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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 116)

Jahre in finanzielle Bedrängnis. Auch Cassirer scheint 
nicht mehr in der Lage, den Vertrag mit Kokoschka 
zu erneuern. Er zieht sich 1931 wieder nach Wien in 
sein Haus im Liebhartstal zurück. Die Stadt Wien 
beauftragt ihn, ein Stadtbild zu malen, und es ent- 
steht das im Historischen Museum der Stadt Wien 
verwahrte Gemälde „Wien vom Wilhelminenberg". 
Aus der Schar der spielenden Kinder im Vordergrund 
des Bildes sucht sich Kokoschka das etwa zwölf- 
iährige Mädchen Trudl, das ihm in diesen Jahren zu 
zahlreichen Studien, Lithographien und Gemälden 
als Modell dient. Eine zeitweilige Unterbrechung 
seines WienerAufenthaltes in Paris und in derSchweiz 
bringt ihm ebensowenig den erhofften Erfolg. Wie- 
der nach Wien zurückgekehrt, befindet sich Ko- 
kosdika am Tiefpunkt seinerwirtschaftlichen Situation. 
Im Frühsommer 1934 besuchte ich Kokoschka in 
seinem Hause im Liebhartstal und fand ihn tief 
bedrückt von der politischen Entwicklung in Deutsch- 
land und Österreich. Unsere Unterhaltung dauerte 
stundenlang. In unerhört lebendiger Art sprach er 
von der düsteren Zukunft und von seinen Plänen, 
Österreich wieder zu verlassen. Diese Absicht ver- 
wirklichte er nodi im Sommer desselben Jahres und 
übersiedelte nach Prag. Dort fand er bald Kontakte 
zu einflußreichen Persönlichkeiten. Fünfzehn groß- 
artige Stadtansichten, zahlreiche Porträts waren das 
Ergebnis seiner Prager Jahre. Eines der bedeutend- 
sten Gemälde war das im Jahre 1935 begonnene 
und erst nach einem Jahr vollendete Porträt des 
tschechischen Staatspräsidenten Thomas G. Masaryk, 
das Kokoschka im rechten Hintergrund mit einer 
Ansicht von Prag und links mit einem imaginären 
Porträt des möhrischen Humanisten Jan Amos 
Comenius allegorisch verband. Comenius wurde von 
Masaryk und Kokoschka gleichermaßen verehrt, und 
diese Verehrung führte zu einer engen freund- 
schaftlichen Verbindung der beiden Männer. 
Unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland 
steigerte sich die Depression Kokoschkas, insbeson- 
dere durch die Nachricht, daß vierhundert seiner 
Werke, Gemälde und Zeichnungen aus den öffent- 
lichen Sammlungen als „entartete Kunst" entfernt 
werden mußten. Kokoschka malte als eines seiner 
letzten Bilder in Prag das „Selbstbildnis eines 
entarteten Künstlers". 
In den Prager Jahren lernte Kokoschka Olda 
Palkovska kennen, die ihm für sein ganzes Leben 
die treueste Gefährtin werden sollte. 
Vor dem drohenden Einmarsch deutscher Truppen 
in die Tschechoslowakei flieht Kokoschka mit Olda 
Palkovska mit dem letzten Flugzeug, fast ahne 
Gepäck, nach London. In England beginnt für beide 
das Leid und Elend der Emigration. Ohne Mittel, 
ohne Freunde - Kokoschka ist damals in England 
noch wenig bekannt - fristet er mit Frau Olda ein 
mühseliges Dasein. Zeitweilig scheint die Lage ver- 
zweifelt. Frau Olda überbrückt die schwerste Not 
durch Verkauf van Prager Spezialitäten, die sie 
selbst zubereitet. NarJi einem Aufenthalt in Polparro 
in Cornwall, wo er eine großartige Küstenlandschaft 
malt, kehrt Kokoschka wieder mit Frau Olda nach 
London zurück, wo er sich im Laufe der nächsten 
Jahre entsprechende Reputation und Aufträge ver- 
schafft. Es entstehen die politischen Allegorien „Das 
rote Ei", „Anschluß", „Loreley", „What we are 
fighting for" und „Morianne". 1943 vollendet 
Kokoschka das Porträt des russischen Botschafters 
Ivan Maisky, dessen bedeutenden Erlös er dem 
russischen Roten Kreuz für die verwundeten russi- 
schen und deutsdien Soldaten von Stalingrad über- 
Iäßt. Eine Reihe von Porträtaufträgen folgt. Er reist 
nach Schottland, wo im Hochland und an der Küste 
einige Landschaftsbilder entstehen. 
Nach Beendigung des Krieges betätigt sich 
Kokoschka in steigendem Maße humanitär. Er stiftet 
1000 Pfund Sterling für notleidende Kinder und 
finanziert eine Werbeaktion für den gleichen Zweck. 
Das berühmt gewordene Plakat „Der Gekreuzigte 
hilft den hungernden Kindern", das ursprünglich als 
Lithographie geschaffen wurde, läßt er in einer Auf- 
30 
 
