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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 115)

Ute Ricke-Immel 
SPÄTGOTIK 
AM OBERRHEIN- 
MEISTERWERKE DER 
PLASTIK UND DES 
KUNSTHANDWERKS 
1450-1530 
1 Kopf eines Propheten. Niclaus Gerhaert, Strasbourg ms. 
Sandstein, Höhe ze cm. Sttaslmurg, Musfe a: l'CEuvre 
Neue-Dame 
z H1. Margareta. Reliquienbüste aus Weißenburg a. Elsaß. 
IStrasbourg, um 1465. Holz, Höhe u cm. Chicago. T}!!! A" 
IISUKUI! 
Sowohl die Kenner wie die Liebhaber spät- 
gotischer Kunst zog es vergangenen Sommer 
an den Rhein. Das Badische Landesmuseum 
veranstaltete unter der Leitung seines Direk- 
tors, Professor Ernst Petrasclt, in den Räumen 
des Karlsruher Schlosses eine prächtige Schau 
von etwa 180 Plastiken, 70 Goldschmiedewer- 
ken, 25 Bildteppichen und Paramenten, 
umrahmt von Glasgemälden, seltenen graphi- 
schen Blättern, Münzen, Medaillen und Siegeln. 
Weit über hundert Leihgeber - Museen, 
Kirchen und Privatsammler in Deutschland, 
Frankreich, der Sdiweiz, in Österreich, England, 
Italien, Holland und Amerika - ermöglichten 
es, daß erstmals in einem nahezu umfassenden, 
wissensdmaftlich fundierten Überblidc die 
Bedeutung und die Blütezeit des Oberrheinge- 
bietes im Spätmittelalter einen Sommer lang 
wieder lebendig wurde. Sieben Wiener Samm- 
lungen beteiligten sidi mit vienehn wertvollen 
Leihgaben an dieser überregionalen Ausstellung, 
die sowohl der Forschung wie dem Kunst- 
freund in vielfacher Hinsidit Anregungen und 
ein künstlerisd-ies Erlebnis vermittelte. 
Bedingt durdi ihre geographisdie Lage, war die 
Landschaft des Oberrheins schon immer ein 
Schmelztiegel der verschiedenartigsten Ein- 
flüsse. Hier kreuzten sidi die wichtigsten Ver- 
kehrsadern früherer Zeiten. Durch den Rhein- 
strom - den Hauptverbindungsweg zwischen 
dem Süden und dem Norden - und die große 
West-Ost-Handelsstraße, die zur Donau führte, 
wurde ständig neues Gedanken- und Kulturgut 
aus allen Riditungen in das Oberrheingebiet 
getragen, zu etwas Eigenständigem umgewan- 
delt, das dann seinerseits wieder befruchtend 
zurückwirkte. Dieses Fluktuierende erschwert 
eine feste Abgrenzung der oberrheinischen 
Kunstlandsdiaft, die heute zu drei Staaten 
gehört: zu Frankreich, der Schweiz und zu 
Deutschland. jedoch zeigen sich innerhalb der 
Einflußgebiete der großen städtischen Metro- 
polen gemeinsame stilistische Eigentümlichkei- 
ten und enge Wechselbeziehungen, so daß man 
die Bezeichnung „oberrheinische Kunst" mit 
Recht für die im Umkreis von Konstanz am 
Bodensee, Basel, Freiburg im Breisgau, Straß- 
burg, Speyer und Worms entstandenen Werke 
benutzen darf. Im Mittelalter war dieses Gebiet 
aufgeteilt in die kirchlichen Bistümer der 
genannten Städte (mit Ausnahme von Freiburg, 
das damals zum Bistum Konstanz gehörte), in 
die weltlichen Fürstentümer der Bischöfe und 
in eine Vielzahl von Territorien: das Haus 
Habsburg, die Markgrafschaft Baden, die Kur- 
pfalz, das Elsaß und die Schweizer Eidgenos- 
senschaft. Auch die Bedeutung der Reichsstädte 
und Klöster darf nicht übersehen werden. Diese 
territoriale Vielgestaltigkeit bedingte zur Zeit 
der Spätgotik eine interessante und künstlerisch 
reiche Epoche. Das gegenseitige Wetteifern zwi- 
schen den versdiiedenartigen Herrschaftsberei- 
chen förderte die Kunstfreudigkeit und brachte 
den Künstlern mannigfaltige Aufträge. Für 
mehr als ein halbes Jahrhundert folgte am 
Oberrhein ein außergewöhnlidies Werk dem 
anderen in sdmneller Reihenfolge. 
Von überall zog es die Künstler an den Ober- 
rhein - auch der junge Dürer kam, um in die- 
sem Kreis zu lernen -, wo sie sida in den 
Metropolen niederließen. Andererseits wander- 
ten heimische Meister in die Fremde. Die 
Begegnungen sind vielfältig und zunächst nicht 
leicht entwirrbar. Durch die neuen, verviel- 
fältigenden Techniken, wie Holzschnitt, Kupfer- 
stich und Buchdruck, die ebenfalls ihren Aus- 
gang vom Oberrhein nahmen, wurden diese 
Verflechtungen noch verstärkt. Der Einfluß aus 
Niederburgund, aus den berühmten flämischen 
Städten, ist ausschlaggebend und prägend für 
die Kunstrichtung am Oberrhein geworden. 
Den alles überragenden Höhepunkt der flandri- 
 

	        

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