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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 111)

Die in dem Almanach enthaltenen Illustratio- 
nen Moritz von Schwinds finden bisher weder 
in der Fachliteratur noch im (Euvre-Katalog 
des Meisters Erwähnung. Daß selbst die 
ungarische Forschung in den Vorlagen dieser 
Stiche nicht Originalzeichnungen des jun- 
gen Moritz von Schwind vermutete, findet 
seine naheliegende Erklärung darin, daß zur 
gleichen Zeit in Ungarn ein Graphiker und 
Buchillustrator namens Karl Schwindt lebte 
und wirkte, dem die heimischen Forscher die 
bewußten Zeichnungen zuschriehen. Unsere 
Attribution wird aber nicht allein von der 
Künstlersignatur „v. Schwind" einwandfrei 
bestätigt, sondern auch durch eine stilkritische 
Untersuchung. Die Art und Weise der Linien- 
führung, charakteristische Merkmale der Form- 
gestaltung, die zarten, ihrem Ende zu merklich 
verschmälerten Finger der Hände, elegant an- 
mutige Frauengesichter, die ungebrochene 
Fortsetzung der Stirnebene in der geraden 
Nase, die sorgfältige Zeichnung der vornehm 
herabfallenden Kleiderfalten verweisen selbst 
vor dem Eingehen auf weitere Einzelheiten 
unmißverständlich auf ihren Schöpfer und 
ließen sich selbst in Unkenntnis des Almanach- 
Jahrganges mit hinlänglicher Gewißheit da- 
tieren. 1826, vor seiner endgültigen Über- 
siedlung aus Wien nach München, war Moritz 
von Schwind bereits im Vollbesitz jener künst- 
lerischen Ausdrucksmittel, die er sich auf der 
Wiener Kunstakademie von seinen Lehr- 
meistern und dem Künstlerkreis, in dem er 
verkehrte, angeeignet hatte. Seine Sicherheit 
im Zeichnen verdankte er, neben dem fleißigen 
Üben, den auf der Wiener Akademie noch 
lebendigen und sorgsam gepflegten Mengs- 
und Füger-Traditionen. Daher auch die in 
seinen Zeichnungen zutage tretende klassi- 
zistische Tendenz, die sich unter den hier be- 
sprochenen vier Bildern am deutlichsten in der 
symbolischen Titelblattkomposition „Vater- 
landsliebe" erkennen läßt, aber auch für die 
wolkenumhüllte himmlische Vision des jungen 
Paares in der Illustration zu Vörösmartys 
Gedicht bezeichnend ist. Freilich macht sich 
in Schwinds künstlerischem Schaffen auch der 
romantisch sentimentale Einfluß seines Lehr- 
meisters Ludwig Schnorr von Carolsfeld gel- 
tend. Es genügt, in diesem Zusammenhang 
auf die romantischen Elemente seiner Kom- 
positionen zu verweisen, die Ruinen und 
anderweitigen architektonischen Details der 
Bildhintergründe, die mystische Beleuchtung 
der Interieurs und nicht zuletzt auf die unbe- 
kümmerte Geringschätzung der kostüm- und 
trachtengeschichtlichen Wirklichkeitstreue in 
der Kleidung seiner Figuren. Neben diesen 
klassizistischen und romantischen Einschlägen 
tritt aber in der zuletzt besprochenen Illustra- 
tion zur Rabenstein-Erzählung schon die per- 
sönliche Note des Künstlers stärker hervor. 
Der von den Schwindischen Waldlandschaften 
ausgehende eigentümliche Zauber und gewisse 
Frühbiedermeier-Tugenden des Meisters kom- 
men in der intimen Stimmung der Gartenszene 
schon ganz deutlich zur Geltung. Die zuweilen 
recht anspruchsvollen Kompositionen und 
zahlreiche feine Details der vier Buchillustra- 
tionen lassen sich den schönsten Stücken seines 
(Euvres getrost zur Seite stellen. Das findet 
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z. T. darin seine Erklärung, daß es sich bei 
diesen zwar im Vorhinein mit illustrativer Ab- 
sicht, aber mit lückenhafter Kenntnis der zu 
illustrierenden Textstellen geschaffenen Zeich- 
nungen eher um selbständige Schöpfungen 
handelt als um visuelle Veranschaulichungcn 
des im Text Gesagten. 
