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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 112)

Ludwig I. von Bayern war der Initiator und 
Bauherr des ersten monumentalen Museums 2. 
In seiner Glyptothek (Abb. 1) verschmolzen 
die Sammlung antiker Kunstwerke, das dafür 
neu geschaffene Bauwerk und die Bildpro- 
gramme der plastischen und malerischen 
Ausstattung zum ersten Monument einer 
neuen Kunstverehrung. Die Glyptothek war 
die künstlerische Verkörperung der von Wink- 
kelmann begründeten kunstgeschichtlichen 
Bestrebungen, die Aufstellungsordnung der 
Sammlung in geschichtlicher Reihenfolge war 
die erste künstlerisch geformte Verwirklichung 
der neuen Vorstellung vom Ablauf der antiken 
Kunstgeschichte. - Seit 1808 hatte Ludwig 
die Sammlung zusammentragen lassen. Von 
ihm stammte die Idee, ein Bauwerk dafür zu 
errichten und der Öffentlichkeit zugänglich zu 
machen. Er bestimmte 1815, nach einem 
ergebnislosen Wettbewerb, den fähigsten 
Architekten, Leo von Klenze, dessen Intelligenz 
Form, Aufstellungsordnung und Bildpro- 
gramm des einzigartigen Werkes zu danken 
sind. Er finanzierte Sammlung und Bau selbst 
aus den kronprinzlichen Privatmitteln 3. 
Doch die Glyptothek war nur der erste Bau 
eines größeren Museumsprogramms, das 
Ludwig in seiner Regierungszeit für München 
entwickelte. Noch als Kronprinz unterstützte 
er den von Leo von Klenze und Galerie- 
direktor Georg von Dillis eingebrachten Plan 
zu einem großen Gemäldemuseum, der Pina- 
kothek (Abb. 2), in der etwa 1400 Bilder des 
ungefähr 9000 Nummern zählenden könig- 
lichen Gemäldebesitzes ebenfalls öffentlich zu- 
gänglich gemacht werden konnten. Sie sollte 
das Antikenmuseum ergänzen. Bevor dieses 
1830 vollendet war, ließ Ludwig, nachdem 
er König geworden war, am Geburtstage 
Raffaels 1826 den Grundstein zu dem neuen 
Bau legen. Das neue Werk Klenzes war die 
erste reine Gemäldegalerie, vorbildlich für den 
weiteren Bau von Galerien im 19. Jahrhundert, 
der erste Bau, der konsequent und bewußt von 
der inneren Organisation ausgehend geformt 
wurde, die erste bedeutende Architektur des 
19. Jahrhunderts, die Hochrenaissanceformen 
aufnahm 4. 
Der Bauherr schuf sich in beiden Werken ein 
Denkmal, das in seiner Bedeutung neben das 
große Berliner MuseumS trat, das sich die 
Hohenzollern dem Schloß gegenüber hatten 
errichten lassen. Seine besondere Eigenart 
bildete die Trennung von Antikengebäude 
und Gemäldegalerie, die in Berlin von vorn- 
herein vereint geplant waren. 
Nach 1840 begann der Schwager Ludwigs, 
Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, seine 
umfangreichen, zum Teil selbst entworfenen 
Pläne für ein „Zentrum der Kunst und Wis- 
senschaft" auf der Spree-Insel hinter dem 
Schinkel-Museum ausführen zu lassen. Seit 
1841 baute sein Baurat August Stüler an einem 
ersten Teilprojekt, dem Neuen Museum 6. 
16 
gutigcii, a iutguus v van 
zum Bau des neuen Museums. Er versprach, 
den Wünschen des Bauherrn gefügiger zu 
sein als Klenze, der es verstanden hatte, dem 
König gegenüber seine eigenen Vorstellungen 
durchzusetzen. Nachdem Voits Entwurf „in 
allen Theilen von dem königlichen Bauheirn 
geprüft und gutgeheißen war", wurde der 
Bau im Oktober 1846 begonnen. Auch dieses 
Vorhaben war wie seine beiden Vorgänger 
von ungewöhnlicher Bedeutung. Vor ihm gab 
es kein Museum, das allein für zeitgenössische 
und zukünftige Kunstwerke bestimmt, kein 
Museum, das nicht auf einen konstanten, nicht 
mehr zu ergänzenden Bestand zugeschnitten 
war. Es wurde wie die Glyptothek aus Ludwigs 
Privatmitteln finanziert. Nach seiner Ab- 
dankung 1848 konnte Ludwig es daher unge- 
stört zu Ende führen lassen7. 
s w. .,......... _.-.. ..... "g 
Friedrich Wilhelms IV. großartige Pläne für 
Berlin scheiterten nach der Revolution 1848. 
