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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 108)

punktisch" eine abstrakte Vignette. Durch 
diese Gestaltung Mosers wird der Anspruch 
der Zeitschrift auf buchgraphische Lösungen 
deutlich unterstrichen. 
Zunächst war die romantisch-naive Illustra- 
tionskunst Mosers in „Ver Sacrum" einge- 
flossen. Sie wies Ähnlichkeiten mit dem 
Münchner Kreis auf, wobei als gemeinsame 
Wurzel englische Illustrationen aus der Kunst- 
zeitschrift „The Studio", vornehmlich von 
Anning Bell, zu gelten haben. Der ausge- 
prägte Buchschmuckstil der deutschen Künst- 
ler aber hatte keinen Einfiuß auf Moser. 
Einem in wachsenden, züngelnden und fließen- 
den Formen manifestierten Pflanzenkult setzte 
Moser schon frühzeitig die geschlossenere, 
rundere Form entgegen. In einer Gedicht- 
umrahrnung aus dem Jahre 1899 (Abb. 4) 
wird dieser Unterschied sichtbar. Hier do- 
minieren die knospenden, in sich zurück- 
kehrenden Formen ohne scharfe, zielgerich- 
tete Bewegung. Stengel biegen wieder um und 
bilden Schlaufen und Kreise. 
Einen kräftigen Vorstoß zu neuen Formen 
des Buchschmucks unternimmt Kolo Moser 
nach der Jahrhundertwende. Gegen Ende des 
Jahres 1900 erscheint im „Ver Sacrum" eine 
Kopfleiste zu einem Artikel über Fernand 
Piet: eine Nixe und mehrere kleine Fischchen 
schwimmen im perlenden Wasser (Abb. S). 
Gesicht, Hände und die kugelrunden Fisch- 
leiber entsprechen der bekannten Stilisierungs- 
stufe, doch der übrige Korper der halb- 
menschlichen Gestalt ist nicht mehr „abge- 
leitet", sondern aus reinen Flächenformen 
zusammengesetzt. Kurvig geschwungen sto- 
ßen diese vom Grund ausgesparten Elemente 
ohne Gelenke aneinander, und das verschlun- 
gene Schwanzende besteht aus einzelnen, ge- 
trennten Flächenformen. In dieser weitgehen- 
den Zersetzung natürlicher Formen berührt 
sich Mosers Stil mit dem der beiden Mack- 
intosh, und es ist sicher kein Zufall, daß diese 
Zierleiste zu jener Zeit entstanden ist, da die 
schottischen Künstler Charles R. und Mar- 
garet Mackintosh zusammen mit Herbert und 
Frances Mc Nair, die unter dem Namen 
„Glasgow Four" bekannt wurden, an der 
großen Kunstgewerbeausstellung der Wiener 
Secession im November 1900 teilnahmen. Wie 
sehr nicht nur die Möbel und Interieurs der 
Gäste - das Ehepaar Mackintosh wurde 
während seiner Anwesenheit in Wien stür- 
misch gefeiert - beeindruckten, sondern auch 
ihre dekorativen Arbeiten, geht aus einem 
zeitgenössischen Bericht hervor. Hermann 
Muthesius erkannte das vollkommen Neue 
dieser dekorativen Motive, und er schrieb in 
einem Brief an den Herausgeber der „Kunst", 
die im Feber 1901 einen ausführlichen Bericht 
über die Wiener Ausstellung brachte, daß es 
„keine Parallelen für die Verzerrung der 
menschlichen Figur in der Ornamentgeschichte 
gebe. Bisher sei die menschliche Figur nicht 
in Linien gezeichnet worden, die wie der 
Teig des Bäckers seien"4. 
