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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 108)

r Berichts 
lnformati onen 
Aus der Kunstwelt Aktuelles 
 
Die große Zahl an interessanten Aus- 
stellungen in Wiener Museen und 
Galerien zu Beginn der Saison 
1969170 bringt es diesmal leider mit 
sich, daß in unserer dafur vorge- 
sehenen Rubrik nur ein kleiner Teil 
von ihnen behandelt werden kann. 
Wir bitten unsere Leser um Verständ- 
nis, wenn aus Gründen des Platz- 
mangels einige weitere dieser Ex- 
posrtionen erst im kommenden Heft 
als Nachtrag besprochen werden, be- 
ziehungsweise i und auch das nur 
stellvertretend fur viele andere a 
in dieser Nummer von ..Alte und 
moderne Kunst" nur durch die kurz 
kommentierte Wiedergabe ei r Abbil- 
dung in den „Streiflichtern oder im 
„Internationalen Kunstspiegel" doku- 
mentiert werden. 
Albertina - Herbert Boeckl - 
Rembrandt - 64 Zeichnungen 
„Boeckl ist das bezeichnendste Beispiel 
dafür. wie Publizistik einen Künstler 
im Stiche zu lassen vermag", klagte 
Walter Koschatzky im Katalog der 
repräsentativen Albertina-Ausstellung, 
die dem anhand von 222 Zeichnungen 
und Aquarellen retrospektiv vorge- 
stellten Lebenswerk Herbert Boeckls 
galt (8. Oktober bis 30. November 
1969). Die späte, doch verdiente und 
verpflichtende Ehrung für den bis 
heute international kaum zur Kenntnis 
genommenen Maler war dem Direktor 
der Albertina Anlaß für eine uner- 
wartete Polemik, deren Fazit in der 
Forderung einer „großen Boeckl- 
Monographie" bestand. Diese könnte 
für die längst fällige internationale 
Aufwertung des Boeckl'schen 
Guvres sorgen, wie sie etwa auch 
aus nachstehendem Satz Werner 
Hofmanns hervorgeht: .Boeckl war 
ein großer Zeichner, dem europäische 
Maßstäbe gebühren." 
So recht beide Kunsthistoriker auch 
haben, so wenig wird freilich die 
herbeigewünschte Monographie (sie 
sollte in ihren Wirkungsmöglichkeiten 
nicht überschätzt werden) den postu- 
lierten internationalen Rang des Malers 
heute noch herbeiführen können. Ver- 
säumtes - und die Versäumnisse 
liegen nun einmal nicht nur bei der 
eingangs zitierten Publizistik, sondern 
ebensosehr bei Sammlern, Museums- 
leitern und anderen lnstitutionen, die 
sich zu Lebzeiten zu wenig um Boeckl 
kümmerten - nachzuholen, ist nämlich 
gerade in diesem Fall nur sehr be- 
dingt möglich. So sind 2. B. viel zu 
wenige wesentliche Werke des Künst- 
lers frei, um den internationalen 
Kunsthandel heute noch entsprechend 
dafür zu interessieren. Abgesehen 
davon hat man Boeckl bei seiner 
letzten großen Auslandsausstellung 
(Venedig 1964) nicht gerade optimal 
vorgestellt,was ebenfalls ein nichtwett- 
zumachendes Manko bedeutet. Nicht 
zuletzt ist Boeckls (Iuvre - wie auch 
die Albertina-Ausstellung deutlich ge- 
nug zeigte a enormen Qualitäts- 
schwankungen unterworfen, was die 
Summe eines Lebenswerkes zwar 
ehrlicher, doch nicht bedeutender 
macht. 
So wenig sich leugnen läßt, daß viele 
Arbeiten des Künstlersjenen führender 
deutscher Expressionisten qualitativ 
durchaus gleichzusetzen sind, ja ihnen 
in ihrer überzeugenden Einfachheit 
sogar vielfach den Rang ablaufen, so 
realistisch sollte man anderseits in 
dem verständlichen Bestreben nach 
Aufwertung und größerer Geltung 
dieses Werkes die erwähnten Fakten 
einschätzen. Der Fall Herbert Boeckl 
ist in seinen Negativa zweifellos 
symptomatisch für Osterreichs kultu- 
relle Landschaft, das heute ange- 
stimmte Lamento müßte jedoch über 
verspätete Wiedergutmachungsver- 
suche hinaus den Blick vorn Retro- 
spektiven entschiedener auf Zukünf- 
tigeres lenken. 
