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Full text: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 117)

befindet sich seit Ende des 16. Jahrhunderts im 
Besitze der Reidisgrafen, später Fürsten Paar, wel- 
dien Kaiser Rudolf II. die Würde der Erbland- 
Postmeister verliehen hatte. Im rüd-twärtigen Trakte 
liegen noch heute die ausgedehnten Stallungen, 
weld-ie den Zwecken der hier bestandenen ältesten 
Wiener Postanstalt dienten. Ihre mäditigen, ge- 
wölbten Derken sind mit prachtvollen Studtdekora- 
tionen gesdnnüdtt. Die Fassade weist zwölf Fen- 
ster auf, deren unregelmäßige Verteilung das höhere 
Alter des Hauses erkennen läßt. Das reditsseitige 
Portal ist ausgezeid1net durch ein herrlidies hölzer- 
nes Haustor. Sehr bedeutend sind im Inneren die 
Prachttreppe und die gegen die Wollzeile geriditeten 
Festräume, deren glänzende Ausstattung dem Hof- 
baumeister Carlo Cannevale zugeschrieben wird. 
BILDER AUS DEM ÜSTERREICI-IISCHEN 
HOF- UND GESELLSCI-IAFTSLEBEN, 
von Victor von Fritsdie, Wien, 1914, S. 308-309 
„Das Palais des Fürsten Paar in der Wollzeile steht 
an der Stelle des ehemaligen Jakoberklosters, es ist 
mit seinen imposanten Portalen, den zarten Balkon- 
gittern, den französisdnen, bis auf den Boden rei- 
dienden Fenstern des ersten Stoiwerkes und dem 
breiten Stiegenaufgang ein Denkmal der Baukunst 
des 17. Jahrhunderts. 
Die Paar sind ein italienisd-ies, aus Bergamasco 
stammendes altes Gesdilecht, das schon unter Kaiser 
Barbarossa rittermäßig war. Der Name Paar kommt 
von einer Besitzung ,Parre', die von Kaiser Fried- 
ridi I. 1170 der Familie verliehen wurde. Sie er- 
hielten 1520 das Erboberpostmeisteramt, 1636 den 
Reidisgrafen- und 1769 den Reidisfürstenstand in 
der Primogenitur. 
Der erste Fürst Wenzel begleitete im Mai 1770 als 
Reidishofpostmeister die nadimalige unglüdtliehe 
Königin Marie Antoinette auf der Brautfahrt nadi 
Frankreich. Gräfin Maria Josepha Paar, geborene 
Gräfin Oettingen-Spielberg, wurde 1754, nach dem 
Tode der Gräfin Fuohs, Obersthofmeisterin der Kai- 
serin Maria Theresia. Fürst Johann Karl, geboren 
1772, war Generalmajor, sein Bruder Graf Johann 
Baptist, geboren 1780, Oberst, und beide erhielten 
für ihre besondere Tapferkeit vor dem Feinde den 
Militär-Maria-'I'heresien-Orden. 
Die großen, sehr reidi ausgestatteten Appartements 
des Palais in der Wollzeile waren durch viele Jahre 
die Wohnung der verschiedenen russischen Bot- 
sdiafter; Fonton Oubril, Novikoff und Fürst 
Lobanoff haben da ihre glänzenden Feste gegeben. 
WIEN, SEINE HÄUSER, MENSCHEN UND 
KULTUR 
4. Bd., III. Teil, Paul Harrer-Lucienfeld, 1945, 
S. 559-564. (Masdiinegesdiriebenes Manuskript in 
der Wiener Stadtbibliothek.) 
„Im Laufe des 17. Jahrhunderts, frühestens jedodi 
erst nadi 1618, kamen die beiden zweistöckigen 
Häuser in den Besitz der Reidisgrafen von Paar 
und nicht sdion gegen Ende des 16. Jahrhunderts, 
zu weldier Zeit nach Messner der Paarsdie Palast 
das erstemal erwähnt wurde. Audi Kortz, Martin 
u. a. verlegen die Erbauung des Hauses in das aus- 
gehende 16. Jahrhundert, doch ist es zweifellos, daß 
der Abbrudi der beiden vorerwähnten I-Iäuser erst 
nadi ihrem Ankaufe durd-i den Grafen Paar er- 
folgte, der dann auf ihrem Grunde seinen Palast 
erbauen ließ. Audi Kisch muß idi beriditigen, nadi 
dem der weiträumige, fast 2000 qm umspannende 
Palast auf der einstigen Stätte des Jakoberklosters 
errichtet wurde. Dieses Kloster, das erst nadi seiner 
Aufhebung im Jahre 1783 abgebrochen worden 
war, bestand also nodi zur Zeit der Erbauung des 
Paarsdien Palastes, der an den damals bereits 
längst aufgelassenen St. Jakober Freithof grenzte, 
wenn audi die dortige Gegend nodi weiterhin als 
,St. Jakobsfreithof' bezeidinet wurde, in dessen 
Zug die heutige Zedlitzgasse verläuft. Der Erbauer 
des Palais dürfte wohl in der Person des Freiherrn 
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Räumlichkeiten zu sdiaffen, die er für die Unter- 
bringung der Kanzleien und Stallungen benötigte 
und die den Zwedten der von ihm gegründeten 
ältesten Postanstalt dienen sollten. Die Erbauung 
des Hauses kann daher mit ziemlicher Sicherheit 
gegen oder um 1630 angesetzt werden. 
