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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

wältigenden Eini-luß Europas während der 
letzten beiden jahrhunderte an Boden, doch 
ist sie aus der künstlerischen Entwicklung an 
keinem Orte und nirgends wegzudenken. Denn 
in der natürlichen Perspektive zeichnen selbst 
heute noch, wie H. Schäfer a. a. O. nachge- 
wiesen hat, alle unsere Kinder. 
Die Nutzanwendung der dargelegten Prinzi- 
pien auf die islamische Ornamentik ergibt 
folgendes: Die Ranke, in einer Bordüre etwa, 
rollt immer und zur Ganze seitlich dahin, sie 
enthüllt an jedem Punkt und in ihrer gesamten 
Länge jederzeit ihre Funktion, der Beschauer 
sieht sie überall und in gerader Aufsicht. Die 
gerade Aufsicht erlaubt auch, an einen mög- 
lichen Ursprung der Ranke aus der Girlande, 
dem Blumengewinde um einen Pfeiler herum, 
zu denken. Im Flachbild der Bordüre wäre 
dann die Ausführung des Pfeilers als unwichtig 
unterblieben. Das Beispiel eines solchen Pfei- 
lers mit Ranken in plastischer Ausführung 
erblicke ich an einem Bauwerk der byzanti- 
nischen Kunst aus dem sechsten Jahrhun- 
dertla. - Die Blüten selbst Öffnen wieder 
im rechten Winkel zur Ranke und in gerader 
Aufsicht zum Betrachter ihre Blüten. Die 
Sternblüten zeigen Vollansicht. Damit wird 
das Wichtigste und das Wesentlichste an der 
Funktion „Bliihen" ausgedrückt. Kelchblüten 
bieten gerne das Profil. Die Funktion eines 
„Kelches" ist eben im Profil am klarsten zu 
erkennen, und der Kelch der Tulpe gilt zum 
Beispiel dem Mystiker als der Kelch, in dem 
der Wein, das ist das Leben selbst, kredenzt 
wird. Eine Ausnahme bildet die Rose in 
der türkischen Ornamentik, ihrer einzigartigen 
Stellung unter den Symbolen verdankt die 
Rose auch die besondere Form des Aus- 
drucks. 
Ein Problem, welches dem Ornamentiker 
immer wieder gestellt wird, besteht darin, in 
einer Fläche zu gestalten, was der Betrachter 
als räumlich empfinden soll. Der muslimische 
Künstler bediente sich zur Lösung dieses 
Problems der Möglichkeiten, die sich aus 
seiner Perspektive ergaben. Die Stengel an 
Blumensträußen, die sich in Wirklichkeit z. B. 
auch vor- und rückwärts zum Betrachter 
neigen, werden immer seitlich rollend gezeigt. 
Der vernünftige Verstand verband die Funk- 
tionen, formte aus dem „Nebeneinandef ein 
„Überallhinneigen" und nahm das Gebilde 
als „Blumenstrauß" in unserem herkömm- 
lichen Sinne zur Kenntnis. Eine weitere 
Möglichkeit, räumlich empfinden zu lassen, 
ergab sich aus der Anordnung in übereinander 
gelagert erscheinenden Ebenen. Es gibt eine 
ganze Reihe von Stücken, an denen man eine 
solche Anordnung beobachten kann! Die 
Motive - Blüten, Blumen, Knospen, Stengel 
und Blätter - hängen dort in artigen Netz- 
werken manchmal so, daß der Betrachter „in 
die Tiefe des Raumes" hineinschaut. Der 
Effekt wird durch geschicktes Verschlingen 
der Linien, Parallelität und besonders bei den 
geometrischen Ornamenten durch Kompro- 
mißlosigkeit in der Farbgebung erreicht und 
gehöht. Der Zweck war Absicht und wird 
von uns auch so interpretiert. Denn wir 
haben uns daran gewöhnt, von „grundieren- 
den Farben" zu sprechen, von denen sich die 
verschiedenen Gruppen „abhehen". 
6 
Auch die Darstellung von Figuren ist unter 
dem Blickpunkt der natürlichen Perspektive 
zu verstehen. Hier tritt jedoch ein Element 
klar zutage, das im Bereich des rein PHanz- 
lichen zwar ebenso vollauf beobachtet werden 
kann, vom Betrachter aber gerne als selbst- 
verständlich eingestuft und darum übersehen 
wird: ich meine das Element der Bewegtheit 
und der Bewegung in den Ornamenten. 
Bewegtheit 4 sie ist das einzige Mittel, das 
dem Künstler zur Verfügung steht, um 
seinem Werk den Ausdruck des Lebendigen 
zu verleihen. Und die islamische Ornamentik 
dient dem Lebendigen, und die islamischen 
Ornamente sind voll bewegt! Damit rundet 
sich wieder ein Kreis, das Werk des Künstlers 
wird der inneren und der äußeren Wahrheit 
gerecht. Denn es entspricht die äußere Be- 
wegtheit dem Zeichen des innerlich Leben- 
