MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 110)

problem kritischer als Hofmann, der in den 
allermeisten Fällen den Nymphenburger Au- 
liczek als Modelleur annimmt. Erschwert wird 
die Zuschreibung ungemarktcr Gruppen an 
bestimmte Manufakturen noch durch die Tat- 
sache, daß dieselben Stichvorlagen überall zur 
selben Zeit zur Verfügung gestanden haben 
konnten und die ikonographische Überein- 
stimmung daher kein absolut gültiges Kri- 
terium sein kann. Dies trifft besonders für die 
oben erwähnte Bäreniagd in Wiener Schwarz- 
lot und die bei Hofmann als Nymphenburger 
Modell bezeichnete Gruppe zu (Abb. 16, 17). 
Die eigentliche Parfarre-Jqqd oder Hatz zeigt 
die Jagdticre im vollen Lauf. Im Besitz der 
Potzellanmanufaktur war das Kupferstichwerk 
„Vollkommene und gründliche Vorstellungen 
der vortrefliehen Fürsten Lust oder: der 
Edlen Jagdbarkeit, inventirt, in Kupfer ge- 
bracht und verlegt von Johann Elias Ridinger, 
Mahler in Augsburg, An. 1729". Das Erschei- 
nungsjahr ist ein eindeutiger Terminus post 
quem für folgende Darstellungen auf Porzellan, 
die von einzelnen der darin enthaltenen Stiche 
abhängig sind: 
Der Thier-Garten 7 Schüssel, ehem. Slg. 
Mayer3l 
Die Par-Force Jagd (Abb. 25) 4 Schüssel, 
ÖMAK (Abb. 26) 
Wie die Rehe von Hunden... (Abb. 31) - 
Schüssel, ÖMAK (Abb. 32) 
Das umstellte Jagen 
Das Brunft Schiessen (Abb. 27) 7 Schüssel, 
Brünn, Bloravska Gal. (Abb. 28) 
Die Schweins Hatz (Abb. 29) 7 Schüssel, 
ÖMAK (Abb. 30). 
Die Kupferstiche der „Vortrefliehen Fürsten 
Lust. . ." werden durch einen Text ergänzt, 
der eine genaue Beschreibung des Jagdge- 
schchens gibt: 
„Die Par-Force Jagd (Abb. 25, 26) 
Solche geschiehet mit par force Hunden, zu 
Pferd, ohne Umstellung einigen Zeugs oder 
Plaben, sondern es wird der Hirsch nach 
belieben des Principals von der Jagd lange, 
und zwar nach der Fahrt getrieben, biß er 
sich endlich gantz ermüdet dem Jäger und 
Hunden ergeben muß; man sagt erstlich, der 
Hirsch verfacht, u. dan wird gejagt, dahero 
an denen Gräntzen des Jagd-Platzes in ge- 
wisser distance Hinterhalte oder Wachten mit 
frischen Pferden, guten Jagdhunden, und Wol 
erfahrnen Jägern gestellet, und also durch 
solche Abwechslung, nicht allein die errnüdete 
könen abgelöset, als vornehmlich, durch blasen 
u. loßlassen der Hunde, das Wild auf rechter 
Fahrt erhalten werden möge. S0 es nun von 
den Hunden gefangen, oder dem Jäger erlegt 
worden, trachtet er ihme, und Zwar zur 
Seiten den Fang, gegen dem Hertzen, hinter 
dem forderen Lauf zu geben, so dan sagt man: 
es schweisst, es hat den Fang, es ist erlegt; 
da den die Hunde von dem Edlen Hirschen 
abgerüssen oder weggethan, der Hirsch so 
dan zerwirkt, und die Hunde ihr Recht davon 
bekomen, und also gepfneisst werden." 
In der Übertragung des Stichs auf Porzellan 
wird die Darstellung stark reduziert. Von der 
Jagd mit Reitern, Jägern und Tieren in reichem 
lanclschaftlichem Ambiente bleibt eine Gruppe 
10 
von 5 bis 6 Tieren auf einer kleinen Land- 
schaftsinsel übrig. Auch die herausgenom- 
mene Hauptgruppe wird oft reduziert. Bei 
den Hirschiagden kopiert der Porzellanmaler 
den Hirschen und drei Hunde (Abb. 25, 26) 
bzw. Hirsch und Hund (Abb. 31, 32) und 
fügt in letztem Fall noch zwei Hunde hinzu. 
Bei der Sehweinshatz (Abb. 29, 30) kopiert 
der Schwarzlotmaler das Wildschwein und 
vier Hunde genau, fügt die anderen Jagd- 
hunde hinzu. 
J.  Ridinger bearbeitete dasselbe Thema 
oft in mehreren Stichen; aus dem Besitz der 
Porzellanmanufaktur stammen noch folgende 
Blätter: 
Wie die Sauen im freyen auf den ball gehäzt 
und mit einer ganzen hatz Hunde forcirt 
werden. Bez.  E. Ridinger inv. del. sc. et ex. 
Aug. Vind. 
Wie das Wild-Schwein gchaezt und Ihm der 
Fang gegeben wird (Porz. Man. Kat. B 169[61). 
Die Par Force Jagd Eines Hirschen und Wie 
Er Erlcgt wird (Pnrz. Man. Kat. B 169,'62). 