Noch einmal nimmt Moser ähnliche Motive 
in einer Skizze im Österreichischen Museum 
für angewandte Kunst (Abb. 7) und im letzten 
Heft des Jahrgangs 1901 auf. Hier rahmt er 
auf einer Doppelseite das Notenblatt zu „Des 
Narren Regenlied" (Abb. 6). Symmetrisch 
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schlängeln sich „Fischleiber" mit Frauen- 
köpfen außen an den Seiten empor. Sie sind 
aus gekrümmten Flächenstücken, die an ihren 
Enden eingerollt sind, zusammengesetzt. Über 
diesen vielteiligen „Körper" sind, um die 
Illusion noch weiter zu zerstören, rote 
Punkte verteilt. Auch im schmachtenden Aus- 
druck der Gesichter ergeben sich Querver- 
bindungen zu der ästhetisierenden Dekora- 
tionskunst der Mackintosh, die zum großen 
Teil von Margaret Macdonald, der Frau des 
Künstlers, stammt. 
Aber auch ein anderes Novum für „Ver 
Sacrum" geht auf Kolo Moser zurück. Für 
„Neue Fragmente" von Arno Holz, die unter 
dem Titel „Die Blechschmiedc" abgedruckt 
wurden, entwarf Moser erstmals typographi- 
schen Buchschmuck (Abb. 8). Der Text wird 
von schwarzen und weißen Quadraten be- 
gleitet, die in immer anderen Variationen auf 
keiner Seite dasselbe Muster entstehen lassen. 
Diese Quadrat-Leisten wurden für die Wiener 
dekorative Richtung zu einer spezinschcn 
Eigenart und fanden für Raumgestaltungen 
und auf den charakteristischen Kistenmöbeln 
Hoffmanns und Mosers, die ab 1903 auch in 
der Wiener Werkstätte hergestellt wurden, 
Verwendung. Obwohl der geometrische Stil 
Moser populär gemacht hatte und Hermann 
Bahr berichtete, „die meisten meinten, er 
habe das Schachbrett erfunden"5, fand er 
außer in einem Plakat aus dem Jahre 1902 
keine weitere ausschließliche Anwendung im 
Buchschmuck. 
Im fünften und sechsten Jahrgang von „Ver 
Sacrum" sind eine Reihe von Holzschnitten 
enthalten, in denen die menschliche Gestalt, 
nun mit expressiven Gesichtszügen, wieder in 
den Vordergrund rückt (Abb. 9). Trotzdem 
ist der graphische Stil noch freier geworden, 
in Verbindung mit einer kantig-splittrigen 
Holzschnitt-Technik aber von dem musi- 
kalischen Rhythmus und der Geschmeidigkeit 
der Formen abgerückt. Der eigentliche Buch- 
schmuck - die enge Verbindung von Text 
und dekorativen graphischen Elementen M 
war im letzten Jahrgang von „Ver Sacrum" 
bereits stark in den Hintergrund getreten. 
„Ver Sacrum" hatte 1903, als die Zeitschrift 
mit Ende des Jahres eingestellt wurde, bereits 
nicht nur den Überschwang des Beginns, 
sondern auch die Kraft der Mitte verloren. 
Die Bedeutung der Zeitschrift war erfüllt 
worden. 
Für Kolo Mosers graphischen Stil, der_ab 
1900 immer stärker mit einem puren Flächen- 
stil identisch wird, war die Mitarbeit an der 
Zeitschrift der Wiener Secession von aus- 
schlaggebender Bedeutung. In weit größerem 
Maße als die übrigen Mitarbeiter - Hoffmanns 
dekorative Leisten und abstrakten Muster 
konnten selten ihre immanente StoElichkeit 
verleugnen - bildete Moser in den Heften 
von „Ver Sacrum" deutlich ablesbar einen 
fortschreitenden Stil aus und entwickelte sich 
in diesen sechs Jahren vom Illustrator zum 
Buehschmuckkünstler. Noch Jahre später Fin- 
den dekorative Elemente, die im Boden von 
„Ver Sacrum" wurzeln, für graphische Lö- 
sungen, wie die Briefmarkenentwürfe, An- 
wendung. 
ANMERKUNGEN 4-5 
4 Zitiert bei Thomas Howarth, Ch. R. Mackintosh zuJd The 
Modern Movcxncnt, London 1952, 
5 Hermann Dahr, Tagebuch 1918, Innsbruck 1919, S. 261.
	        

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