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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 112)

ohann Muschik 
DERSPASSMACHERVERBAND 
ION LAUSANNE- 
[UM DRITTEN INTER- 
IATIONALEN SALON DER 
SALERIE-PILOTES 
 
Was die Biennale von Venedig für Italien ist, das 
sind die Galeries-pilotes in Lausanne für die 
Schweiz: eine große internationale Revue, eine 
Messe, eine Novitäten-, eine Kunst- (oder Anti- 
kunsU-Modeschau, wenn man will. Treten in 
Venedig die Länder miteinander in Konkurrenz, so 
sind es in Lausanne die Galerien. In Paranthese: 
vielleicht konkurrenzieren die Galerien in Lausanne 
einander gar nicht. Sie ziehen letztlich an dem 
gleichen Strang und haben sich ja auch gemeinsam 
in den Rang der führenden, der bestimmenden, der 
,.Lotsen-Galerien" erhoben. Demgemäß wäre das, 
was sie zeigen, am Ende doch besser als die Mani- 
festation eines Zusammenwirkens zu betrachten - 
eines Verbandes, der sich vernahm, an der Insti- 
tutionalisierung jenes Betriebes von Spaßmachern 
und Spielzeugmachern mitzuwirken, zu dem diese 
Galerien gehören und der heute ganz allgemein 
mehr und mehr an Stelle der künstlerischen Pro- 
duktion, der Künstler und des Kunstmachens tritt, 
Rene Berger, Direktor des Kunstmuseums von 
Lausanne, ist der Leiter des Salons, ein inter- 
national renommierter Mann, was sich unter 
anderem auch darin ausdrückt, daß er neben Giulio 
Carlo Argan, Gillo Dorfles und Dietrich Mahlow 
zu dem vierköpfigen Konsulentenkomitee der 
diesjährigen Biennale von Venedig gehört. Die 
„Galeries-pilotes" treten in unregelmäßigen Zeit- 
abständen, alle paar Jahre zusammen, und es 
sind nicht immer genau die gleichen Galerien, 
welche unter diesem Ehrentitel auftreten. Einmal 
war sogar auch die Wiener Galerie nächst Sankt 
Stephan hier repräsentiert. Beim dritten, diesjährigen 
Salon der GaIeries-pilotes ist hier keine öster- 
reichische Galerie mehr, sondern bloß ein einziger 
österreichischer Künstler (im Rahmen einer deut- 
schen Galerie) zu finden. Die Galerie Schmela, 
Düsseldorf, nämlich zeigt eine Zeichnung Walter 
Pichlers. eine Art Raumfahreranzug darstellend. 
Was sie sonst zeigt, sind Bilder eines nicht üblen 
monochromen Malers namens Gotthard Graubner 
oder zum Beispiel auch die neueste Offenbarung 
von Josef Beuys: „Brunhilde in der Küche", ein 
etwas deformiertes Wesen. mit zwei, drei Pinsel- 
wischen auf einen Grund von drei, vier weißen 
Kuchenkacheln gemalt. 
Die Galeries-pilotes wurden von Flene Berger 
einst als „diejenigen Galerien bezeichnet, die in 
der Entdeckung ihre vornehmlichste Aufgabe se- 
hen". Und so haben sie Pop-Art und kinetische 
Kunst im Programm, „Environmental-Art", „Poor- 
Art", „Op-Art", „Mlnimal-Art", „Conceptual-Art" 
und „Neue Figuration". In bezug auf die letztere 
allerdings verhält das Lausanner Unternehmen sich 
eher zurückhaltend. Wären die Galerien Juana 
Mordo (Madrid), Moderna (Liubljana), Sonn- 
abend (Paris), Durant (Paris) und Studio Marconi 
(Milano) nicht, die das eine oder andere allenfalls 
Hierhergehörige zeigen a es ließe sich in dieser 
umfänglichen Schau kaum die Spur von figura- 
tiver Kunst erblicken. 
Was als qualitativ im Gedächtnis bleibt, ist der 
„Proust-Monolog" des Jugoslawen Mesko Kiar. 
Er setzt eine Linie ins Moderne fort, die bei Rem- 
brandt und Goya begann. Janez Bernik läßt einen 
roten „Thron" auf schwarzem Grund zusammen- 
brechen. Gabrijel Stupicas hellfarbiges ,.Kind mit 
Bouquet", zwischen Kinderzeichnung und Pi- 
cassos Kunst, hat feine malerische Nuancen. Der 
Spanier Pablo Serrano stellt ein prachtvolles 
realistisches Porträt in Bronze bei. Seines Lands- 
manns Rafael Canogar nachtschwarze und bleiche 
Komposition „EI Saludo" aus Händen und Köpfen, 
verwendet reliefartige Elemente im Bild. Der in 
Paris lebende Amerikaner Hugh Weiss stellt auf 
bissig-surrealistische Weise allerlei Aggressoren 
.,Unter dem Tisch" aus. Bei dem Italiener Enrico 
Baj erscheint ein „Punching-GeneraI" mit Orden. 
Damit ist die Liste figurativer Kunst in Lausanne, 
wenn man nicht auch noch das eine oder andere 
Werk der Pop-Kunst miteinbeziehen möchte, 
nahezu schon erschöpft. 
Dieser Salon der GaIeries-pilotes gehört den 
Spielzeugmachern und Spaßmachern der ver- 
schiedensten Art. So hat Rene Bertholo „WoIken" 
aus Aluminiumblech ausgeschnitten, die sich be- 
wegen, wenn man auf den Knopf eines Elektro- 
motors drückt. Das gleiche macht ein Schifflein 
aus Blech in einer anderen Piece des Künstl 
Carl Friedrich Reuterswärd bei Durant depor 
zerknülltes Zeitungspapier in einer Glasvitrine 
einem schwarzen Postament. Er ist der König 
Spaßmacher in diesem illustren Verband 
16 führenden Galerien und vielleicht nur noch du 
die rosa Filzreste zu konkurrenzieren, die Ro 
Morris für die Galerie Sonnabend in einer E 
liegen ließ, so als hätten die Arbeiter das Häufc 
bei Vollendung des Aufbaues der Ausstellung 4 
vergessen. 
Spielzeug höherer Art bedeutet die „Cybern 
Sculptur" von Wen-Ying-Tsai, welche die How: 
Wise-Gallery, New York, nach Lausanne gebrz 
hat, ein Gebilde gleichsam aus stählernen Halr 
mit farbigen Glasköpfen, die sich, wenn der 
trachter in die Hände klatscht oder singt c 
pfeift oder auch mit den Füßen aufstampft, 
einem dunklen Raum auf die graziöseste W 
bewegen; ein wenig Scheinwerferlicht spielt 
Zu den Späßen des Salons gehört ein in dl 
Scheiben geschnittener Baumstamm, den l 
Galerie aus dem Holzfällerland Kanada (um na 
nale Eigenart zu bekunden) quer in einen Teil 
Saals legte. Der Belgier Marcel Broodth: 
schrieb das Poem „Un coup de des" von Steph 
 
