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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 112)

Alle Pinakafbek 
Das Bildprogramm der Alten Pinakothek 
(Abb. 2, 8-12) konzentrierte sich „ganz im 
Sinne des Monarchen und dem Zweck des 
Baues vollkommen entsprechendWO auf „die 
geschichtliche Entwicklung der Kunst, haupt- 
sächlich der Malerei im Mittelalter, von der 
Epoche ihres Wiederauflebens im dreizehnten 
Jahrhundert, in ihrem Verlaufe bis zur Mitte 
des siebzehnten ]ahrhunderts"2l. Es bestand 
aus Statuen am Außenbau, Skulpturen zu 
seiten des Einganges, dem malerischen und 
plastischen Programm des Saales der Stifter, 
einem großen Zyklus von Wandmalereien in 
den dafür vorgesehenen Loggien an der Süd- 
wand des Obergeschosses und einzelnen 
Hinweisen in den Gemäldesälen. 
Am Außenbau standen auf der Balustrade der 
Südfassade, also über den sogenannten Log- 
gien, die Standbilder von 24 Malern (Abb. 2), 
„welche in der Entwicklung der christlichen 
Malerei neue Richtungen und Fortschritte 
bezeichnen" 12 (von rechts nach links): Do- 
menichino, Correggio, Andrea del Sarto, 
Giovanni Bellini, Tizian, Raffael, Michelangelo, 
Ghirlandaio, Perugino, Leonardo da Vinci, 
Masaccio, Fra Angelico, Francesco Francia, 
Poussin, Claude Lorrain, Murillo, Velazquez, 
van Dyck, Rubens, Erhard Schön, Holbein, 
Dürer, Memling, van Eyckll. 
Neben dem Eingang zur Gemäldegalerie an 
der Ostfassade liegen zwei bayrische Löwen. 
Sie entsprechen der Reihe preußischer Adler 
über der Säulenhalle des Berliner Museums. 
Im Innern betrat man zuerst den „reich ver- 
zierten, mit rothen, in München gewirkten, 
seidenen Tapeten geschmückten"l4 Saal der 
Stifter, der die Bildnisse der bayrischen Herr- 
scher enthielt, die „jene herrlichen Gemälde 
einzeln gesammelt, und in verschiedenen 
Gallerien aufgestellt hatten, welche man nun 
vereint in den Sälen und Cabinetten der Pina- 
kothek zu bewundern im Begriffe stcht"15. 
Auf der dem Eingang gegenüberliegenden 
Wand befanden sich das Bild des Kurfürsten 
johann Wilhelm von der Pfalz, „Stifters der 
ehemaligen Düsseldorfer Gallerie"26, und des 
Kurfürsten Maximilian Emanuel von Bayern, 
„Stifters der Schleissheimer Gemälde-Gal- 
leric"27, auf der Wand der Eingangstür das 
Bildnis des Kurfürsten Maximilian I. von 
Bayern, „Stifters der Gemälde-Gallerie in der 
von ihm erbauten Residenz"23 und des 
Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz, 
„Stifters der Gemälde-Gallerie zu Mann- 
heim"29, neben dem Eingang zum ersten 
Saal das Bild des Königs Maximilian joseph I., 
„Gründers der Pinakothek" 30, und des Königs 
Ludwig I. von Bayern, „Erbauers der Pinako- 
thek" 31. - Ein Fries unter dem Gesims ent- 
hielt Medaillons mit Reliefdarstellungen aus 
der bayrischen Geschichte: 
„1. Garibald wird mit Waltrada getraut, 574. 
2. Die Einführung geschriebener Gesetze, 641. 
3. Arnulf wciset die hungarischen Gesandten 
ab, 911. 
4. Luitpolds Tod im Kampfe gegen die 
Hunnen, 907. 
5. Heinrich der Löwe baut München, 1175. 
6. Otto von Wittelsbach wird vom Kaiser mit 
Bayern belehnt, 1180. 
