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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 108)

bisher vom Beschauer abgewandte Figur eine 
fünfundvierziggradige Wendung vorgenom- 
men, um sich ihm frontal mit gerade gerich- 
tetem Blick darzuhieten. 
Einer der ersten, der sich mit diesem Form- 
und Bedeutungsmtxtiv auseinandersetzte, ist 
j. Langel. lir glaubte in der Frontalität ein 
Formprinzip zu erkennen, das jeder Primär- 
phase der Kunst eigentümlich ist und daher 
in keinem Kunstkreis fehlen kann. Dieser 
Hypothese schloß sich A. Furtwänglerl an. 
Allerdings spezifizierte keiner der beiden 
Forscher, ob er unter Primärphase eine des 
Technisch-nicht-hewältigen-Könnens meint 
oder um eine Primärphase des Mentalen. Bei- 
den Hypothesen widersprechen aber die Fak- 
ten. E. (iotnbazrl ist in seiner Untersuchung 
gründlicher und meint: „On peut expliquer 
la frontalite chez les primitifs . . . aussi par 
une raison de meticr; Partiste craignant de 
briser son tr-uvre colle les bras au eorps et ne 
disjoint pas les jambes." Eines wird hier 
eindeutig klar, auch Gombaz trennt die Frei- 
plastik nicht von Flachhildwerken. Seine Be- 
hauptung hat daher auch tatsächlich für die 
Großplastik Ägyptens ihre Geltung, wo der 
Künstler außerdem noch durch den Mangel 
4 
s 
adäquater VUcrkzeuge und durch den äußerst 
harten Werkstoff gehandikapt vrar. (Hier dürfte 
man sich fragen, inwieweit das Aufkommen 
eines neuen Werkstoffcs, z. B. Eisen oder 
Bronze, und neuer Werkzeuge stilbildend 
wirken konnten.) 
Handelt es sich bei  Lange und A. Furt- 
wängler bei der Frontalität um eine Primär- 
phase (daher allen Stilarten gemeinsam), so 
entgegnet dem E. Suys5 mit Recht, daß manche 
Kunstkreise, etwa die Griechen, im Laufe 
ihrer Entwicklung mit dieser Primitivität ge- 
brochen haben, während andere, z. B. die 
Ägypter (sie! d. A.), an ihr unabänderlich 
festhielten. Ähnlich wie Riegel unterscheidet 
also auch Suys nicht zwischen Freiplaslik und 
zweidimensionalem Relief und Bild. llr kommt 
daher zu dieser absurden Behauptung, obwohl 
gerade Ägypten - das wohl in der Große 
plastik frontal bleibt -A in der Malerei und 
der Reliefbildnerei die Frontalität nie gekannt 
hat. lm Gegenteil: gerade an den XWerkcn 
Agyptens läßt sich das Prinzip der Profil- 
haltung am reinsten nachweisen. Dennoch 
kommt Suys zu einem nicht uninteressanten 
Resultat, indem er den Bedeutungsgehalt dieser 
Körperhaltung erkennt. Zur Unterstützung 
seiner These bringt er einen Hieroglj 
text, dem zufolge Neferhutep, ein Phar: 
XIII. Dynastie, dem Osiris eine Statt 
richten will, vorher aber die heiligen I 
nach der „richtigen Haltung" befragt. 
aber war eine frontale, und Suys scl 
„En rin de conipte, on le voit, la rupt" 
la frontalite dans la statuaire divine sup 
son origine moins un progtes d'ordre 
tique qu'un changement dans Pespri. 
gieuxlm. 
Auch G. RodenwaldV hat den Bedcu 
wert der Frontalität erkannt. Aber aucl- 
Erklärung wird dem Problem nur zur. 
gerecht. Er untersucht nämlich dieses 
Prinzip ausschließlich an Denkmäleri 
römischen Kaiserzeit, wo es aus eine 
steigerten Bedürfnis nach Pathos vetv 
wird, das sich auch in der zeitgenöss 
Literatur nachweisen läßt. Das ist zwe 
richtig, und so sind seiner Meinung na 
Kaiserdarstellungcn, etwa am Titusberg, 
frontal aufgebaut. Da Rodenwald, im ( 
satz zu Suys. das Phänomen ausschli 
an Werken der weltlichen Kunst unter 
sieht er nur ihre gleichsam säkular 
Komponente. Soweit die Deutungsve- 
der Frontalität. 
XVas das Ursprungsland des hlutivs ar 
so stehen sich hier zwei widersprüc 
Thesen gegenüber, und zwei Grundhalt 
lassen sich hier hcrauskristallisieren. 
Gruppe von Forschern sieht in der Fror 
östliches Formgut, die zweite westliches 
klassisches. H. Seyrigs, G. Roden 
M. Rostowcetfl" und der Wiener E. I 
glauben den Ursprung im Osten zu f 
H. Seyrig, dem das fast ausschließliche 
kommen der Fruntalität in seinem spe 
Forschungsgebiet Syrien seit dem Begit 
christlichen Ära nicht entgehen konnte, k 
in zahlreichen Aufsätzen immer wiedt 
das Problem zu sprechen. Allerdings 
fiziert er im Laufe der Zeit seine ursprün 
Meinung. Vorerst stellt der Forscher 
daß diese Körperhaltung in den syr 
Denkmälern allmählich die einzige 
zwischen dem ersten und dritten Jahrhi 
läßt sich hier kaum noch eine Prorilligur 
weisen. Man würde allerdings erwartet 
sich der Gelehrte nun auch die Frage 
dem Grund dieses so auffälligen Wechs 
der Körperhaltung stellt, besonders 
diesen Gebieten, wie in Äigfvpten, bishe 
die Prorilhaltung verwendet wurde. D01 
den Historiker steht die Llrslarungsfra; 
Vordergrund. Seyrig erkennt in der Fron 
östliches, wahrscheinlich syrisches F0 
und bestenfalls eine „Primärphasäl. Rostt 
geht i geographisch einen Schritt x" 
Da er nachweisen kann, daß die Fron 
in graeco-buddhisrischen Denkmälern v: 
syrischen verwendet wird, können die 
das Motiv von graeco-hurldhistischen Ä 
mälern entlehnt haben. Als Vermittler r 
Rostowceff nordiranische Denkmäler a 
Rostowcefli und Seyrig, als den wicht 
Vertretern der östlichen These, schließ 
auch Hopkinsll an. Unter den deui 
Forschern haben sich V. Müllerß und 
Buddelti gleichfalls zur östlichen Thes 
kannt. Ob es sich im engeren Sinn un
	        

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