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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 110)

Berichte 
Informationen 
Aus der Kunstwelt Aktuelles 
Museum des 20. Jahrhunderts a 
Superenvironment der Haus- 
Rucker-Co. - Osteuropäische 
Volkskunst 
Mit dem selbst für Avantgardeausstel- 
lungen höchst ungewöhnlichen, lokal- 
bezogenen Slogan ,Der Prater ist 
geschlossen, also kommen Sie ins 
Museum" auf der sachlich-nüchtern 
wirkenden Vernissagekane lud Direk- 
tor Dr. Alfred Schmeller zur Eröffnung 
des Großenvironments der Haus- 
Rucker-Co. (Abb. 1, 2). Was bereits 
vorher als Tagesgespräch in inter- 
essierten Wiener Kunstkreisen Furore 
machte - eine Vernissage, wie sie in 
ähnlich attraktiver und das Publikum 
aktivierender Art in Osterreich noch 
nicht stattfand - erwies sich dann 
auch unter dem grellen Scheinwerfer- 
licht zahlreicher TV- und Filmkameras 
als verheißungsvoller Start einer ganz 
und gar unkonventionellen Ausstel- 
lung mit volksfestähnlichem Avant- 
gardeappeal, popiger Stimmung, da- 
zupassender "Beatmusik, Mini-Girls 
und Maxi-Uberzeugten, jovialen 
Kunstprofessoren und bedeutungsvoll 
dreinblickenden Kunstprotestierern. 
Die „Live" betitelte Schau im Wiener 
"Zwanzgerhaus" ist innerhalb der 
steilen Erfolgskarriere der drei jungen 
Oberösterreicher - den beiden an der 
Technischen Hochschule in Wien aus- 
gebildeten Diplomingenieuren Günter 
Kelp und Laurids Onner sowie dem 
Maler Klaus Pinter - die bisher mit 
Abstand größte, repräsentativste und 
wirkungsvollste Exposition. Ob sie 
auch zustande gekommen wäre, wenn 
die Haus-Rucker nicht schon vorher 
in den USA und Deutschland ihr 
Renommee aufgetankt hätten, bleibt 
freilich fraglich, zeigte sich doch auch 
in diesem Fall, daß bei österreichischen 
Künstlern erst der protektionslosere 
Weg über das Ausland auch im Inland 
zu entsprechender Resonanz verhilft. 
Die von 18.000 Besuchern gesehene 
Schau, in deren Mittelpunkt ein als 
.Aktionsraum" für zehn bis zwanzig 
Personen fungierendes „Riesenbillard" 
mit Kunststoffkugeln von drei Meter 
Durchmesser und gespannter PVC- 
Plane auf Luftpolstern stand, umfaßte 
insgesamt zehn Objekte. Dazu zählten 
außer dem erwähnten Billard, dassich, 
wie eines unserer Photos beweist. 
vorzüglich zur sportlichen Ertüchti- 
gung eignet, die bereits anläßlich des 
vorjährigen Kölner Kunstmarktes vor- 
gestellten Kunststoffleuchten im Fin- 
gerzeig-Look und eine technisch ver- 
besserte, elegantere Fassung des ur- 
sprünglich 1967 entwickelten Mind- 
Expanders, eines bewußtseinserwei- 
ternden Stuhles für zwei Personen, 
ausgestattet mit Möglichkeiten audio- 
visueller Beeinflussung. Das in Öster- 
reich wiederholt vorgestellte „Gelbe 
Herz", eine pneumatische Konstruk- 
tion aus PVC, Stahlrohrskelett und 
Aggregat, empfiehlt sich als optisch 
attraktive Ferienwohnung für junge 
Leute mit dicker Brieftasche. 
Im .,HimmeIbett", einer Schaum- 
gummiliege mit Druckknopfspiel 
(Schaltrelais, Glühbirnensystem, Laut- 
sprecher und Trafo) entspannt man 
sich vom Alltag, indem Mann und 
Frau den ,.Druckknopfkrieg" beginnen 
und sich für die mannigfachen Va- 
rianten vanillesüßer Liebesspiele vor- 
bereiten. Der nach einer Pratersensa- 
tion konstruierte „Oxer", ein mollino- 
bespannter Holzwürfel mit 35 Grad 
geneigter Bodenfläche im begehbaren 
Innenraum, lnfrarcit-TV-Kamera und 
akustischer Lichtsteuerung, provo- 
ziert die Sinnesorgane seiner Besucher 
und beweist, daß mit wenigen tech- 
nischen Tricks unsere gewohnten 
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Verhaltensweisen auf den Kopf ge- 
stellt werden können. 