Bei dem Versuch einer angemessenen Ein- 
ordnung der vier Almanach-Illustrationen in 
Schwinds Gesamtwerk an Zeichnungen, Aqua- 
rellen und Ölgemälden findet sich in den 
zwischen 1820 und 1830 entstandenen Werken 
eine Fülle verwandter Figuren und anderwei- 
tiger Analogien, ähnlich geformter weiblicher 
Gesichtszüge, identischer Gesten und wesens- 
verwandter milieuformender Motive. Die alle- 
gotische FrauenHgur der Vaterlandsliebe ge- 
hört dem Quellennymphen-Typus an, die um 
sie gruppierten drei Kinder könnten Brüder 
der in den dreißiger Jahren gemalten Amoret- 
ten der Figdor-Sammlung sein. Man könnte 
sie mit gleichem Recht auch den Figuren des 
Kinderfrieses in der einstigen Münchner Resi- 
denz beigesellen, wenn auch in den für Kis- 
faludys Almanach angefertigten Kupferstichen 
manches von der ursprünglichen anmutigen 
Frische und weichen Geschmeidigkeit der Kin- 
derkörper verlorenging und erstarrte. Den 
architektonischen Elementen des harmonisch 
durchkomponierten Hintergrundes begegnet 
man zwar in der gleichen Zusammenstellung 
auf keinem anderen Bilde Schwinds, aber der 
profilierte Torbogenrest, die Mauer mit den 
sorgfältig gezeichneten Stein- oder Ziegelfugen 
und die Silhouette der im fernen Hintergrund 
emporragenden Burg gehören zum üblichen 
Requisitorium der Schwind'schen Taschen- 
buchillustrationen und Freskenentwürfe. Im 
Interieur seiner Illustration zu Kölcseys „Blut- 
hochzeit von Csakany" schufder junge Meister 
mit Hilfe des von einer starken Lampe in der 
Mitte des oberen Bildrandes einfallenden, vom 
weißen Seidenvorhang des Hintergrundes und 
vom hlütenweißen Atlaskleid der Braut re- 
Hektierten Schlaglichtes eine in keinem seiner 
anderen Werke wiederholte dramatische Atmo- 
sphäre. Hingegen gibt es für die schön ge- 
fügten, die Tiefenwirkung steigernden Boden- 
diesen mehrfache Pendants in Schwinds Le- 
benswerk. Varianten der für seine damalige 
Schaffcnsperiode bezeichnenden raffaelesken 
Frauenfigur mit dem Rosengewinde im Haar 
begegnet man u. a. auf den Stichen der „Grä- 
ber- und Todesgedanken" sowie auf dem 
Deckblatt des „Taschenbuches für Vaterländi- 
sche Geschichte". Das Spiegelbild des mit 
vorgehaltenen Armen und gespreizten Fingern 
vorwärtsschreitenden Türken erblickt man im 
Faust des 1833 zu Bechsteins Faustus gezeich- 
neten, „Liebe" überschriebcnen Blattes. Ana- 
loge Motive, wie sie Schwind in der Illustra- 
tion zu Vörösmartys „Feental" verwendet, 
finden sich in dem 1822 geschaffenen „Traum 
des Ritters" wieder. Das gleiche Thema griR" 
der Meister um 1860 von neuem auf, doch 
steht seltsamerweise die Haltung des schlafen- 
den Ritters ebenso wie seine Gesichtszüge der 
liegenden Figur der ,,Feental"-Illustration 
näher als seinem Gegenstück im „Traum des 
Ritters". Auf unserem Blatt hält der Sieger das 
Schwert schlagbereit in der erhobenen Rech- 
ten, während seine Linke einen Schild von 
länglicher Rechteckform umklammert. Wie 
eine der Figuren der Bilderfolge „Die Turniere 
