MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 113)

„]edesmal, wenn sich die Baukunst immer und 
immer wieder durch die Kleinen, durch die 
Ornamentiker, von ihrem großen Vorbilde 
entfernt, ist der große Baukünstler nahe, der 
sie wieder zur Antike zurückführt," schrieb 
Adolf Loos 1910, und wie Schinkcl war auch 
er ein „Über-Architekt, der große Geist, der 
die Baukunst von den fremden Zutaten befreite 
und uns die reine klassische Bauweise wieder- 
gab." Er war der große Reformator, der den 
strengsten Maßstab anlegte und nur gelten 
ließ, was als wahrhaftig und echt erkenntlich 
war. Aber er mußte es erleben, daß sein Beispiel 
und seine Lehre von seinen künstlerischen 
Gegnern in eine falsche Lehre umgemünzt 
wurden. 
Obwohl er ausdrücklich sagte, daß er Revolu- 
tionen vermeiden wolle, da er Evolutionist sei, 
wurde er zum Revolutionär abgestempelt. 
„Ist es nicht auffallend, daß die kühnsten 
Neuerer, also die tüchtigsten Menschen, auch 
die tiefste Verehmng für die Werke ihrer 
Vorfahren bekunden?" fragte Loos 1898 und 
bekannte: „Eigentlich nicht, denn die Tüchtig- 
keit kann nur wieder von der Tüchtigkeit 
gewürdigt werden." Trotzdem gibt es immer 
wieder Menschen, die dafür kein Verständnis 
haben und denen der vermeintliche Zwiespalt 
im Schaffen Adolf Loos" geistiges Unbehagen 
bereitet. Für Loos aber war „Kultur jene 
Ausgeglichenheit des inneren und äußeren 
Menschen, die allein ein vernünftiges Denken 
und Handeln verbürgt." 
6 
Er formulierte seine Reformideen sehr deutlich: 
„An die Stelle der auf unseren Hochschulen 
gelehrten Bauweise, die teils aus der Adap- 
tierung vergangener Baustile auf unsere Le- 
bensbedürfnisse besteht, teils auf das Suchen 
nach einem neuen Stil gerichtet ist, will ich 
meine Lehre setzen: die Tradition. 
Das Heute baue sich auf das Gestern auf, so 
wie sich das Gestern auf das Vorgestern auf- 
gebaut hat. Nie war es anders - nie wird es 
anders sein. Es ist die Wahrheit, die ich lehre. 
Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden! 
Denn die Wahrheit, und sei sie Hunderte von 
Jahren alt, hat mit uns mehr inneren Zu- 
sammenhang als die Lüge, die neben uns 
schreitet." 
Es ist also nicht jene Tradition mit Gänse- 
füßchen aufgerufen, die Karl Kraus mit 
Schlamperei gleichgesetzt hatte. Inmitten all- 
gemeiner Zeitverleugnung und Fin-de-siecle- 
Stimmung war der Loos'sche Traditionalismus 
ausgezeichnet durch völlige Übereinstimmung 
mit seiner eigenen Zeit. Rückwättsgewandtheit 
und Trauer nach einer guten alten Zeit waren 
ihm so fremd wie utopische Visionen: „Unsere 
Zeit ist schön, so schön, daß ich in keiner 
anderen leben wollte. Unsere Zeit kleidet sich 
schön, so schön, daß ich, wenn ich die Wahl 
hätte, mir das Gewand irgendeiner Zeit an- 
zuziehen, freudig nach meinem eigenen Ge- 
wand griffe. Es ist eine Lust zu leben!" 
Unwillkürlich erinnert man sich der Über- 
Zeugung Leibnizens, daß die Welt die voll- 
kommenste aller möglichen Welten sei, 
wesentlichen Grundlage für die selbstsii 
starke und harmonische Kultur des l 
barocks. 
Ganz offenbar bedeutete für Loos Tra 
mehr als bloß die Übernahme obcrfläch 
Formen und Formeln. Er suchte den W 
grund, zu dem er durchdringen wollt: 
daraus neue Kraft zu schöpfen. Nur in d 
Sinne war Loos radikal, und revolutionä 
er nur, weil er inmitten allgemeiner Aufl- 
Sammlung predigte und im allgemeinen 
sturz Evolution erstrebte. 
In der beginnenden technischen Revo 
versuchte Loos „die gräko-romanischen l 
gründe dem Bewußtsein jener Vielzu 
nahe zu bringen, die in dem Wahne li 
ihrer nicht mehr zu benötigen und 
getrost vergessen zu dürfen, daß sie 
Aristoteles, Pythagoras, Archimedes, Eul 
ja auch nur ohne einen einzigen von 
keine Autobahn, keinen Wolkenkratzer, 
Brücke und keinen Staudamm bauen köi 
Keinen Meter davon, keinen Zenti 
(Urzidil)". 
Loos vermerkte befremdet, daß 1924 
gerechnet der Dekan der philosophi 
Fakultät in Paris, Brunot, den Wert des 
sischen Geistes verneint und der Modern 
Wort geredet hatte, „das modernste Lanc 
Amerika, hat durch seinen Präsidenten 1 
Coolidge die klassische Bildung in einer l 
Rede verteidigt". Loos fand darin seine z
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.