Mallarme mit Schneiderkreide auf drei blaue Blu 
die an der Wand hängen. Eine vierte, auf die Flll 
geschrieben wurde (damit man den Unterscl 
sieht), hängt daneben. 
Hat Marcel Duchamp einst Leonardos „M 
Lisa" dadurch verhöhnt, daß er ihr einen Schn 
bart und einen Ziegenbart aufmalte (allerdings 
auf einer Reproduktion), so will der biedere Bel 
Originalarbeiterblusen offenbar durch die 1 
schrift von Mallarme-Gedichten veredeln. Wie 1 
"verfremdet" (nicht wahr?), wie von plötzlich g 
anderer Wesensart ein aufgespannter Regenscl 
doch sein kann, wenn man ihn, mit der Spitze r 
unten, in einen mit Wasser halbgefüllten Blr 
bottich stellt! Das tat der Pole Tadeusz Ka 
in dem Raum der Galerie Foksal, Warschau, we 
zu den radikalsten der GaIerie-pilotes gel 
Der Nonsens geht über die ganze Welt. 
Mark Brusse, von der Galerie Mathias Fels in P 
erobert oder besetzt den Raum („Occupation 
l'espace"), indem er ihn in einen dicken H 
rahmen mit Glas davor oder auch in eine l 
sperrt. Ich fürchte, selbst dieses Werk der K 
oder Antikunst (was nachgerade gleichfalls e 
Ehrentitel bedeutet) wird seinen Käufer finde: 
wie die „Mauser-Zeit" des Tetsumi Kudo, 
Wägelchen, genannt „Sarg", von J. P. Rayn 
die „9 (Zuckerhut-Hdeen" von Erik Dietmann
	        

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