Nur ein Fragment, das Neue Museum, 
konnte fertiggestellt werden. Das einzige, der 
Münchener Museumskonzeption vergleich- 
bare, sie vielleicht übertreffende Vorhaben der 
Zeit kam nicht zustande. 
Ludwig dagegen setzte seine Museumsvor- 
haben vollständig in die Tat um. Seine Kon- 
zeption von drei Bauten, in denen dem Volke 
die Kunstwerke, die die Wittelsbacher und 
Ludwig selbst gesammelt hatten, in einer 
nahezu universalen Vielfalt dargeboten werden 
sollten, war in ihrer Zeit einmalig. Erst zwei 
Jahrzehnte später führte Sempers Plan der 
Wiener Hofmuseen zu einer organisatorisch 
noch umfangreicheren und architektonisch ein- 
heitlichen Museumsanlage. 
Die Bedeutung der Münchner Museums- 
konzeption und das Verdienst ihres Schöpfers 
wurde bisher kaum empfunden und klar aus- 
gesprochen. Die Bedeutung der Museen als 
eigene Kunstwerke blieb verborgen. Daher 
fanden die Zusammenhänge ihrer umfang- 
reichen Bildprogramme bisher auch kein 
Interesse. 
Für die Erhaltung der Museen und ihrer 
Programme nach den Kriegszerstörungen war 
die bisherige Verständnislosigkeit vernichtend. 
w Die Glyptothek stand lange ohne Dach und 
mit beschädigten Gewölben, so daß die Stuck- 
dekoration und die Fresken des Peter Cornelius 
von der Witterung angegriffen wurden. Die 
Restauratoren konservierten das ungefähre 
äußere Erscheinungsbild des Bauwerkes, die 
Fresken konnten sie anscheinend nicht mehr 
retten, die Stuckausstattung rissen sie gänzlich 
heraus. Das alte Innere der Glyptothek scheint 
dadurch unwiederbringlich zerstört, ohne daß 
man sich über den Verlust recht im klaren ist. 
- Die Pinakothek wurde ähnlich schwer be- 
schädigt. Hier hat man den Außenbau nicht 
wiederhergestellt, sondern die mit rohem 
Backsteinmauerwerk ausgeliickten Kriegsnar- 
ben sichtbar gelassen. Im Innern wurde das 
alte östliche Treppenhaus durch eine doppel- 
__- .... _........__g 
ständnislos beeinträchtigt. Von der alten . 
stattung blieb nichts erhalten. 4 Am schli 
sten waren die Beschädigungen der Nl 
Pinakothek. Sie wurde nach dem Kriege 
gerissen. f Eine Würdigung der Bauten 
ihrer Programme muß sich heute bereits 
Rekonstruktionen stützen. 
„ . . .Die Gebäude, welche der hohe 
Ludwigs I. für die Aufbewahrung äl 
Kunstwerke und als Träger neuer Schöpful 
der Plastik und Malerei . . . aufführen lic 
waren mit ihren heute zum größten Teil 
störten Bildprogrammen einzigartige Qu 
zur Erkenntnis der Gedanken, die LLN 
und die mitwirkenden Künstler leiteten, 
Erhellung der Geschichte der Kunst und 
Kunstanschauung des 19. Jahrhunderts. 
Programme können darüber hinaus als 
wichtiges Selbstzeugnis Ludwigs I. ge 
Ihre Interpretation gäbe Auskunft über 
Rolle, die die Zeit dem bayrischen Ki 
letztlich er sich selbst, als Kunstfört 
beimaß. 