In auffallendem Kontrast zu diesen 
Objekten fur morgen (zu ihnen zählte 
auch noch der aus pneumatischen 
Elementen zusammensteckbare Pa- 
villon, der auf der Wiener Herbstmesse 
1969 als Informationsstand des Insti- 
tutes fur Formgebung Aufsehen er- 
regte) stand das abgenützte Durch- 
scnnittsmobiliar aus den ehemaligen 
Stuoentenwohnungen und Ateliers 
der drei Oberösterreicher, gruppiert zu 
beinahe surreal anmutenden, an den 
Amerikaner Edward Kienholz erinnern- 
den Environments des Banalen, gar- 
niert mit technischen Konsumartikeln 
wie Kühlschrank und Fernsehapparat: 
Lebensnotwendigkeiten der Vergan- 
genheit als nachdenklich stimmender 
Kontrast zu den audiovisuellen Uto- 
pien einer in ihren Möglichkeiten 
jedoch durchaus realistisch gesehenen 
Zukunft. 
Nach der erfolgreichen Haus-Rucker- 
Show konfrontierte das Museum des 
20. Jahrhunderts mit einer von Archi- 
tekt Johannes Spalt mustergültig und 
großzügig eingerichteten Ausstellung 
osteuropaischer Volkskunst, die bis 
10. Mai dauerte (Abb. 3). 
Dr. Alfred Schmeller begründet die 
aus den umfangreichen und nahezu 
unbekannten Beständen des Volks- 
kundemuseums in Wien zusammen- 
gestellte Schau einerseits mit den 
vielen interessanten Querverbindun- 
gen, die sich zwischen der Malerei 
und Plastik der Moderne und den 
farbenfrohen und ausdrucksstarken, 
traditionsverhafteten Werken der 
Volkskunst feststellen lassen, moti- 
vierte sie anderseits aber auch durch 
das Aufzeigen nicht weniger auf- 
schlußreicher Unterschiede zwischen 
den beiden von völlig verschiedenen 
Voraussetzungen ausgehenden Spar- 
ten. Der experimentelle Charakter der 
Schau (sie wurde vonbbDir. Adolf Mais, 
dem Direktor des Osterreichischen 
Museums fiir Volkskunst, wissen- 
schaftlich bearbeitet) konzentriert sich 
nicht zuletzt auf den Testfall, inwie- 
weit sie ..über den Augenschmaus 
hinaus geistig anzuregen und schöp- 
ferisch zu beflügeln vermag". 
Das Spektrum des übersichtlich Ge- 
botenen gliederte sich als repräsenta- 
tiver Querschnitt durch die Bestände 
der erwähnten Sammlung. Territorial 
betrachtet, berücksichtigte es den 
großen Raum der ehemaligen Donau- 
monarchie, ging jedoch verschiedent- 
lich auch darüber hinaus. In den 
Material- und Sachgruppen Keramik, 
Holz, Metall, Textilien. Schmuck, Reli- 
giöse Volkskunst, Brauchgestalten, 
Ostereier und Musikinstrumentewurde 
in insgesamt 77 Kapiteln die Volks- 
kunst der Deutschen, Slowaken, Polen, 
Ukrainer, Russen, Rumänen, Ungarn, 
Bulgaren, Griechen, Türken, Albaner. 
