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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 113)

Diese Argumente fanden bei den Zeitgenossen 
wenig Achtung, sondern erregten die törich- 
testen Angriife. 
„Alles ist so schön und gut, wie es sich für 
seinen Zweck eignet, und so schlecht und 
häßlich, wie es sich für seinen Zweck schlecht 
eignet" , lehrte Sokrates und Loos folgerte: 
„Wir sehen also, daß die Schönheit eines 
Gebrauchsgegenstandes nur in bezug auf 
seinen Zweck vorhanden ist. Für den Ge- 
brauchsgegenstand gibt es keine absolute 
Schönheit." 
So könnte auch Sokrates' Dialog mit dem 
Panzerschmied Pistias mit gleichem Wortlaut 
bei Loos stehen, denn dort Endet sich die 
Forderung nach zweckgerechter anthropomor- 
pher Proportion und die Erklärung der Wert- 
freiheit des Ornaments an sich. 
Deshalb fand Loos die griechischen Vasen 
schön, „so schön wie eine Maschine, so schön 
wie ein Bicycle". Im gleichen Sinne stellte 
auch der amerikanische Bildhauer Horatio 
Greenough die Behauptung auf, das amerika- 
nische SegelschiH und der Plachenwagen der 
nach Westen ziehenden Kolonisten seien am 
meisten und nächsten mit dem ursprünglichen 
Athen verbunden, und in diesem Sinne der 
Synthese von Nützlichkeit und Schönheit be- 
zeichnete auch Goethe einen von ihm be- 
nutzten einfachen böhmischen Korb als anti- 
kisch. 
Wie aber Loos die Meinung nicht teilte, daß 
das Praktische die Schönheit ausschließe, so 
unbarmherzig bekämpfte er auch die übliche 
Auffassung von angewandter Kunst: „Kunst 
an den Gebrauchsgegenstand zu verschwenden 
ist Unkultur." Zur Bekräftigung zitierte er 
Goethe, den er einen modernen Menschen 
nannte: „Die Kunst, die dem Alten seine 
Fußböden bereitete und dem Christen seine 
Kirchenhimrnel wölbte, wird jetzt auf Dosen 
und Armbänder verkrümelt. Diese Zeiten sind 
schlechter, als man denkt." 
„Erst wenn das große Mißverständnis, daß 
die Kunst etwas ist, was einem Zweck an- 
gepaßt werden kann, überwunden sein wird, 
erst wenn das lügnerische Schlagwort ,an- 
gewandte Kunst" aus dem Sprachschatz der 
Völker verschwunden sein wird, erst dann 
werden wir die Architektur unserer Zeit 
haben." So predigte Loos, und auf Grund 
ihrer Zweckgebundenheit war daher auch die 
Architektur aus dem Bereiche der Kunst 
auszuscheiden. Loos zeigte die Unterschiede 
zwischen beiden auf: 
„Das Kunstwerk ist eine Privatangelegcnheit 
des Künstlers. 
Das Haus ist es nicht. 
Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne 
daß ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. 
Das Haus deckt ein Bedürfnis. 
Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich, 
das Haus einem jeden. 
Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer 
Bequemlichkeit reißen. 
Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. 
Das Kunstwerk ist revolutionär, 
das Haus konservativ. . 
Das Kunstwerk weist der Menschheit neue 
Wege. 
Das Haus denkt an die Gegenwart. 
10 
Der Mensch liebt alles, was seiner Bequemlich- 
keit dient. 
Er haßt alles, was ihn aus seiner gewonnenen 
und gesicherten Position reißen will und 
belästigt. 
Und so liebt er das Haus und haßt die Kunst. 
S0 hätte also das Haus nichts mit Kunst zu 
tun und wäre die Architektur nicht unter die 
Künste einzureihen? 
Es ist so." 
Mit der Feststellung, der Künstler habe nur 
sich selbst, der Architekt aber der Allgemein- 
heit zu dienen, bekräftigte Loos erneut die 
sozialen Bindungen der Architektur. Wie 
Sokrates sagte, es gäbe „kein Ebenmaß an 
sich, sondern nur in bezug auf den, der sich 
einer Sache bedient", so griff Loos auch die 
ästhetische Autonomie des Architekten an und 
verpflichtete ihn auf den Konsumenten. Ja, in 
Wohnungsfragen ging er noch einen Schritt 
weiter und verfocht die Autarkie des Kon- 
sumenten (die ja auch ein entscheidendes 
Kriterium griechischer Staatsvorstellung war): 
„Die Zeitungsschreiber haben es im Laufe der 
letzten Jahre versucht, uns Mut zu den 
Geschmacklosigkeiten der modernen Künstler 
zu machen. Ich will versuchen, euch zu euren 
eigenen Geschmacklosigkeiten Mut zu ma- 
chen." Denn „Wohnungseinrichten hat mit 
Architektur nichts zu tun". 
„Wenn Sokrates von den Häusern sagte, daß 
bei ihnen Schönheit und Zweckmäßigkeit 
zusammenfallen müsse, so finde ich darin 
einen lehrreichen Wink, wie man Häuser bauen 
solle", berichtete Xenophon und beschließt die 
Wiedergabe von Sokrates' präzisen Anweisun- 
gen zu Detailfragen des Hausbaues: „Mit 
einem Wort, die angenehmste und schönste 
Behausung dürfte die sein, in der man zu 
jeder Jahreszeit für sich die angenehmste 
Zuflucht und für seine Habe den sichersten 
Ort findet. Malereien und Verzierungen da- 
gegen rauben mehr Genuß, als sie geben." 