7. Ludwig der Bayer vertraut Land, Krone 
und seine Kinder Friedrich dem Schönen 
von Oesterreich, 1335. 
8. Die Schlacht bei Giengen, 1462. 
9. Albrecht der Weise, Beförderer der Künste, 
1560. 
10. Wilhelm V., Vater der Armen, 1553. 
11. Maximilian I. wird mit der Pfalz belehnt, 
1623. 
12. Maximilian Emanuel schließt Frieden mit 
den Türken, 1688. 
13. Maximilian I., König von Bayern, 1806. 
14. König Ludwig I. legt den Grundstein zur 
Walhalla, 1830" 32. 
Der Bauherr ließ sich und einige seiner Vor- 
fahren als die Stifter der Pinakothek darstellen, 
damit die engen Beziehungen der Geschichte 
der Sammlung mit der des Herrscherhauses 
und damit die Verdienste der Herrscher um 
die Sammlung deutlich wurden. Durch die 
Verknüpfung der Stifterbildnisse mit den 
Darstellungen aus der Geschichte Bayerns 
versuchte er, diese Maßnahme, die als bloßer 
Wunsch nach Repräsentation erscheinen 
konnte, zu legitimieren. Das Museum erschien 
nicht nur als „ein sprechender Zeuge von dem 
regen Kunstsinne seines erlauchten Grün- 
ders" 33 und dessen Vorfahren, sondern wurde 
als Monument der Geschichte Bayerns und 
seines Herrscherhauses interpretiert. 
Hauptteil des Bildprogramms war die Aus- 
malung der Loggien (Abb. 9i11) mit den 
Darstellungen zur Kunstgeschichte nach Ent- 
würfen von Peter Cornelius, der nach Ideen- 
reichtum und Umfang bedeutendste male- 
rische Zyklus zur Kunstgeschichte, den die 
Kunst des 19. Jahrhunderts hervorgebracht 
hat 34. 
Die von Peter Cornelius und Clemens Zim- 
mermann 1840 herausgegebene „Beschreibung 
der Fresko-Malereien in den Loggien der 
königl. Pinakothek zu München" erläuterte 
die Anordnung und Themenwahl: 
„Die Disposition des Bilder-Cyklus ist hier 
durch die architektonische Eintheilung des 
Ortes bedingt. Der ganze Corridor, 419' lang, 
18' breit und 29' hoch, enthält 25 Bogen- 
stellungen, die mit eben so vielen auf Wand- 
pfeilern ruhenden flachen Kuppeln über- 
wölbt sind. Nur diese Kuppeln und die an der 
Wand darunter befindlichen Lünetten sind mit 
Fresken geschmückt, und enthalten in einer 
reichen Fassung von Arabesken, bildliche 
Darstellungen, theils historischen, theils alle- 
gorischen oder symbolisch erläuternden In- 
halts, wobei durchgängig die Einflechtung des 
Mythologischen und Antiken den Grund- 
gedanken durchschimrnern läßt, daß die neuere 
Kunst auf der Grundlage der Kunst des klas- 
sischen Altertums ruhe. Die ersten dreizehn 
Kuppeln und Lünetten haben die Geschichte 
der Malerei in Italien zum Gegenstand, die 
zwölf übrigen beziehen sich auf die Entwick- 
lung der Kunst in Deutschland, Frankreich 
und den Niederlanden. jede Kuppel ist irgend- 
einem der einflußreichsten Künstler, oder auch 
einer ganzen Schule zugetheilt. 