Erst jetzt wurden Versuche gemacht, 
Programme zu rekonstruieren und ihre 
halte im Zusammenhang darzustelleng. 
würfe, Reste der Bildprogramme oder 
haltene Wiedergaben, alte Ansichten, Baup 
Aktenstücke und die Beschreibungen in 
ersten Katalogen und alten Kunstführerl 
lauberl, das vorher Versäumte nachzuholer 
ANMERKUNGEN i-is 
I llll Volker Plagemann, Das Deutsche Kunstmuseum 1'. 
isvo, Lage. Baukörper, ltauinntganisatipn, Bildprog 
Müllrhen, 1961, sind die Bildprogralaame der Mii 
Museen ' den entsprechenden Abschnitten getrennt v 
andcr knapp umrissen. D2 hier wie dort ikonogrä 
Tathcsun aufgezeichnet werden sollten, licßt-n sich 
holungen nicht vermeiden. soweit es um dic gleiche! 
bestände ging. 
vctcs Böttger hin ich fur Einblicke in sein nisscttatinns 
skri t und erhellende Gespräche dankbar. Christine 
lial lnir bei ilct Abfassung des Manuskriptes (Stand 
1 Zum Begriff des Muscunis als Monument siehe Plag 
1967. s. 10 und 1967192; zum ßcgtitr dcs Muscu 
Gesalntkunstwcrk siehe Peter Böttger, Die Alt: Pina 
in Mullchen 7 ein Museumsgcbäude des w. Jahrhu 
Phil. niss. uunn 196a. Schlußkapitel. 
ß Zur Gly rolhek siehe Plagemann 1967, s. 41-64. 
- zut Pinzl oihck siehe Plagemann 1967, s. 82-92, und r 
1968. 
52H!!! Berliner Museum siclic Plagematul 1961, s. ta 
ß zinn Nciicn Muscuni in Berlin siehe Plagemann 1967, 
bis 126. 
1 zut Neuen Pinakothek siehe Plagemann 1957. s. 127 
Wßmer Mittlmcier bereitet eine oisscttstipu über die 
Pinakothek vor. 
ß Lco von Klenze, Sammlung architektonischer lantwiitr. 
v Für alle drei ht-handcltcu Museen: Plagemann 1961; I 
Altc Pinakothek: Börtger 196a; tut dic Neue Pinak 
ilit- angekündigte Dissertation von Werner Minlmcic 
Mit dctn Programm der Ncucn Pinakothek beschtiftig 
jedoch schtin 1921 cin lokalhistorischcr Aufsatz von o. sc 
herg. Die ehemaligen Fresken an der neuen Pinakot 
Miinclicn. zutn vs. Gedenktag der Grundsteinlegul 
12, Oktober 1:146, Das Bayerland, Jg. 2a, 1921, s. l- 
w Ludwig war stcts über die Beratungen informiert und 
tlulltt: "c wesentlich. Nachweislich sprach Klenze init 
lin über die Giebelsklllpturen (München, Geheimes 
nrc 11V! Briefwechsel Klenzes mit Kronprinz Ludwig, 1. l 
Nr. a9. Brief VOln 2a. u. um). Mattin von Wagner tt 
Entwurf der Giebelskulpturen bei. Von Comelius stain 
Programm der Freskomalereien. Er soll sich vor allc 
Niehuhr, Schelling, dcni Münchner Leibarzt Ringseii 
Philologen Friedrich Tlaimcb und dctn Kunsthistoriki 
Rumohr beraten haben (vgl. Herbert von Einem, 
Comelius. Wallxaf-Richartz-Jahrbuch 16. 1954, c . 113 
"Zeichnungen zum Gicbelrelicf befinden sich im Mü 
Sladlmuscum, Maillinger-Sammlung. 
l? Zitate nach Rudolf und Hermann MarggralT. Müuch 
 KHXlSlSChäIZCD und Merkwürdigkeiten. NlünCbül 
u Vgl. Heinrich Schwarz und Volker Plagcinasiu, Eule, 
im Reallexikon zur ocutschcn Kunstgeschichte ud. s 
H zitatc nach Matggtatr. 1346. s. 392. 
u Leo von Klenze und Ludwig Schom, Beschreibung der c 
älgälö s. Majestät des Königs Ludwig l. von Bayern, M. 
 
 

	        

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