S. Giedion wies darauf hin, daß im alten Athen 
sogar ein Gesetz bestand, „wonach ein Bürger, 
der ein zu luxuriöses Privathaus baute, aus der 
Stadt verbannt wurde". So nimmt es eigentlich 
nicht wunder, wenn auch Loos verlangte, daß 
das Haus unauffällig sein müsse. Er faßt seine 
Forderungen in den Lehrsatz zusammen: „Das 
Haus sei nach außen verschwiegen, im Inneren 
offenbare es seinen ganzen Reichtum." Loos 
fordert weiter: „Ein Haus gleiche dem anderen! 
Wiederholen wir uns unaufhörlich selbst!" 
„Man befürchtet die Einförmigkeit? Ja waren 
die alten Bauten innerhalb einer Epoche und 
innerhalb eines Landes nicht auch einförrnig? 
S0 einförmig, daß es uns möglich ist, sie dank 
ihrer Einförmigkeit nach Stilen und Ländern, 
nach Völkern und Städten zu sichten? Eine 
gemeinsame Kultur - und es gibt nur eine 
solche - schafft gemeinsame Formen." Wie 
Adolf Loos, so argumentierte auch Le Cor- 
busier, der Loos viele Anregungen verdankte, 
in seinem Buche „Vers une Architecture", das 
manche Gegenüberstellung von Antike und 
Gegenwart bringt: „Baukunst ist Typen- 
bildung. Der Parthenon ist ein an einem Typ 
entwickeltes Ausleseprodukt." Loos wies auf 
die Unfähigkeit des einzelnen hin, eine Form 
zu schaffen. „Der Architekt versucht dieses 
Unmögliche immer und immer wieder - und 
immer mit negativem Erfolg. Form 
Ornament sind das Resultat unbew 
Gesamtarbeit der Menschen eines g 
Kulturkreises. Alles andere ist Kunst. l 
ist der Eigenwille des Genius. Gott gal 
den Auftrag dazu." 
Aus Achtung der Kunst wies Loos 
19. Jahrhundert ein großes Kapitel ii 
Geschichte der Menschheit zu: „Ihm 
danken wir eine Großtat, die reinliche 
dung von Kunst und Gewerbe herbeigi 
zu haben." 
Zuletzt sei darauf hingewiesen, daß Loo: 
sein kritisches Verhalten, das ihm im 
gehend kritiklosen Österreich der Jahrhu 
wende viel Feindschaft einbrachte, in der 
geprägt hat. Schon das Lehrer-Schüle: 
hältnis in den Vereinigten Staaten, das ja 
dem Verhalten der sokratischcn Gen 
entspricht, beruht auf freier Diskussioi 
weitgehender Kritik, und das Recht, „ 
sagen zu dürfen, gilt in den USA als L. 
grundlage der Demokratie. James 
Brestead betonte: „Ablehnung ist eine l 
wichtige Kraftquelle allen Fortschritts" 
folgte damit der antiken griechischen 
fassung. Ein weiterer dynamischer C 
begrilf des amerikanischen politischen I 
ist Solons Forderung nach Parteinahme. 
für Goethe bedeutete ja Neutralität ii 
scheidenden Fragen der Gemeinschaft 
heblichkeit und demnach versteckte Tyr 
Aber Solons Prinzip war für Goethe nich 
verstandesgemäß begründet, sondern 
tätigen Mannes Behagen sei Parteilicl 
Adolf Loos übte sie geradezu lustvol 
bekam es auch zu spüren. 
„Jedesmal, wenn sich die Baukunst immi 
immer wieder durch die Kleinen, durt 
Ornamentiker, von ihrem großen Vc 
entfernt, ist der große Baukünstler nah 
sie wieder zur Antike zurückführt. A 
Schwelle des 19. Jahrhunderts stand Scl 
wir haben ihn vergessen. Möge das 
dieser überragenden Gestalt auf unsere 
mende Baukünstlergeneration fallenl" 
schrieb der Reformator Adolf Loos, r 
der Schwelle des 20. Jahrhunderts stanr 
war es gelungen, fast nur ihm, durch 
innige Verbundenheit mit dem Vergan 
vorauszufühlen - zu früh 7, was ko 
würde. Dies macht ihn zum Repräsen 
einer Gesellschaft und einer Kultur, d 
noch nicht haben. Wir haben ihn nicl' 
gessen, aber seine künstlerischen Gegner 
sein Beispiel in eine falsche Lehre umger 
Möge das Licht dieser überragenden ( 
auf unsere kommenden Architekten fallt 
LITERATUR 
Adolf Loos, Sämtliche Schriften, Wien 1962. 
xChOphOD, Memorahilien. uberlragen von v. M, La 
München 1950. 
H. o. F. 10m, Die Griechen, Von der Wirklichkeit 
schichtlichen Vorbllds, Fmiknin a. M. 1960. 
s. GlEdlOn, Architektur und oemeiiisciim, Hamburg 19 
JOHIHDCS Urzidil, Amerika und die Antike, ziiiini 1964.
	        

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