Raphael von Urbino, als derjenige, welchem 
wegen des seltenen Vereins der erhabensten 
künstlerischen Eigenschaften vor allen andern 
der Vorzug der Einzigkeit einzuräumen ist, 
steht im Mittelpunkt des Ganzen. Er hat die 
dreizehnte Loggia inne. In den Loggien, 
Anfang und Ende des Corridors finden sich 
die ersten Entwicklungsmornente der wieder- 
erstehenden Kunst, und die Uebergänge 
zur Gründung der frühesten Kunstschulen, 
dort in Italien hier in Deutschland. Von da 
aus folgen sich zu beiden Seiten gegen die 
Mitte hin chronologisch fortschreitend, die 
spatern Meister und Schulen. Dabei ist die 
Reihenfolge dergestalt angeordnet, daß von 
der Mitte der Loggia des Raphael aus, so viel 
als möglich, je nach den verschiedenen Epo- 
chen, die in ihrer Geistesrichtung und Wirk- 
samkeit verwandtesten Künstler immer cin- 
ander gegenübergestellt sind. So entsprechen 
sich z. B. die Loggien des Angeliko da Fiesole 
und der Geschwister van Eyck, des Leonardo 
da Vinci und des Albert Dürer, des Michel 
Angelo und des Peter Paul Rubens u. s. w. 
Im Sinne dieser, nach Innen wie nach Außen, 
symetrischen Anordnung, wiederholen sich 
auch jedesmal in den einander entsprechenden 
Loggien die Feldercintheilungen, die Beiwerke 
der Arabesken, zum Theil auch die Alle- 
gorien und symbolischen Darstellungen. Des- 
gleichen ist um dieser Bedingung einer archi- 
tektonisch-symetrischen Austheilung zu ge- 
nügen, in den beiden Lünetten über den Thüren 
am Ein- und Ausgang, ein und dieselbe Dar- 
stellung angebracht. Ein Löwe als das Wappen- 
tier Bayerns, überwältigt die gegen ihn an- 
kämpfende Schlange; an ihn lehnen sich zu 
beiden Seiten weibliche Gestalten mit Fackeln, 
Palmzweigen, Kränzen; die darüberschweben- 
den Genien halten in einem Eichenkranz die 
Namens-Chiffre des Königs Ludwig empor: 
sinnbildlich anzudeuten, daß die Kunst in 
Bayern ein schützendes Asyl gefunden, und 
Wem sie dieß zu danken habe; in der weib- 
lichen Gestalt zur Rechten ist die Geschichts- 
malerei personiiiziert, die Kränze in der Hand 
der Gestalt zur Linken, beziehen sich auf den 
Preis und Ruhm großer Künstler auch in den 
anderen Kunstgebieten: der Bildniß-, Land- 
schafts- und Genre-Malerei. 
Auf den größeren WandHächen der einzelnen 
Loggien Enden sich die Namen der Städte 
verzeichnet, in denen zu seiner Zeit die Künste 
vorzüglich geblüht haben. Zur Vervollstän- 
digung des Kreises von Künstlern, deren 
Leben und Wirken meistens den Inhalt der 
Gemälde ausmacht, schließen die Bogenwinkel 
jeder Kuppel, immer je vier Medaillons, mit 
plastisch dargestellten Bildnissen derjenigen 
berühmten Maler in sich, welche zu den Haupt- 
meistern als ihre Schüler, Anhänger oder Zeit- 
genossen in einem näheren Verhältnisse ste- 
hen"35. 
Über diese Zusammenfassung hinaus gaben 
Cornelius und Zimmermann eine genaue 
Schilderung aller Einzelheiten des Pro- 
gramms36. 
Die Szenen, die Cornelius ausgewählt hatte, 
um kunstgeschichtliche Zusammenhänge dar- 
zustellen, waren nicht historisch getreu wieder- 
gegeben, sondern oft märchenhaft verklärt 
und anekdotisch ausgesponnen. Cornelius be- 
gnügte sich bewußt nicht mit historischen 
Fakten. „Bei der Bearbeitung des geschicht- 
lichen Stoifes sollten . . . nicht blos historisch- 
begründete Vorgänge den Inhalt der einzelnen 
Darstellungen ausmachen; auch auf bloße 
Sagen und Kunsttraditionen sollte dabei 
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