Serben, Kroaten und Slowenen in aus- 
gewählten Einzelthemen dargestellt 
und zusammengefaßt präsentiert. Die 
eigens angefertigten transparenten, 
formschönen Vitrinen, die vor allem 
bäuerliche Keramik und Schmuck- 
gegenstände zeigten, leisteten dabei 
optimale Dienste. Sie werden auch 
zum Grundinventar des geplanten 
"Ethnographischen Museums" in dem 
burgenländischen Schloß Kittsee zäh- 
len, für das die Schau im Wiener 
Zwanzgerhaus wertvolle Schritt- 
macherdienste leistet. Eine ungewöhn- 
lich schöne, erfreuende Ausstellung, 
die vermutlich mehr zum Verständnis 
und Erlebnis der Moderne beigetragen 
haben dürfte als so manches hoch- 
gestochene Sachbuch. Eine Ausstel- 
lung für jedermannl 
Albertina - 
Wiederentdeckung C. A. Reichels 
Eine bedeutende Wiederentdeckung 
gelang der Graphischen Sammlung 
Albertina, die sich auf Anregung von 
Ernst Fuchs, dem in diesem Fall ein 
besonderes Verdienst zukam, in den 
Monaten März und April des graphi- 
schen CEuvres des 1874 in Wels ge- 
borenen ehemaligen Mediziners Carl 
Anton Reichel in Form einer 168 Ka- 
talognummern umfassenden Exposi- 
tion annahm (Abb. 4, 5). Die Be- 
schäftigung mit dem - qualitativ sehr 
unterschiedlichen - Werk Reichels. 
das zweifellos neuer kunstkritischer 
Bewertung bedarf, wirft zahlreiche 
interessante Fragen auf. Knapp zu- 
sammengefaßt läßt sich die wesent- 
liche Bedeutung dieses vielseitigen 
und ebenso vielseitig deutbaren Auto- 
didakten in einer a freilich kaum zum 
Tragen gekommenen a Vorläuferrolle 
an der Wende vorn Jugendstil zum 
Expressionismus und dem Aufkom- 
men der Abstraktion festlegen. In 
Reichel vorwiegend einen Ahnherren 
der Wiener Schule des phantastischen 
Realismus zu sehen (was im Unter- 
titel der Albertina-Ausstellung getan 
wurde), bedeutet jedoch eine zu enge 
und zu eindeutige Festlegung, die 
diesen Ausschließlichkeitsanspruch 
vor allem im Hinblick auf die vielen 
bei Reichel zutage getretenen stilisti- 
schen Tendenzen nicht verträgt. 
Reichel, der alle Vorteile eines intel- 
lektuell geprägten Autodidakten in 
sich vereint haben dürfte, hinterließ 
Dutzende von Radierungen (auf Kup- 
fer und Zink), die in vorweggenom- 
menen Parallelen an Paul Klee denken 
lassen, die nicht selten an Max Ernst 
erinnern, darüber hinaus aber auch 
manche in der Beschäftigung mit 
Problemen der Psychologie wurzelnde 
Gemeinsamkeiten mit der Wiener 
Gruppe der „Wirklichkeitez-n" aufwei- 
sen, aus deren Mitte hier in erster 
Linie Pongratz zu nennen wäre. 
Carl Anton Reichel, der sich nach 
seinem Medizinstudium in Wien, Prag 
und München in Paris mit Suggestion. 
Hypnose und Spiritismus beschäftigte 
und sich eingehend dem Studium 
fernöstlicher Kulturen widmete, wurde 
einmal von Ludwig Hevesi, dem füh- 
renden Wiener Kunstkritiker zu Be- 
ginn dieses Jahrhunderts, als ..malen- 
der Buddhist, der in Linien und Farben 
die einfachsten Formeln für sehr 
komplizierte Gefühle sucht", charak- 
terisiert. Daß Reichel ein Suchender 
war, ein dem Meditativen zugewand- 
ter Deuter, der vor allem aus dem 
Unterbewußtsein heraus experimen- 
tierte, zeigt sich deutlich in der Zwei- 
gleisigkeit und den daraus resultieren- 
den Schwankungen und Diskrepan- 
zen seines (Euvres, das neben braver 
akademischer Produktion und man- 
chen naturalistischen Mißgriffen jene 
große, überraschende Anzahl ernst- 
zunehmender und höchst aufschluß- 
reicher Radierungen enthält,diediesen 
Künstler zu einem Außenseiter von 
Format stempeln. 
