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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 113)

Oskar Kokoschka 
MEIN LEBEN -- 
ERINNERUNGEN 
AN ADOLF LOOS 
Die Redaktinn dankt dem Brurkmanri 
Verlag in Münrllen für die Überlauung 
de: folgenden Beilrager, der Puuugen 
varahdrurkl, die der in Kürze rrulreinen- 
den Autobiographie Orlzar Kokaulrlea, 
[WEIN LEBEN, Verlag Bruekmann 
Afünrllen, erxlnammerl Jind. 
Das Interesse eines besonderen Kreises der 
Gesellschaft in Wien für meine Malerei ist aber 
erst richtig durch die schöpferisch und kritisch 
als erstrangig zu verstehende Persönlichkeit 
Adolf Loos' geweckt worden. Ihn in der 
Kunstschau 1908 kennengelernt zu haben 
war nicht nur für meine Laufbahn, sondern 
auch für mein Leben entscheidend. Ich will 
nichtunbescheiden sein, aber was Dante über 
Virgil sagte, möchte ich von Loos für mich 
sagen. Er führte mich durch Himmel und 
Hölle des Lebens als treuer Begleiter. Er ist 
der bedeutendste Architekt der Moderne ge- 
wesen. Corbusier, Gropius, Mies van der 
Rohe zollten ihm als Anreger und Vorläufer 
ihren schuldigen Tribut. Doch er hat nie 
offizielle Aufträge erhalten, die meist an die 
Oberbauräte und Staatsarchitekten vergeben 
worden sind, bevor ein Preisausschreiben über 
die Qualität der eingelangten Entwürfe ent- 
scheiden konnte. Adolf Loos hatte so Zeit, 
auch mir zu helfen. „Du mußt malen!" Er 
hatte einen großen Anhänger- und Bekannten- 
kreis und verstand diese Freunde für meine 
Arbeit zu interessieren. Es war ein Erlebnis, 
ihn zu malen, einem bedeutenden Menschen 
und großen Künstler so nahezukommcn. Er 
hatte das Steinmetz- und Maurerhandwerk 
gelernt, hat aber das Steinmetzgeschäft seines 
Vaters nach dessen Tode nicht übernommen. 
Trotz seines Baumeisterdiploms liebte er von 
sich zu sagen, er sei Maurer und nicht so einer 
wie die Architekten, die von Blueprints ar- 
beiten. In Amerika hat er als Gelegenheits- 
arbeiter, mittellos in Nachtquartieren der Wohl- 
fahrtskomitees, ein hartes Leben kennenge- 
lernt und die Augen offen gehalten für das, 
was die neue Welt ihn in der Baukunst zu 
lchren hatte. Der moderne Mensch schafft 
seine Umwelt. Weit entfernt von dem Indi- 
vidualisten Frank Lloyd Wright, zuchtvoll 
blieb er auch als radikaler Neuerer nach seiner 
Rückkehr nach Wien, wo er dem Jugendstil 
einen erbitterten Kampf ansagte. In seinen 
Entwürfen, Schriften und immer überfüllten 
öffentlichen Vorträgen über Gehen, Stehen, 
Sitzen, Liegen, Kochen opponierte er der 
rückständigen Gesellschaft, die zum Teil noch 
in den Lebensformen des achtzehnten Jahr- 
hundert verharrte. Er opponierte selbst Otto 
Wagner und dessen Schule, obwohl dieser 
bereits als Haupt der Secession in Amerika 
anerkannt worden war. Adolf Loos, als ein- 
ziger und erster, beschäftigte sich auch mit 
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der sozialen Erziehungsarbeit, die heute noch 
schlecht und recht von staatlichen Organi- 
sationen, zum Beispiel in England, versucht 
wird. Er sagte: „Das Siedlungsproblem bleibt 
in der Zeit der Überbevölkerung das drin- 
gendste für die Menschheit zu lösen." 
ßk 
Im Gegensatz zur Pseudorenaissancearchitek- 
tur der Viktorianischen Zeit mit ihren falschen 
Stuckfassaden, jedoch im Gegensatz auch zur 
japanisierenden Ornamentik des Jugendstils, 
zeigte er in seinen Entwürfen und den leider 
seltenen Bauten, wie aus den klaren Formen 
der Tradition der Gebrauchsformen des Hand- 
werks, mittels moderner Herstellungsmetho- 
den, eine organische Baukunst weiterent- 
wickelt werden könnte, die den zeitgemäßen 
Lebensbedingungen entspräche. Als Steinmetz 
hatte er ein lebendiges Verhältnis zur Schönheit 
des Materials, während ihn der Jugendstil, als 
bloße „Verschönerung" ungenügend und 
noch dazu auf schlechtes Baumaterial appli- 
ziert, zum heftigen Widerspruch reizte. Die 
sachgemäße Nutzung des Materials selber 
sowie die Verwendung der Bauglieder in einer 
Formsprache, deren Sinn die Funktionalität 
im Raum, wie in der Antike, bleiben muß, 
war sein Alpha und Omega. Seine Bibel war 
Vitruvius, mit Stolz zeigte er mir eine alte 
italienische Ausgabe, die er besaß. Loos ist der 
bedeutendste Baumeister der Neuzeit gewesen, 
aber man ließ ihn nicht bauen. „Ins Leere 
gesprochen" ist der Titel einer seiner letzten 
Schriften. Ich hatte ihn in seiner Wohnung 
gemalt, wo am Tor des Hauses, in welchem 
er fast vierzig Jahre gelebt hat, nicht einmal 
eine Gedenktafel an ihn erinnert. Sein Porträt 
befindet sich in der staatlichen Sammlung in 
West-Berlin. Ihn und Karl Kraus habe ich 
ungefähr zur selben Zeit gemalt. Dieses erste 
Bild von Karl Kraus, der Geißel Wiens, eines 
anderen Abraham a Sancta Clara, ist zu meinem 
großen Leidwesen noch immer unauffindbar, 
obwohl behauptet worden ist, daß dieses und 
das von Bessie Loos von einem russischen Offi- 
zier in Berlin kurz nach dem Krieg in der 
zerstörten Stadt angeboten wurde. Vielleicht, 
daß ein gnädiges Schicksal diese beiden wich- 
tigen Bilder in Ost-Berlin oder irgendwo sonst 
noch versteckt hält? 