der Ritter" steht der Gepanzerte mit ge- 
grätschten Beinen vor dem Besiegten. Einer 
Analogie des eigenartigen Schildes begegnet 
man in der Hand des Gubernators Hungariae 
Johann Hunyadi in der im Auftrag Graf 
Ferenc Nadasdys 1664 unter dem Titel „Mau- 
soleum" in Nürnberg herausgegebenen Bilder- 
galerie der ungarischen Herrscher, mit der 
sich Schwind 1824 vertraut gemacht hatte, als 
er diese Kupferstiche im Steindruckverfahren 
auf Schieferplattcn übertrug. Der vierten hier 
besprochenen Almanach-Illustration, der Bild- 
beilage zur Erzählung „Rabensteinff, steht 
„Das Käthchen von Heilbronn", ein im glei- 
chen Jahr 1826 vollendetes Ölgemälde, am 
nächsten, wenn es sich bei diesem auch keines- 
wegs um eine thematische Verwandtschaft 
oder kompositionelle Übereinstimmung han- 
delt, sondern lediglich um eine inhaltsbedingte 
Ähnlichkeit der in beiden Bildern geschaffenen 
Stimmung, die in der identisch gestalteten 
landschaftlichen Umgebung, im dichten Laub- 
werk und in den Blumen der üppigen Vege- 
tation ihren Ausdruck findet. Die gleich großen 
Reproduktionen der beiden Bilder lassen uns 
das unterschiedliche Format der Originale ver- 
gessen und um so deutlicher die Ähnlichkeit 
der beiden weiblichen Figuren, ihrer feinen 
Gesichtszüge und ihrer übereinstimmenden 
Haartracht empfinden: Zeichen ihrer Zusam- 
mengehörigkeit und identischen Autorschaft. 
Die Illustrationen zum Jahrgang 1827 der 
Aurora entstanden1826. Wie der junge Schwind 
zu dem Auftrag kam, diesen Band zu illustrie- 
ren, läßt sich unschwer erklären, hält man sich 
vor Augen, daß es niemand anderer als sein 
Wiener Lehrmeister Ludwig Schnorr von 
Carolsfeld war, der die Bilder zum Jahrgang 
1825 geliefert hatte. Die zwischenliegende 
Almanach-Ausgabe des Jahres 1826 illustrierte 
der Redakteur und Herausgeber Kisfaludy 
eigenhändig (und mit der gleichen Absicht 
trug er sich auch für das nächste Jahr), doch 
sah er sich durch verschiedene Umstände dazu 
gezwungen i oder, man könnte auch sagen, 
dank besserer materieller Verhältnisse in die 
Lage versetzt i, mit der Illustration des Jahr- 
gangs 1827 einen Wiener Meister zu betrauen. 
Die Vermutung liegt nahe, daß Schnorr von 
Carolsfeld an seiner Statt seinen begabten 
Schüler Moritz von Schwind empfahl, der zu 
jener Zeit mit materiellen Schwierigkeiten zu 
kämpfen, sich andernteils aber mit ähnlichen 
Arbeiten bereits einen Namen gemacht hatte. 
Nach diesem einmaligen Auftrag brach die 
Verbindung zwischen Kisfaludy und dem 
jungen Wiener Meister ab, der sich zu jener 
Zeit schon ernsthaft mit dem Gedanken be- 
schäftigte, Wohnsitz und Wirkungsstätte end- 
gültig nach München zu verlegen. Mit der 
Illustration des nachfolgenden Aurora-Bandes 
beauftragte Kisfaludy den in Wien geborenen, 
aber damals schon in Buda tätigen Alexander 
Clarot. Als er sich 1829 abermals an einen 
Wiener Meister wandte, arbeitete Schwind 
bereits in München, so daß die Wahl diesmal 
auf Johann Ender fiel.
	        

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