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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 108)

Tatsächlich ist die Dreieckstruktur des Kunst- 
werks, von der wir eingangs gcsproc ien haben, 
kein isoliertes Phänomen, sie ist raher auch 
nicht nur auf das Kunstwerk allein beschränkt. 
Sie läßt sich auch in anderen Bereichen des 
Geistigen nachweisen. So entspricht dem Aus- 
schließen des Beschauers aus der Welt der 
Kunst in den altorientalischen Ku turen und 
Griechenland in seiner klassischen Phase - 
wodurch das Kunstwerk auf eine bipolare 
Struktur reduziert Wird das Ausschließen 
des Gläubigen im religiösen Bereic i, im Ver- 
kehr mit seiner Gottheit. Mit anderen Worten: 
die bipolare Struktur des Kunstwerkcs findet 
ihr Äquivalent im Religiösen. Den Tempel- 
dienst versah ein Priester, den Bicken der 
Gläubigen entzogen, im Dunkel des Aller- 
heiligsten. Außer an großen, po itisch-reli- 
giÖsen Feierlichkeiten und Prozessionen nahm 
der gewöhnlich Stetbliche an keiner Kult- 
handlung teil, er sah seine (iötterbi der nicht, 
er richtete sich daher in keinem direkten 
Gebet an sie. „Le culte dans tous les temples 
de Pligypte etait un acte secret qui {aecomplis- 
sait sans la moindre participation du public 
dans Pobscurite du saint des saints", heißt es 
bei P. Montet 19. 
Ein Zwiegespräch des Gläubigen mit seinem 
Gott, einen Dialog, mit anderen Worten: 
eine unmittelbare Beziehung zur Gottheit 
brachten erst die hlysterienkulte und mit 
ihnen das Christentum. 
Es ist hier nicht der Ort, über hlysterienkulte, 
die Gründe ihres Ncuauflebens in der Krisen- 
zeit des römischen Imperiums oder auch um 
die Bedeutung ihres Grundmythos in extenso 
einzugehen. liines aber ist im Zusammenhang 
mit dem Problem der Frontalität hervorzu- 
heben: Ob es sich um die eleusischen Mysterien 
Griechenlands oder um die nach Rom im- 
portierten ägyptischen Isis-Mysterien oder 
schließlich um die unter den römischen Sol- 
daten so verbreiteten Mjzthras-Mysterien han- 
delte, der Zentralakt jeder Mysterienzeremtmie 
7 in engstem Zusammenhang mit dem 
Grundrnythos von Tod und Auferstehung 
der Gottheit - besteht aus der Weihe. Der 
Kulminationspunkt der Weihe aber ist immer 
die „Schau", die „Visio dei". 
Es liegt im Wesen der Mysterienkulte be- 
gründet, daß nur ein spärliches Material vor- 
liegt, aber aus dem wenigen lassen sich die 
wichtigsten Stufen der Weihe rekonstruieren, 
sie sind in allen Mysterienkulten die gleichen. 
Zentraler Akt ist immer die Epiphanie. Für 
die eleusischen Mysterien haben wir einen 
Zeugen: Theon von Smirnall. Von ihm er- 
fahren wir: Nach der Reinigung - die einer 
Taufe gleichkommt -- folgt die Belehrung 
und Einweihung in den Zentralmythos, an 
ihrem Ende erfolgt das lirscheinen der Gott- 
heit. Philon von Alexandria 31 beschreibt die 
Zeremonie eine: Mythrasliturgie. Auch hier 
erfolgt „nach einem Wandern durch das 
Todesdunkel" als Abschluß „die Schau des 
großen göttlichen Lichtes". Die ausführlichste 
Beschreibung einer Nlysterienweihe stammt 
von Apuleiusll. Den Vorgang der Weihe 
beschreibt der hlyste: „Deos inferior et deos 
superior acccssi et atloravi de proximo." Er 
befindet sich also direkt vor seiner Gottheit: 
„ante deam ipsam vestigia", und als ihm die 
abschließende Vision zuteil wird, als nach 
langen Initiationsriten der Myste schließlich 
vor dem Götterbild steht, von dem unter 
Läuten und anderen Geräuschen schließlich 
der Vorhang gezogen wird und es im Lichte 
vor ihm erstrahlt - wobei mit ncrvencr- 
regenden Eiliekten sicher nicht gespari 
den ist m. ruft er aus: „lncxplicabile vo 
aspcctu divini simulacri perfruebarlf 
allen diesen Berichten geht eines d! 
hervor: der Höhepunkt der Initiatioi 
monie war immer die Gegenübcrstellui 
Geweihten und des Götterbildes. 
Für das Christentum gelten mutatis nu 
die gleichen Voraussetzungen. Da i: 
allem die direkte Beziehung des Beten: 
seinem Gott, die in der persönliche 
sprache, im "Du" des Vaterunsers d 
wird. Auch das Christentum bringt al 
Gegensatz zu den Priesterreligionen (l 
mischen Staatskultes, ein persönliches 
eine direkte Kommunion. Zu diesei 
änderten Verhältnis des Gläubigen und 
Gottes, wie es sich um diese Zeit 
mehr und ganz allgemein abzeichnel 
noch ein weiteres Moment, im Glaube: 
zelnd und sich wechselseitig bedingen 
das Aufkommen der Frnntalität begünsti; 
französische ßyzantinologe A. Grabar 
über den Umweg der Architektur n 
wiesen, daß in den zahlreichen Gedä 
und Martyrienkirchen, die Kaiser Kon 
an allen jenen Orten errichten ließ, d 
Gedenkens würdig waren - ob es Sil 
die Leidensstationen Christi oder um S 
wo ein Blutzeuge den Uartertod r 
hatte w, dieses Geschehen durch eine 
hafte Wiedergabe festgehalten wurde. 
wurde dieses nicht als ein bestimmt 
storisches Ereignis, also szenisch und 
tisch dargestellt, sondern als zeitloses, 
gültiges Sein, ein von Zeit und Rau 
freites Symbol. Die Hauptgestalt wurd: 
jeden Naturalismus, nicht im Augenbli- 
Marter, dargestellt, sondern in jenen
	        

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