I-Iiezu mag bemerkt werden, daß die Stadt Wien 
schon im Mittelalter ein Botenwesen ausgebildet 
hatte '. So bestand um 1360 im Rathaus eine eigene 
Botenstube. Obwohl das Postwesen in Österreidi 
unter Maximilian I. und Ferdinand I. wesentlidi 
gehoben wurde, besaß es doch nur für die Hof- 
und Staatszwedte Bedeutung, so daß sich die Kauf- 
leute audi damals nodi des Privatpostwesens be- 
dienten, gegen weldies die Regierung dann im 
Laufe des 17. Jahrhunderts wegen seiner schädigen- 
den Konkurrenz energisch Stellung nahm. 1722 
vcrstaatlichte Karl VI. die Post in den deutsd-ien 
und böhmischen Erbländern, wodurch eine Reihe 
von Mißständen beseitigt wurde. Das Postregal des 
Grafen Paar wurde abgelöst und besonders in Wien 
die Postpaket- und Briefbestellung besser organi- 
siertß. Der Betrieb erfolgte fürderhin auf Redi- 
nung des Ärars, wurde aber dessenungead-itet bis 
1783 von der Paarsdien Verwaltung weitergeführt. 
Nadi einer Aufstellung vom Jahre 1772 hatte das 
Obersthofpostamt-Personal damals bereits einen 
Stand von einem Verwalter, einem Adjunkten, 
einem Buchhalter, zwölf Postamtsoffizieren, zwölf 
Akzessisten, drei Briefträgern, fünf Adjunkten, zwei 
Supernumerariis, einem Vorstadtbriefträger und 
zwei Amtsdienern4. 
Ferner waren damit verbunden die Hofamtshaupt- 
kasse, die Kommissionskanzlei und die Hofpost- 
Budihaltuiig. 
Das Wiener Postamt, dessen Postpersonal sidi in 
den folgenden Jahrzehnten allmählidi vermehrte, 
blieb aber audi nodi nadi 1783 bis zu seiner um 
die letzte Jahrhundertwende erfolgten Übersiedlung 
in das Hauptpostgebäude am Fleischmarkt in den 
alten Räumen des Paarsdien Palastes. 
Der Palast, der 1938 einer schon lange vorher viel 
umkämpften, aber doch sdiließlidi notwendig ge- 
wordener Verkehrsregulierung der Wollzeile zum 
Opfer fiel, galt als eines der sdiönsten und be- 
deutendsten Denkmäler des Frühbarodrs, wenn audi 
der Bau selbst während seines Bestehens mehr- 
fachen Umgestaltungen unterlag. Die aus dem 18. 
Jahrhundert stammende Fassade zeigte zwölf Feri- 
ster mit unregelmäßiger Verteilung; sie zerfiel in 
Tief- und Hodiparterre, ein Hauptgesdioß und ein 
durdi niedrige Fenster beleuchtetes Dienergesdioß. 
Die dem Erdgeschoß eingefügten beiden Portale 
zeigten ein rundbogig gesdilossenes Einfahrtstor, 
das beiderseits begleitet wurde von über Eck ge- 
stellten hermenartigen Pilastern in der Art Hilde- 
brands5. Der Ardiitrav und die Zwidtel über 
den Torbogen waren mit Reliefornamenten ge- 
sdimüdtt. Über dem Sdilußstein des Bogens er- 
hob sidi der gekrönte Doppeladler, der als Brust- 
Schild das Paarsdie Wappen, mit der Kette des 
Goldenen Vlieses und der Fürstenkrone gesdimüdtt, 
trug. Das reditsseitige Portal war durdi ein herr- 
liches, hölzernes Haustor ausgezeidinet. In der mit 
einem sdiön gezeichneten sdimiedeeisernen Gitter 
gezierten Oberlichte über dem Tore wiederholte sidi 
das Motiv des Doppeladlers. Sehr bedeutend waren 
im Innern die Pradittreppe und die gegen die 
Wollzeile geriditeten Festräume, deren glänzende 
Ausstattung dem I-Iofbaumeister Carlo Cannevale 
zugesdirieben wird. 