Von der Sirlmleins-Ilatg, die neben den Parforce- 
jagden auf Rotwild am häuhgsten dargestellt 
wurde, berichten die „Vorstellungen der vor- 
u, 
treflichcn Fürsten Lust . . . . 
„Die Schweins Hatz (Abb. 29, 30): 
Es ist dieses eine der lustigsten aber auch 
gefährlichsten Jagden indem ein wild Schwein 
ein so gar ein wehrhafftes Thier ist, das es 
weder Menschen Pferde noch Hunde schonet, 
wan es nun gekreyset u. im bezirct ist, werden 
zur Seiten Tücher Lappen aufgezogen, damit 
es in den besten Lauf platz forciert werden 
köne, dan wird der Sau linder oder Saurüde 
darauf los gelassen, so es nun heraus fahret 
u. ausreissen will, schreyet der Jäger so den 
Hand angebracht, hab geht, ahab acht, und 
so es die anderen ersehen, hetz zu, hetz zu, 
darauf werden die leichten Hunde los ge- 
lassen, welche es herum rücken und müde 
machen so dann werden die schweren oder 
Englische grosse Hunde daran gehetzt, welche 
es bey den Losern halten das ihme der Jäger 
den Fang mit dem Hirschfänger geben kan, 
von dem Schwein sagt mann es wird gehetzt: 
das Schwein schlägt mit dem gewähr oder 
gewerff, streitet mit den Hunden, wird von 
ihnen gestelt, das Schwein lauft, reist aus, es 
wird ihme der Fang gegeben, ein angehendes 
Schwein ist Sjährig ein hauend Schwein ist 
eine alte Sau und so ferner . . ." 
Während in Wien die Darstellungen der 
Hatzen in Schwarzlotmalerei vorherrschen, 
sind in den Manufakturen von Meißen und 
Nymphenburg 32 Hirsch- und Sehweinshatzen 
in plastischen mehrhgurigen Kompositionen 
vertreten. Auch diese Harzen scheinen auf 
Vorbilder zurückzugeben, wie sie in Wien 
verwendet wurden. Das Erscheinungsjahr der 
„Vorstellungen der vortreflichen Fürsten 
Lust . . .", 1729, ist ein wichtiger Fixpunkt der 
Daticrung. Ein weiterer Anhaltspunkt ist die 
Porzellanmarke. Manche der Wiener Malereien 
mit Hatzdarstellungen tragen bereits einen 
Bindenschild als Marke, der nach Übernahme 
der Privatmanufaktur Du Paquiers durch den 
Staat (1744) von 1744 bis 1749 in Rot und 
Schwarz über der Glasur oder eingepreßt auf 
der Rückseite der Objekte erschien. Ab 1749 
wird der unterglasurblaue Bindenschildldie 
Regel. Natürlich änderte sich das Dekorations- 
system durch den Wechsel in der Leitung der 
Manufaktur nicht sofort; die erste große 
Zeit der Jagddarstellungen war jedoch vorbei. 
Ergänzungsstücke wurden zwar in alter Ma- 
nier nach den bekannten Vorlagen bemalt, 
doch sinkt hier die Qualität merklich ab. 
In die Zeit um 1744-1755 gehören nun 
Schwarzlotmalereien nach dem Kupferstich- 
werk „Darstellung verschiedener Thiere" von 
Ridinger. Diese Teller und Schüsseln tragen 
fast ausnahmslos den eingepreßten oder be- 
reits den blauen Bindenschild und sind daher 
zeitlich leicht einzuordnen bzw. nach Wien 
als Entstehungsort zu lokalisieren. Die „Dar- 
stellung verschiedener Thiere" ist als Vor- 
lagenwerk der Porzellanmanufaktur einwand- 
frei gesichert, da es aus deren Bibliothek 
stammt. Die „Naturgeschichten" des 18. Jahr- 
hunderts mit Tierdarstellungcn in Form von 
Kupferstichen wurden von den Porzellan- 
malern der Zeit als Vorlagenwetke sehr ge- 
schätzt. Das bekannteste Werk unter ihnen ist 
wohl die Naturgeschichte Butfons, die in 
sechs Bänden ebenfalls der Bibliothek der 
Purzellanmanufaktur angehörte. In späterer 
Zeit lieferten die „Thierzeichnungcn" Ridin- 
gers (Porz. Man. Kat. (3,156, ÖMAK C16) 
und Buffons Naturgeschichte (Porz. Man. 
Kat. Cfl, ÖMAK Nat. G l 37) die Vorlagen 
zu einer Folge von etwa 60 Blättern mit je 
6 Einzeldarstellungen von Tieren (insgesamt 
an die 360), die noch gesondert publiziert 
werden sollen. Unter ihnen nimmt die „Natur- 
geschichte der Vögel" einen besonderen Raum 
ein. 
Seit den naturwissenschaftlichen V0geldar- 
stellungen der Antike-W wurde die Tier- 
darstellung in späteren Zeiten immer wieder 
aufgegriffen und drang über die Stiche der 
barocken Blumen-, Insekten- und Vogel- 
bücher, der sogenannten „Insektenbelusti- 
gungen", vor allem aber über die Natur- 
geschichte Buffons und die Kupferstichserien 
Ridingers in den Porzellandekor ein. 
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