als 
Der Jugendstil hat eigentlich das Porträt 
ignoriert, das Pflanzen- und geometrische 
Ornament wurde bevorzugt. Seltsamerweise 
hatte man auch einen Grund dafür, sicher 
unbewußt, dem Menschenbild auszuweichen, 
wie in Übergangszeiten der Vergangenheit 
es anderer Gründe bedurft hatte. Ich vermute, 
daß Darwins Abstammungslehre unsere Di- 
stanz von der verwandten Art der Primaten 
zu überraschend verringert hat. Die Vertrau- 
lichkeit mit sich selber war einem befremden- 
den Gefühl gewichen, als ob man sich bisher 
nicht selber richtig gekannt hätte. Auch ich 
war davon mehr beeindruckt, als ich zugeben 
wollte, weshalb ich eigensinnig gerade mit 
Porträtmalen begonnen habe, um den Men- 
schen genau auf die Finger sehen zu können, 
sie in ihren Eigenschaften kennenzulernen, 
um mit dieser Gesellschaft, in der ich nun zu 
leben hatte, vertraut zu werden. Was immer 
man von meinem Humanismus behauptet, ich 
liebe die Menschheit eigentlich nicht, sehe sie 
vielmehr als ein Phänomen, wie einen Blitz 
aus dem heiteren Himmel, eine Schlange im 
Gras. Die Bocksprünge der Menschcnseele, 
die Tragik, das Sublimc, aber auch das Triviale 
und Lächerliche der Menschenkreatur zogen 
mich an, wie es den Besucher zum Zoologi- 
schen Garten zieht, um das Dasein seiner 
Ahnen zu beobachten oder, anders gesagt, 
wie der Naturforschcr Steine, Pflanzen und 
Fossilien untersucht, um Daten zu sammeln. 
Jedem meiner Modelle jener Zeit hätte ich 
auch ein Schicksal voraussagen können, wie 
für die Soziologen die Umweltbedingungen 
den angeborenen Charakter verändern, wie 
Boden und Klima das Wachstum sogar einer 
Topfpflanze bedingen. 
Doch, um mit den Menschen darüber zu reden, 
was ich in ihnen sah, dafür gab es keine ge- 
meinsame Sprache, für mich selber wußte ich 
meine Einsichten nicht anders als im Malen 
auszudrücken. Die Form der offiziellen Por- 
trätkunst war natürlich verschieden, entweder 
auf glatte Schönheit gerichtet oder mit Hinsicht 
auf die gesellschaftliche Bedeutung des Dar- 
gestellten orientiert. Selbst „L'art pour Part" 
als Programm hätte mich damals nicht be- 
friedigt. Natürlich hatte ich die gesamte 
Presse, das Urteil der Gesellschaft gegen mich, 
sehr zu meinem Glückl Und glücklicherweise 
entkam ich auch dem Einfluß der irnpressio- 
nistischen Mode, die ein potentielles wissen- 
schaftliches Element im trächtigen Schoß zu 
halten schien, das in der nächsten, desillusi0- 
nierten Epoche abgestoßen wurde wie ein 
unfruchtbares Gewächs. 
Ich hätte nicht jedermann als Modell annehmen 
können, der willig war, sich malen zu lassen. 
Noch heute fühle ich vor einer neuen Lein- 
wand eine Art von Horror vacui so lange, bis 
ich hinter deren präparierter Fläche, wie ab- 
sichtslos, die Vision, dem inneren Gesicht 
erst sichtbar, halb noch unentzifferbar, zum 
Erscheinen bringen kann. 
Daß Loos in meinen Bildern Kunstwerke sah, 
habe ich kaum verstanden und faßte cs als 
Schmeichelei auf. Er bestärkte mich eher, in 
meiner Ansicht zu beharren, daß ich nicht 
Routine oder Theorien zu verfolgen hätte, 
sondern daß ich mit meiner Malerei eine Basis 
finden sollte zum Verständnis meiner Rolle in 
der Umwelt, Selbsterkenntnis. Im Wesent- 
lichen möchte ich vom Expressionismus sagen, 
daß er in dieser Weise von jedem schöpfe- 
rischen jungen Menschen damals verstanden 
worden ist. Die heutigen Aussagen über Exa- 
pressionismus sind vollkommen irreführend, 
weil sie am Kern vorbeigehen. Es gibt keinen 
deutschen, keinen französischen, keinen ameri- 
kanisch-englischen Expressionismus, es gibt 
nur den der Jugend, die sich in der Umwelt 
zurechtzufinden sucht. 
i 
Adolf Loos war ein Mensch voller Wider- 
sprüche. Trotz aller Empörung über das Un- 
verständnis seiner Zeitgenossen, „ins Leere
	        

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