 
scheint, muß an eine neue und bestimmte 
Sinnvorstellung geknüpft sein. Diese hin- 
wiederum kann sich nur auf eine neue Geistes- 
haltung gründen.
	        

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