Carl Anton Reichel schuf diese Gra- 
phiken, die interessanterweise bereits 
zu Lebzeiten des Künstlers einige 
Kenner und Käufer fanden (Albertina, 
Alfred Kubin usw.), vorwiegend zwi- 
schen 1905 und 1920, als so vieles 
in der - heute bereits klassischen a 
Moderne in Bewegung war und jene 
Stoßkraft erlangte, die dem 1944 ver- 
storbenen Oberösterreicher leider nie 
beschieden war. 
Galerie im Griechenbeisl - 
Zehnter Geburtstag als Anlaß zu 
retrospektivem "Continuum" 
Objekte von Jörg Schw. 
berger 
Mit drei aufeinanderfolgender 
stellungen unter dem Titel 
nuum" begeht die am Wiener F 
markt gelegene Galerie im Gri 
beisl ihren zehnten Geburtstag 
bildung 6). Seit der Eröffnui 
ersten Ausstellung am 14. Jun 
wurden im Griechenbeisl run 
ausländische und 70 inlär 
Künstler vorgestellt, davon sel 
im Rahmen umfangreicherer Fe 
ausstellungen. Zu den 26 öste 
schen Malern und Bildhauern, 
Griechenbeisl ihr Debüt in Fori 
Einzelpräsentation feierten, zähl 
so bekannte Leute wie Karl 
Fritz Riedl, Mario Decleva, Hi 
Painitz, Barna Sartory, Wi 
Hutter und Christian Ludwig A 
Die Quantität und hervorheber 
lnternationalität des Gebotenei 
hätten allerdings kaum das Pr 
heute weit über Dsterreichs G 
hinaus bekannten, mit sehr vi 
bition und Sachkenntnis ge 
privaten Institution bewirkt, wä 
über hinaus nicht auch ste 
künstlerische Qualität und Ak 
geachtet worden. 
Daß die Galerie vor allem 
schwierigen Anfangsjahren di 
halten vermochte, verdankt sie 
kaum nennenswerten Subvei 
offentlicher Stellen, sondern v 
Zuschüssen aus eigener Tasc 
fast jedes Jahr notwendig wa 
nur ganz wenige der gezeigte 
stellungen auch kunsthändleri 
Geschäft wurden. Der Wille, 
zuhalten und möglichst das zu 
wofür man auch wirklich einzi 
gewillt ist, war und ist aucl- 
noch das mit Opfern verbundc 
und Auf der einmal eingeschl 
Galerietaktik und Haltung. 
Viele, wenn auch nicht alle 1 
des bisherigen Programmes si 
jetzt auch in den drei Jubiläu 
stellungen auf. Der erste Teil 
Kunstrevue konfrontierte vorm 
mit Malern und Bildhauern a1 
meditativer Richtungen. Von 
waren Karl und Uta Prantl, Lei 
brust, Herbert Baumann un( 
Soulages mit besonders schön 
ausgewogenen Beispielen, mi 
scher Griechenbeislware", vr 
Johann Fruhmann zeigte ein 
Dispersionsfarbenbild von 
ordentlicher Subtilität, datiert 
Christa Hauer-Fruhmann, die 
zerin und Leiterin der Galer 
kleine Olbilder in leuchtenden 
rit. Ein handgewebter Bildtepp 
Fritz Fliedl verrät lndividualitä 
gleichen eine ins Überdimer 
vergrößerte „Graphik" von G 
Fabian. Manches graphischi 
anderer (z. B. von Janez Berr 
dem Schweizer Spescha) zeig 
doch auch deutliche Schwäcr 
..Ermüdungserscheinungen", d 
zuletzt der Wechsel von Stilricl 
und Tendenzen mit sich brir 
die nur vor Werken mit übe 
schnittlicher Qualität haltr 
Alles in allem eine Ausstellur 
gie, die aktuelle und retroe 
Information auf breiter, zu Verg 
anregender Basis bietet. 
Bereits vor dieser Ausstellur 
präsentierte dieselbe Galeri 
Personale des Objekteforme 
Plastikers Jörg Schwarzenberg 
bildung 7). DE! 1 943 in Wien g. 
Künstler zählt zu jenen Bildn 
ihre eigene Arbeit auf der Bas 
permanenten Dialoges reflektie 
daraus Erkenntnisse zukünftig 
wicklung zu ziehen. „lch glau
	        

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