46 
 
Es ist ungemein schwierig, das 
(Euvre des 1894 geborenen Klagen- 
furters pauschal zu beurteilen. Es 
fällt allerdings leicht, in Blickrichtung 
auf das Ganze dessen Echtheit und 
im Wesen des Künstlers verwurzelte 
Ehrlichkeit mit Uberzeugung festzu- 
stellen. 
Boeckl fiel nichts umsonst in den 
Schoß. Er war nicht das große Talent, 
hinter dem man auf Anhieb das Genie 
vermuten konnte. Das beweist schon 
die abgelehnte Berufung um Auf- 
nahme an die Wiener Akademie der 
bildenden Künste 1912, die der 
somit zum Autodidakten verurteilte 
Boeckl erst wieder 1935, dafürjedoch 
als Professor betrat, als Lehrer- 
persönlichkeit, die für die Zeit nach 
1945 aus der Wiener Kunstszene nicht 
wegzudenken ist. 
Boeckl war ein Künstler, der den 
Widerstand im weitesten Sinne des 
Begriffes brauchte. Man spürt dies 
bei der Betrachtung seiner gelungen- 
sten, mit wenigen markanten Strichen 
und Farbflecken souverän gestalteten. 
in ihrer Art unerreichten Blättern. Man 
merkt es aber auch bei schwächeren 
Arbeiten, die die Mühen verdeutlichen, 
die Boeckl formale Probleme, das 
Erreichen adäquater Formulierungen 
bereiteten. 
Der 1966 verstorbene Künstler de- 
monstrierte die Fülle des Lebens, die 
differente Spannweite menschlichen 
Empfindens und Seins an einfachen 
Beispielen: an zeitlos gültigen Land- 
schalten aus Kärnten und dem Stei- 
rischen, an signifikanten Porträts und 
Aktstudien, aber auch an Skizzen und 
Stilleben mit Obst und Fischen, die 
in ihrem Symbolgehalt dem Vergäng- 
lichen Tribut zollen. Zweifellos war 
die Zeit von 1919 bis 1922 Boeckls 
stärkste, vitalste, kompakteste Periode. 
Sein (Euvre konfrontiert jedoch auch 
im Alterswerk nach 1945 mit Arbeiten 
von großer Wesentlichkeit, mit Zeich- 
nungen und Aquarellen, die in ihrer 
spartanischen Konzentration die Di- 
mensionen des Großen anklingen 
lassen (Abb. 1. 2). 
Die heuer in aller Welt mit repräsen- 
tativen Ausstellungen und deren wis- 
senschaftlicher Auswertung began- 
gene dreihundertste Wiederkehr des 
Todesjahres von Rembrandt Harmensz 
van Rijn (14. Oktober 1669) ver- 
anlaßt nun auch die Graphische 
Sammlung Albertina in Wien zu einer 
Würdigung, wie man sie sich - nicht 
nur in bezug auf die zur Gänze 
gezeigten eigenen Bestände an Rem- 
brandt-Handzeichnungen - kaum ad- 
äquater und aufschlußreicher vor- 
stellen kann. Die von Dr. Erwin Mitsch 
bearbeitete und von einem vorbild- 
lichen Katalog begleitete Ausstellung 
(sie dauert bis 1.März 1970), bein- 
haltet vierundsechzig Blätter des 
Meisters aus allen Schaffensperioden 
seiner Amsterdamer Zeit. Die Bestim- 
mung und Datierung der Arbeiten 
erfolgte nach dem grundlegenden 
sechsbändigen Werk von Otto Be- 
nesch (,.The Drawings of Rembrandt"), 
das 1954-1957 in London erschienen 
ist. Ohne freilich in jedem Fall sämt- 
liche Zweifel an der Authentizität der 
Blätter ausschließen zu können, ist die 
Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei 
dieser streng reduzierten Auswahl tat- 
sächlich nur noch um Rembrandt- 
Originale handelt (darunter mitge- 
rechnet drei von ihm verbesserte 
Schülerzeichnungen), fast hundert- 
prozentig. Wenn man bedenkt, daß 
1822 noch 141 „echte Rembrandts" 
in der Albertina gezählt wurden und 
von den 21 als echt publizierten 
Zeichnungen bei Knackfuss 1907 nur 
sechs auch heute noch mit diesem 
Prädikat bedacht werden, so lassen 
sich die diesbezüglichen Fortschritte 
einer kritischer gewordenen und besser 
informierten Kunstwissenschaft mit 
Genugtuung registrieren. 
