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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

Rudolf Chadraba 
ZU EINEM GEHEIMNIS DER 
BURG KARLSTEIN 
C0210 Corroi: mmparari P0121! 4 dem Himmels- 
gewölbe über dem prächtigen Thron des 
persischen Weltkönigs Chusrau vergleichbar 
findet Bohuslav Balbin, der erste Historiker 
Karls IV.,das breite, g0ld- und glasiiberzogene, 
sternenbesäte Gewölbe der Kreuzkapelle von 
Karlstein, mit der goldenen Sonne und dem 
silbernen Mond. Balbin fühlt sich in diesem 
lichterfüllten Raum wie im himmlischen 
Saal l. Kein Grund besteht, diesem Ausspruch 
des gelehrten Zeitgenossen und Ordensbruders 
von Athanasius Kircher nicht die gebührende 
Beachtung zu schenken. 
In der Legende exaltatiu xarlclae rrurir, Erhö- 
hung des heiligen Kreuzes, aus der zu Karls 
Zeit in Böhmen besonders populär gewordenen 
Legenda aurea, die auf des Kaisers Anlaß 
als Böhmisches Passionale auch ins Tsche- 
chische übersetzt wurde, bringt der byzanti- 
nische Kaiser Heraklius im Jahre 628 das 
heilige Kreuz wieder zu Ehren 1, nachdem es 
vom persischen Welteroberer Chusrau 11., 
dem letzten mächtigen „Weltkönigf von 
Iran, auf Golgatha geraubt und als Sinnbild 
heidnischer Weltherrschaft und ewigen Sieges 
die durch das Gold hindurchschimi 
strahlten die Wände dieses Turmpal 
laut der Legende exallaiio. Im alten ( 
bedeutet Turm und Königspalast, wen: 
vor allem Persien im Sinne haben, das gl 
und diese Auffassung gelangt auch nacr 
Westen. Schon Horaz sagt: pallizia 
aequa pulmt pezle Iabernn: pauperzml reg 
lurre: (der blasse Tod zerstampft mit 
gleichen Fuß die Hütten der Armen ur. 
Türme der Könige). Und die über 
Doppelkapelle Karls des Großen in A 
ist wahrscheinlich als Antithese zum 
nischen Turmpalast zu verstehen, aller 
vermittelt durch das westliche Vorbilc 
San Vitale zu Ravenna. Auf der Spu 
Antithese wandeln wir bereits mit un 
Thema. Die christliche Umdichtung 
alten magischen Gesetzes, das die we 
seitigen ReHexe zwischen Triurnph-Sym 
feindlicher Weltmächte wesentlich erl 
hilft, ist die Legende exallatia Janrtrze 
Als Chusrau, der Sonnenverehrer, das l 
von Jerusalem erbeutete und es als S 
zeichen neben seinem Thron aufrichtetc 
 