Die mit köstlidien Stukkaturen gezierten Stallungen 
im Hoftrakt des Palastes haben auf Wiener Boden 
kaum ihresgleidien gefunden. Der Prunksaal über- 
traf an Sdiöiiheit riodi Prinz Eugens berühmten 
Stall im Belvedere. Der Flädieninhalt der barocken 
Stukkodedre betrug ca. 72 qm (12 mal 6)'; sie 
stellte eine Art Tonnengewölbe vor, an deren bei- 
den Stirnseiten Jagden in perspektiver Landschaft 
dargestellt waren. Die Mitte füllten herrlidie Szenen 
x 
rösdiensdilol? erblindeten die mächtigen Fensta 
ter einer diditen Sdsmutzsdiidit, der stolze 
schien unbewohnt und jedes Leben in ihm erst: 
Tatsächlich hatte Fürst Paar bald nach 191 
praditvollen Vertäfelungen der Repräsenta 
räume auf eines seiner Landsdilösser über! 
lassen, weil für die Säle, trotzdem sie unter ] 
malsdiutz standen und für Wohnzwecl-te nii 
Betracht kamen, eine hohe Wohnbausteuer i 
sdirieben worden war, solange sie nidit im 
des Gesetzes ,unbewohnbar' gemacht wui 
Die Anwendung dieser ebenso merkwürdige: 
sinnwidrigen Verfügung auf den Palast 1JESd1l( 
ten dessen Auflösung. Aber nodi dauerte r 
raume Zeit bis zum gänzlichen Abbrudi, de 
nadi harten Kämpfen der daran interessierten 
len im Jänner 1938 in Angriff genommen vi 
Die Gesamtkosten des Umbaues des Palais 
und des anstoßenden Hauses Wollzeile N 
wurden mit 3,700.000 Sdiilling veranschlagt, ' 
der Assanierungsfonds 1,400.000 Sdiillinge l: 
stelltes. 
Und wie einst die Postkutsdien der Paarsdien 
landpostmeisterei nadi allen Windrichtungen hi 
gefahren sind, so zerflatterte jetzt das Palai 
Fürsten selbst - wenigstens soweit es sid 
Prunkstüdtc des alten Baues handelt - in 
Welt. 18.000 Stüdt Dachziegel wurden für 
Dach der Grinzinger Kirdie bestimmt, da sic 
handgeformten Wiener Barodtziegel als ausge 
netes Material erwiesen und trotz ihres respekt 
Alters ihre modernen Kollegen nodi um einig 
Güte sdilugen '. 
Die präd1tigen Stiegengeländer, Meisterstüdti 
Sdimiedekunst, hatte sich Fürst Paar beim Ve 
des Palais vorbehalten. Tore und Geländer ft 
den Vertäfelungen, die bereits 1930 in den 
sälen abgehoben und auf den Paarsdien Besi 
Böhmen abtransportiert worden waren. Mit gx 
Vorsicht wurde unter Anwendung von Hebebä 
die uralte kleine Madonna, die aus dem 1783 
gehobenen Jakobskloster stammte, aus ihrer I" 
gehoben und unversehrt geborgen. Audi der Wa 
adler des rechten Eingangstores erreidite in 
schädigtem Zustand den Boden, dann aber kni 
seine weitausladenden Sdiwingen ab. Der z 
Adler, kostbarste Steinmetzarbeit wie die 
wurde infolgedessen mit peinlidister Sorgfalt 
fangen und kam so glüdtlich zur Erde. Wohi 
an der Front der Zedlitzgasse befindlidi gewe 
Figurengruppen kamen, die gleidifalls sorg 
abgehoben worden waren und an der Fassad 
Neubaues Aufstellung hätten finden sollen, ki 
idi nidit feststellen. Die einzigartigen Relief 
fürstlidien Marstall, u. a. eine Sauhatz, 
Orpheus, der durd-i den Klang seiner Leier die 
den Tiere bändigt, und ein Liebespaar, w: 
sadigemäß abgehoben und den städtischen Samt 
gen einverleibt w. 
Der letzte Besitzer des 1938 abgebrodienen 1 
war Fürst Alfons Paar. 
FUSSNOTEN von HA man pp. ss9-s64 
,WOLLZEILE NR. so ( LT. DR. imy _ 
IP.............. zzs, zu (n.i..i...a E. P............., w... 
J.i..i......i... ... ].i..i.....a..., 1927). 
in. w. IV, 571 (Ganze... a.. Stadt w... 1....... 
vom Ai..........v...;.. zu Wien). 
t r............ m. 
i man..." vom o. 12. 1936. 
I im... n. 189 (Paul Kortz, wi... am Anfang 4.. 20. 
i......i...., 1906). 
' Reidisposr vom 17.1. 1938. 
1 N. r.. im... vom s. 7. m7. 
' man..." vom 27. i. was. 
i Rcidispoxr vom H. i. ms. 
1' Reidispost vom is. 1. ms.
	        
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