Die seit 1956 erstmals wieder ge- 
zeigte Kollektion an Rembrandt- 
Zeichnungen zahlt zu den wesent- 
lichsten, wertvollsten und geschlos- 
sensten Beständen des Instituts. Sie 
fächert die grandiose Könnerschaft 
des Niederländers in voller Breite und 
Signifikanz auf und berücksichtigt 
ebenso kleine unsignierte Skizzen wie 
ausgeführte und abgeschlossene Dar- 
Stellungen. Die Aktualität und Zeit- 
losigkeit dieser wohl persönlichsten 
und unmittelbarsten Zeugnisse des 
Künstlers erweist sich dabei gerade im 
Hinblick auf die Moderne in vielseitiger 
Weise als aufschlußreich. 
Was die figuralen Studien und Rem- 
brandts Landschaftsskizzen, die zu- 
meist nur mit wenigen markanten 
Strichen und Verstärkungen fest- 
gehalten sind, auszeichnet, ist neben 
dem Spannungsreichtum und der 
Sicherheit im Setzen graphischer Ge- 
füge und Valeurs vor allem das er- 
staunliche Abstraktionsvermögen, das 
Rembrandts singuläre Position in der 
Kunstgeschichte entscheidend mit- 
bestimmt. 
Die Ausstellung der Albertina, der 
noch heuer als sechste Schau im 
großen Graphikzyklus eine Ausstel- 
lung des druckgraphischen CEuvres 
von Rembrandt folgen wird, enthält 
auch alle jene berühmten Blätter, die, 
wie die Titel „Junge Frau bei der 
Toilette", .,Bildnis des Baldassare 
Castiglione", die „Bauernhäuser vor 
gewittrigem Himmel" oder der viel- 
publizierte „Elefant" (1637) die Einzig- 
artigkeit dieser größten graphischen 
Sammlung in aller Welt dokumentie- 
ren (Abb. 3, 4). 
Museum des 20. Jahrhunderts a 
„Merks on a canvas" w 
"Neue Figuration USA" 
,Marks on a canvas", „Zeichen auf 
einer Leinwand", lautete der nicht 
ganz adäquat übersetzbare Titel der 
44. Sonderausstellung des Museums 
des 20. Jahrhunderts. Die Schau 
konfrontierte anhand großformatiger 
Bilder (sie waren nicht nur psychische. 
sondern auch physische Herausfor- 
derung) mit dem Werk von 11 zumeist 
jüngeren englischen Malern. Die Aus- 
wahl der Bilder besorgte Miss Anne 
Seymour, eine junge Kunsthistorikerin, 
die auch für den umfassenden Katalog 
und die wertvollen, darin abgedruckten 
Interviews verantwortlich zeichnete. 
Zur Ausstellung englischer Druck- 
graphik in der Galerie des Wiener 
Künstlerhauses bildete die Kollektion 
im Schweizergartenmuseum eine will- 
kommene Ergänzung. 