1 Heraklius vnn Byzanz besiegt den Antichrist Chusrau von 
Persien. Sdiptum suger Apocaiypsim cum imaginibus, 
um 1350. Prag. Dorn apilel St. VCil 
2 Burg Karlstein, Kapelle der hl. Katharina. um 1351 
3 Karl IV. mit einer Frau als Konstantin und Htlerla (Aus- 
schnitt aus Abb. z) 
ANMERKUNGEN In? 
l Bohuslav Balbin, Diva Monlis Sancti smu Origincs öl Mirarula 
etc" Prag 1665. 58K. - Dr. Karcl Slejskal danke ich fur diesen 
Hinweis. 
1 Vgl. jacobi z Voragine Legend: aurea vulgn Hisxoria Lombar- 
dica dicta. ad oplimorum librorum iidem recensuit Dr. Th. 
Granw, Breslau 1890. 3075.: De exalialioixe sanclac crucis. 
1 Herwig Wolfram, Splendor ' prrr 
und Heil in Herrschaft und Reich. 
sendfeier Ottos des Großen. Graz- ' . 
4 ln: Legend: aurea (Anm. 2) vgl. 1),.- invenlionc sanctae crucis. 
S Vgl. Das crste Jahrtausend. Kultur und Kunst im werdenden 
Abendland an Rhein und Ruhr. red. Victor Elbcm, Düse!- 
dorf 1964. Bd. ll, 61GB, 621. 
6 Rede des Erzbischofs Johann Oclto von Vlasim, in: Fonlcs 
rerum bohemicarum Ill, 429. - Die des Adalberlus Ranconis 
a Ericinio (Vojtech Raiiküv von jeiov), daselbst 436. - 
Der Fall wird nicht berücksichtigt bei Ernst Günter Grin-ime, 
Novus Constantinus. Die Gestalt Konstantins des Großen in 
der imperialen Kunst der mittelalterlichen Kaiserzeit. in: 
Aachener Kunslblätter. Heft 22. 1961. 
7 Vgl. V. V. Tomek, Döjepis mktz Prahy (Geschichte der Stadt 
Prag). Teil u. 2. Aufla t- Prag 1892. Azur. 
5 Georg Irrner. Die Rom ahrt Kaiser Heinrichs Vll. im Bilder- 
zyklus des Codex Balduini Trevirensis. Berlin 1331. 71. Abb. 
XL: Übergang über die Milvisrlie Brücke. lnit Text: Transit 
Pontimole et a t(urri) "rn czen sagittantur multi. 
9Könntc ev. auch Karls l . Mutter Elisabeth von Böhmen 
bezeichnen, vgl. Rudolf Chadraba. Tradicc druhL-ho Kon- 
stantin: a xecko-penka antitczc V umöul Karla lV. (Tradition 
des zweiten Konstantin und griechisch-persische Antithese in 
der Kunst Karls lV.), in: Umeni XVl, 1968, 570i". - Der 
Typ geht jedenfalls mit dem schönen Typ der Anna von 
Schweidnitz im Domtriforium zu St. Veit zusammen. 
14 
  
neben dem Weltthron Chusraus, vom „ewigen 
Feuer" beleuchtet, aufgepflanzt worden war 
(scdcm sibi paravcrat atquc juxta se, quasi 
collegam Dei, crucem sanctam posucrat). 
Heraklius bringt das Kreuz zurück an seine 
Stelle. Ein Engel gebietet ihm, dies nicht 
triumphal auf prächtigem Roß, sondern bar- 
fuß, im Hemd, wie der Heiland, zu voll- 
bringen; nur so konnte er durch das kleine 
Steintor von Gethscmane hindurch. Heraklius 
war geneigt, dem persischen Antichrist, der 
auf seine Art das Kreuz geehrt hatte, Leben, 
Ehre und einen Teil seiner Macht und Habe 
zu belassen, wenn dieser sich taufen ließe. 
Er mußtc jedoch den Widerspenstigen von 
seinem Throne stoßen und köpfen. Man ver- 
gleiche dazu eine Zeichnung aus dem Prager 
Scriptum super Apocalypsim, das, um 1350 
in Avignon entstanden, wahrscheinlich von 
Karl IV. bald danach dem Prager Domkapitel 
übergeben wurde. Ein späteres Bildmedaillon 
des böhmischen Martyrologiums von Gerona 
zeigt sogar den Sieger Heraklius, wie er 
Chusrau von seinem Turmpalast herabwirft. 
Aura interlurentibw (gemmix, von Edelsteinen, 
es ebenso eine Antithese, wie wenn 
Apostata das Kreuzzeichen im Handumc 
gegen das Sonnenzcichen vertauschte. C} 
wollte auch, der Legende zufolge, ganz 
richtig - die Christen zur Anbetung der 
zwingen. Hcraklius muß die magische . 
lung wieder umkehren, das Sicgcspfan 
Christenheit wieder auf seiner alten 
auf Golgatha, aufrichten. Denn, so u 
der magische Glaube, hätten die Cl 
auch alles verloren, das Kreuz Christ: 
behalten können, so wären sie nicht t 
worden, umgekehrt aber ganz sicher. Ä 
galt cs für das Reichskreuz und ande 
signien im Mittelalter, inxignia um! im} 
wie Herwig Wolfram nachweist: Kaiser 
rich IV. ließ den Kurfürsten sagen, sie 
alle eroberten Länder behalten, nur ih 
Insignicn lassen, sonst verblasse sein i; 
imperiil. 
Die Antithese setzt sich fort: wenn Cl 
seinen Turmpalast auro inferlurentibu: 4 
schmückte, dann stammten Gold und 
steine von jenen christlichen Gotteshä 
die dieser Wütcrich auf seinem Weltetobei
	        

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