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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 110)

 
Alois Vogel 
DER MALER 
FERDINAND STRANSKY 
In einer Abhandlung über ein Bild von Herbert 
Boeckl schreibt Fritz Novotny: „Die entwicklungs- 
geschichtliche Wende, die das Ende des Impres- 
sionismus bedeutet, läßt sich auch an einer neben 
den radikalen Sinnveränderungen verhältnismäßig 
äußerlich erscheinenden Eigenschaft der nach- 
folgenden Malerei ermessen: an dem scheinbar 
Gestaltlosen, Groben, Ungefügen der malerischen 
Formungen". Was hier für ein Bild von Boeckl 
zitiert wird, gilt zweifellos auch für Ferdinand 
Stransky. Damit ist aber auch schon eine Kon- 
kordanz angedeutet, die die Malweise Stranskys 
von anderen Künstlern seiner Generation wieder 
klar absetzt. Es ist das eine sehr direkte Arbeits- 
weise, eine Arbeitsweise allein mit den Mitteln 
der überkommenen Malerei, also mit der Farbe 
auf der Fläche. Der Maler verläßt fast nie jene 
Ebene, die gemeinhin als gegenständlich be- 
zeichnet wird. Und das ist, wie es uns scheinen 
will, durchaus kein Zufall. Meist neigen die 
spirituellen, eher platonischen Naturen zu einer 
dem Gegenstand entbundenen Gestaltung, die 
kräftigen, mit dem Leben früh konfrontierten 
Charaktere aber zu einer Manifestation der sicht- 
baren, mit den Sinnen erfaßbaren Dinge. Kein 
Zufall, daß viele der expressionistischen Künstler 
soziale Mißstände aufzeigten und angriffen, daß 
sich viele von ihnen für ihre Mitmenschen, die 
Arbeiter, die Unterdrückten oder Ausgebeuteten 
jener Zeiten engagierten. Es ist daher durchaus 
auch kein Zufall, daß sich Stransky schon sehr 
früh gerade für eine solche Malweise entschloß. 
ln einer Zeit des wirtschaftlichen Notstandes, 
am 16, September 1904, in Viehofen in der Nähe 
St. Pöltens in Niederösterreich geboren, kam er 
aus ärmlichsten Verhältnissen. Sein Großvater war 
ein mährischer Wabergeselle, der in den achtziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seiner Familie 
hierher gewandert war, um in einer von Engländern 
gegründeten Fabrik zu arbeiten. Auf Umwegen 
kam der junge Ferdinand Stransky zu Professor 
Seraphin Maurer, dem damaligen Leiter der 
Restaurierungswerkstätte an der Akademie der 
bildenden Künste in Wien. Der erfahrene Mann 
erkannte das große Talent des Knaben und machte 
sich erbötig, Stransky als Lehrling in sein Atelier 
aufzunehmen. Hier wurde der junge Mensch nun 
mit allem technischem Rüstzeug ausgestattet, das 
er für den Beruf eines Restaurators brauchte. 
Stransky fühlte sich aber bald vom deutschen 
Expressionismus angezogen. Mit zweiundzwanzig 
Jahren besuchte er im Volksbildungsheim Mar- 
gareten den Kurs für Aktzeichnen. 
ln jenen Jahren entstand ein Werk, das die Zeit 
überdauerte. Es ist das bekannte Ölbild „Nieder- 
österreichische Landschaft" aus dem Jahre 1925. 
Robert Waissenberger sagt darüber: „Dieses Bild 
kennzeichnet bereits deutlich die Begabung Strans- 
kys und fällt vor allem durch die zarte Nuancierung 
der so schwierig zu handhabenden Grün auf". 
Daß Stransky vor diesen „so schwierig zu hand- 
habenden" Couleurs nicht zurückscheut, sehen 
wir immer wieder. Es scheint uns im Gegenteil, 
daß gerade der Widerstand den Künstler reizt. 
1937138 entstand ein großes Familienbild. Auch 
in ihm herrschen die Grüntöne vor. Die beiden 
Erwachsenen, eine Frau und ein Mann, stehen 
fast in der Mitte des Bildes. Die Kinder, eines hat 
die Mutter auf dem Arm, das andere steht an ihren 
Leib gelehnt, konzentrieren die rechte Bildhälfte, 
während der Mann in einem kleinen Abstand nach 
links gerückt steht. Hinter den Menschen stuft 
eine helle Fläche eine mit einem Tuch bedeckte 
Tischplatte in den Raum, welcher, sonst leer, 
1 Ferdinand Stransky, Die Familie, 1938. Öl auf Leinwand, 
130x100 cm H 
2 Ferdinand Stransky, Die Lege ll, 1950. Ol auf Holz, 
74x90 cm. Kulturamt der Stadt Wien 
ANMERKUNGEN 1. 2 
' F. Novotny, um: das „elementar n der Kunstgeschichte 
und andere Aufsätze, Wien 1968, S. 131, 
' R. Waissenberger, Vorwort Katalog der Galerie Autodidakt, 
Wien 1964. 
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