Oskar Kokoschka, Das Weib den Mann führend, 1914 
[aus im „iaaei-Kuiiiisis"). Lithographie, 64,4 x 43 cm 
Oskar Kokoschka, Pegasus, ms. Lithographie, 
92,7 x 63,3 CITI 
Oskar Kokoschka, Die Flehende (aus der „Bach- 
Kantate"), 1914. Lithographie, 64,4 x 43 cm 
tiet gerührt, daß viele verloren geglaubte 
Deutschland - nun in Schweizer Besitz - 
geblieben sind. In der Folge entstehen e 
Schweizer Gebirgslandschaften „Tourbillon 
„Montana", zwei Fassungen des „Mr: 
„Leuk im Rhonetal" und abermals Porträts. 
Die alte Reiselust Kokoschkas wird wieder 
Er malt Venedig, Florenz und Rom, kl 
London zurück, kommt im Frühiahr 1949 H4 
Jahren wieder nach Wien, um den ( 
Bürgermeister und späteren Bundespräsid 
Theodor Körner zu porträtieren. 
Die Beziehungen Oskar Kokoschkas zu 
begannen im Frühjahr 1950. Damals luc 
Künstler ein, seine alten Kontakte zu mi 
Jahr 1934 zurückreichen, wieder aufzunehm 
Das Verhältnis des Meisters zu Osten 
vorher nie besonders gut gewesen. Sein 
von Wien im Jahre 1910 war umdüstert 
Bitterkeit des Mißverstehens des Wiener 
und der Anfeindungen, denen er sich v 
und Öffentlichkeit in Wien stets ausges 
Kurze Perioden der Rückkehr nach Wie 
vier Jahrzehnten von 1910-1950 konnten d 
timents der traurigen Jugenderfahrungen n 
Unter diesen Voraussetzungen schien es 
leicht, Kokoschka zur Rückkehr nach Ost 
bewegen, um nach den Wirren des Krieg 
engere Beziehungen zu seiner Heimat zu k 
Ich regte in meinen Schreiben wiederho 
Städtebild von Salzburg zu malen und 
Stadt eine internationale Sommerakade 
seiner Leitung zu gründen. 
Erstmals im April 1950 stellte mir Koko: 
Kommen in Aussicht. Bereits im August 
er mit seiner Frau Olda in Salzburg ein 
heitlich etwas angegriffen von der eben 
fertiggestellten Arbeit an dem Triptychon 
metheus-Saga", entschloß sich Kokoschka 
Aufenthalt in Salzburg zu nehmen, be 
Gelegenheit das berühmte Stadtbild vom I 
berg aus entstand. Versuche, Salzburg 
schönsten Dokumente der modernen Lc 
malerei zu erhalten, scheiterten an der U 
lichkeit der Mittel. Kurze Zeit später v 
Gemälde von den Bayrischen Staatsgemä 
lungen erworben. 
Der dreimonatige Aufenthalt in Salzbui 
dem - bisher noch immer mehr odz 
heimotlosen - Künstler den Entschluß r 
für ständig in Salzburg anzusiedeln. Zu 
am Heuberg bei Salzburg ein Bauernhof 
worden, der Kokoschkas Entzücken wachrii 
rigkeiten beim Erwerb sollten durch verstc 
Hilfe der Salzburger Behörden beseitig 
Leider erkannte man den Prestigegewinn, 
burg durch die Ansiedlung eines der bed 
Künstler der Gegenwart erfahren hätte 
vollem Umfang. 
Kurz nach seiner Abreise schrieb Kokoschki 
Suche nach Bauernhof soll intensiv weiter 
will in Salzburg oder dort in der Umgebu 
Und in einem folgenden Brief vom 20. 
1950 „... mir war oft Heimweh nach St 
Ich verlasse mich ganz auf Sie für d 
Suche." 
Schon bei seinem ersten Aufenthalt i 
Gründung einer Sommerschule eingehen 
Es war eine besondere Freude, festzust 
Kokoschka sogleich für diese Idee entflc 
ihre Verwirklichung mit Eifer verfolgte. I 
handlungen mit dem damaligen Landesl 
Dr. Klaus, der sich als Förderer der Schult: 
führten schließlich im Herbst 1952 zu den 
daß entsprechende Räumlichkeiten auf d 
Hohensalzburg für diese Sommerkurse i 
gestellt wurden. Im November 1950 kL 
Landeshauptmann anläßlich der Salzburg 
woche im Festspielhaus die Gründung I 
nationalen Sommerakademie für Bilden 
unter der Leitung Oskar Kokoschkas an.
	        

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