digen. Der Geist faßt nach der Funktion, die 
Seele wendet sich von der Unruhe des Alltags. 
Sie sucht Schönheit 7 und findet eine heim- 
liche Stätte zum Verweilen am Kunstwerk, 
davon sie gerne Besitz, wie von etwas Le- 
bendigem, ergreift. 
Die hellenische Perspektive aber verzerrt! Und 
Verzerrung soll von der Seele ferngehalten 
werden. Der Betrachter soll freundlich emp- 
finden. Was dargestellt sein will und sein 
soll, wird darum ohne Verzerrung und voll 
dargestellt! Und wenn die arabischen Denker 
die griechische Philosophie übernommen, ge- 
pHegt und weiter entwickelt haben - das 
liellenische Sehen als künstlerisches Erbe 
haben sie nicht mitübernommen. Es wider- 
sprach einfach dem Denken, der Weltan- 
schauung und der Lebensauffassung des 
Islam. 
III 
Wenden wir uns einem weiteren Kriterium 
der Ornamentik zu - es ist die Liebe zum 
kleinen Detail und die Gestaltung dessen, was 
wir „typisch islamisches" Gepräge nennen. 
Wenn die Künstler in der Beschränkung, in 
der Wahl der Gattungen Meisterschaft zeigten, 
so regte sie doch eine unerschöpflich schei- 
ncnde Phantasie zu Werken an, denen wir als 
besonderes Charaktcristikum die Liebe zum 
Detail zuerkennen müssen. Es gibt keinen 
anderen Kunstkreis, der derart liebevoll das 
Kleine, unbedeutend Erscheinende heraus- 
gestellt, ja als wesentlich gefordert und durch- 
geführt hatl Die künstlerische Linie aber 
blieb daneben oder vielleicht dadurch ge- 
wahrt 7 durch die Zeiten hindurch. Denn 
der Reichtum an Erlindungskraft, das Genie 
erging sich nicht darin, grundsätzlich Neues 
zu suchen. „Revoluti0n" kennt die islamische 
Ornamentik nicht, sie hätte in diesem Sinne 
nur einen „Abweg" bedeutet. Sondern was 
einmal als gut und gefällig befunden worden 
war, was Erfolg hatte - das blieb erhalten 
und wurde im Detail liebevoll ausgestaltet. 
Es gibt ja vom Schönen nie Besseres, sondern 
nur Schöneres, wenn es auf den soeben er- 
lebten Augenblick bezogen Wird. 
Der Islam hat nichts absolut Neues geschaffen. 
Pflanzenranken, geometrische Muster hat es 
immer gegeben. In einem aber hat sich seine 
Kunst von der der vorangehenden und um- 
II SCHRIFT ALS ORNAMENT 
s Die Formen der smiin dienten den Künstlern gegebenen- 
falls auch zur Gestaltung des Haupltllcmas. Oben: num- 
siabcn im Relief um Ranken an Fliesen mit Lusrcrdekor. 
Kasclmn. 13. jahrhundcrt. H 13,5 und 14 cm. 1x 21 und 
zs cm. Österreichisches Museum für angewandte Kunst, 
wim. Inv. NL 2095er. 
9 smiin als Hauptthema: langgezogcnc liurhsizbcnhasteil 
und Flechtwerk mit Kutimotivcn utu-i Ranken. Moschee- 
ampel aus (inldemailglas (Glas mit Emaildekor um ver- 
goldetrm (zmud), syrisrh-ägypf u. Jahrhundert. 
n 2a. n 21 uuu 12 Cm. Östtrrdc hC M "eum riis an- 
gewandte xuusi. Wien. Inv. Nr. m. 3035. - Widmung 
Clnricv: du Rothschild im Andenken Jll Alphoxise dc Roth- 
Schild 
10 Schrift als fullendcs Ornament auf einem Wirkcreifragment: 
Naßuiiiuuniuusiu Grund, Kuficlcincnlc iu den ßiudsmugm. 
Seide, Agyplcn. 12. Iahrhundcrt. 10 Y s (m. Österreichisches 
Museum für angewandte Kunst, wim. Inv. NL "rsw 
11 Kursive und Kuti-Schrifr in Friescn an einer Schale aus 
Fayrnce mu Lüstcrmalertl. Kzghes (Raj). u. Jahrhundert. 
H 11 rm, n 14,5 m1. Österreichisches Museum rui ange- 
wandte Kumi. Wim. lnv. NL Ke 6105 
12 V01] Westafrika bis zur Mongolei llilbth die Völker mit 
dem Islam iniCll dic arabische Schrift angenommen. Dabei 
wurde" neu: Formen entwickelt. WEH gefiel und Erfolg 
hatte. blieb erhalten. 7 smiinpmiit- .us Uilltf lntidclncn 
nrnbisclcn Zeitung. Neben dem gewöhnlichen Nißchi das 
stntllicicrc Tulut. Aus dem Näßchi leiteten die Perser den 
hängenden Duktus, das Triik, m. Die Osmrmcn erfunden 
dic eigenwillig gebrochene nuk-usuiii-iri. Man beachte 
die kalligmphische Spielerei: der Kopf m der Figur wird 
durch den Schrifrduktus nachgeahmt 
 
ANMERKUNG 18 
H Siehe Volbach-Lafontnine-Dosiognc. Byzanz und der Osten, 
Berlin 1968,Tif. 1162m (Propyläenkunslgcschichte, Band a).
	        

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