Op-Art, Varianten geometrischer Ab- 
straktion und Tendenzen des Neuen 
Realismus waren die stilistischen 
Dominanten und Richtlinien der Aus- 
wahl. In der rückblickenden Würdi- 
gung britischer Maler, die sich inner- 
halb des letzten Jahrzehnts als be- 
deutend hervorgetan haben, sah Anne 
Seymour die Hauptaufgabe der Aus- 
stellung, die vor Wien bereits im 
Museum am Ostwall in Dortmund 
und im Kunstverein Hannover ge- 
zeigt worden war. Verglichen mit dem, 
was gegenwärtig in den verschieden- 
sten neuen Materialien und Dimen- 
sionen von englischen Umweltge- 
staltarn inklusive Malern und Plastikern 
geschaffen wird, mutete die Auswahl 
strukturell gesehen allerdings bei- 
nahe schon konventionell an. Ihre 
Beschränkung auf Leinwandbilder war 
anderseits zugleich aber auch ein dis- 
kutierenswertes Plus, das die Mög 
keiten traditioneller Malarten ke 
wegs als feststehend ansieht, SOl 
vorn individuellen Ergebnis abh. 
macht. 
.Marks on a canvas" war eine 
stellung ohne Höhepunkte. Die: 
von einzelnen Bildern ebenso vr 
Hinblick auf einzelne Künstler 
man zum Teil durch wesentlich 
kere Arbeiten als die in Wier 
zeigten kennt. Die Nüchternheii 
Distanziertheit, die britischer G: 
wartsmalerei grob verallgemeir 
gerne zugeschrieben wird, e 
zumindest ihre graduelle Ben 
gung. Wo sie sich mit epigor 
Leerlauf verbindet (John Hoy 
Katalog 21; Bernard Cohen: 
Shape), bleibt freilich von der t 
des Formates nur noch die N 
anzahl, wodurch die allerorts 
stellbare Uberschätzung kleiner i 
großer Namen einmal mehr ex 
wird. 
In der Summe hielt die Ausste 
in der man neben Arrivierten 
Bridget Riley, Allen Jones, i 
Hockney und Richard Smith 
interessanten Außenseitern wie 
Walker begegnete, jedoch ung 
das, wasnman von einem exer 
rischen Uberblick mit dieser 
Setzung erwarten konnte. Sie 1 
eine aufschlußreiche Vergleichs 
dar, die in einem Land am Rand 
internationalen Kunsthandels 
mationslücken füllen half (Abb.5; 
Knapp nach 1940 trat die a 
kanische Malerei schlagartig ins 
penlicht der Offentlichkeit. War 
anfangs vor allem nach den 
emigrierte Europäer wie Mon 
Leger, Masson, Breton und Ducl 
die einer im Aufbruch befindl 
Kunst die wichtigsten Impulse 
liehen, so ging in den Jahren 
1950 dieser Einfluß merklich zr 
da die Amerikaner nun selbs 
immer schneller informierte k 
welt mit neuen Tendenzen 
Formproblemen konfrontierten. 
son Pollock, der Vater des r 
Tachismus, Frank Kline, Marc Rt 
Sam Francis, Barnett Newman 
andere große Abstrakte zogen i 
wichtigsten Museen ein und err: 
bald Weltruhm. Sie markierter 
erste große Welle amerikan 
Kunst und trugen auch wese 
dazu bei, den Kunsthandel der 
soweit er sich der damaligen A 
garde annahm, international zu 
ankern. 
Mit dem Aufkommen der Pop-AI 
ihr verwandter Richtungen vor 
sechs Jahren lieferten die USA 
zweiten, heute bereits als histi 
zu wertenden Beitrag zur blldt 
Kunst dieses Jahrhunderts. Ein 
friedenstellend, wenn auch 
optimal informative Ausstellun 
Museum des 20. Jahrhunder 
Wien gab bis 28. Dezember 
Gelegenheit, diese Strömungen 
nenzulernen. Die als Wanderau 
lung konzipierte Schau mit 
prägnanten Titel „Neue Figu 
USA" umfaßte fünfzig Exponat 
die breite Skala an Materialier 
Ausdrucksmöglichkeiten andeu 
welche von amerikanischen Kür 
in zumeist unkonventioneller un 
perimentierfreudiger Art genützt 
den. 
Wenn auch von Stars wie 
Wesselmann und Robert Raus 
berg nicht gerade das Beste 
Größte gezeigt wurde und leider 
so interessante Leute wie Kit 
und Lichtenstein völlig fehlten, s 
der zustande gekommene Ube 
dennoch für die amerikanische
	        

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